Wiens Weste bleibt blütenrein

Blog6. September 2013, 21:33
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NSA-Horchposten in Wiener Nobelviertel dementiert – dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack

Aber nein doch, in dem weitläufigen US-Komplex in einer Wiener Villengegend residiert angeblich nun doch nicht der amerikanische Geheimdienst, von einem NSA-Horchposten soll schon gar nicht die Rede sein. Kein "Dritter Mann" würde heutzutage die Mühe auf sich nehmen, den langen Weg vom Stadtzentrum zu wagen, um dort dann doch nichts Geheimes zu erfahren, nicht einmal über Penicillin. Wiens Weste bleibt blütenrein.

Schade, wieder ein Abenteurer-Traum weniger: Spooky war es schon, als im Hintergarten des in der Nähe eines Wiener Schlossparks gelegenen US-Grundstücks noch eine riesige Satellitenschüssel stand. Warum eigentlich? Als man noch rätseln konnte, was sich in den Gebäuden hinter den oft heruntergelassenen Rollos so abspielte. Ob und wie da vielleicht die CIA am Werkeln war? Ob es gefährlich gewesen wäre, einfach mal so über den Zaun zu klettern? Ob die netten Sicherheitsbeamten dann immer noch so freundlich gewesen wären?

Open-Source-Zentrum

Nun ist alles offiziell und sehr, sehr langweilig erklärt: Nur ein Open-Source-Zentrum sei dort untergebracht. Sozusagen ein stets aktualisiertes Archiv für öffentlich zugängliche Meldungen, früher einmal geleitet vom amerikanischen Foreign Broadcast Information Center, sozusagen einer Subsubsub-Organisation des amerikanischen Nachrichtendienstes CIA.

Auch die tolle Satelliten-Schüssel - aufgrund moderner Technologien total antiquiert - ist längst abmontiert. Für Phantasiebegabte ein Jammer. Auf Satellitenbildern im Internet wirkt der ganze Gebäude-Komplex wie ein großzügig angelegtes Erholungszentrum oder Sanatorium in bester Lage.

Sturm im Wasserglas?

Im Westen Wiens also nichts Neues sondern Flaute nach dem vom Nachrichtenmagazin "Format" entfachten, angeblichen Sturm im Wasserglas, oder doch nicht? Sicher ist, dass Wien auch aufgrund seiner geopolitischen Lage seit langem für internationale Geheimdienste ein Tummelplatz ist. Zumindest seit 1945 ist nicht nur eine Villa im besagten Nobelviertel diplomatisch und strategisch klug zugeordnet. Die Wiener NSA-Horchposten-Frage mit der Postleitzahl A-1180 ist zunächst verbal abgewiegelt.

Jüngster Renner "Bullrun"

Nicht jedoch die Praktiken der NSA. "Bullrun" heißt der jüngste Renner im US-Nachrichtenjargon, ein System, mit dem die meisten Verschlüsselungssysteme geknackt oder umgangen werden können. Auch das kam dank Ed Snowden nun zu Tage. Manche von uns mögen es längst geahnt haben, nun wissen wir es genau. Der Nachgeschmack ist schal und ekelhaft.

Antibiotikum gegen Schnüffelei?

Die rechtlichen Fragen zu klären, wird eine Ochsentour werden. Auch die Frage, ob ein verschärfter Datenschutz, wie EU-Kommissarin Viviane Reding mit erfrischend klaren Worten fordert, überhaupt noch etwas ändern kann. Ob es tatsächlich ein wirksames Antibiotikum gegen nachrichtendienstliche Schnüffelei gibt. Nicht nur die Berufs- auch die Privatsphäre aller ist perdu – gleichgültig wie wichtig oder unwichtig am Telefon Gesagtes oder per E-Mail und Post Geschriebenes sein mag, wie beglückend oder deprimierend manche Kontostände sein mögen.

Die amerikanischen Metternich'schen Schnüffelnasen - und sicherlich nicht nur diese - wollen überall mithören, mitlesen. Wenn sie sich dabei unter Erfolgsdruck mit Interpretationen irren sollten, ist das nicht ihr Problem sondern das jeder einzelnen beobachteten Person. Basta. Schade nur, dass sie bei der Prävention von Terroranschlägen bisher nicht überzeugend waren.

Der nun offiziell dementierte, also wohl nicht existierende Wiener NSA-Horchposten hat übrigens laut "Format" das Potential, 70 Prozent der Wiener Telekommunikation zu kontrollieren. Da mögen bei etlichen Gesprächen die Ohren geklungen haben -  wenn es wahr ist.  Anderseits, warum sollte das eine phantastische Räubersgeschichte sein? Möglich ist heutzutage doch offenbar mehr als so manches bisher nur in kühnen Träumen Erdachtes. (Rubina Möhring, derStandard.at, 6.9.2013)

  • Nachrichtendienste können die meisten Verlüsselungssysteme umgehen - die neueste Enthüllung dank Ed Snowden. Im Bild Aktivisten mit Snowden-Maske in Brasilien.
    foto: reuters/ueslei marcelino

    Nachrichtendienste können die meisten Verlüsselungssysteme umgehen - die neueste Enthüllung dank Ed Snowden. Im Bild Aktivisten mit Snowden-Maske in Brasilien.

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