Glattauer: "Lehrer blenden aus, was sie alles anrichten"

Interview9. September 2013, 13:42
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Der Buchautor und Lehrer Niki Glattauer über die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern

Für den Lehrer und Buchautor Niki Glattauer ist das heimischen Schulsystem nur mehr mit Satire zu ertragen. In seinem neuen Buch "Mitteilungsheft: Leider hat Lukas ..." steht das Mitteilungsheft im Zentrum der Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern. Im Interview mit derStandard.at erklärt Glattauer, welche Rolle das Mitteilungsheft spielt, warum weniger Druck in der Schuldebatte vielleicht zu mehr Erfolg führt und welche Rolle die Eltern spielen könnten.

derStandard.at: Sie beschäftigen Sich in Ihrem neuen Buch mit dem Schulsystem anhand von Mitteilungsheften. Wie oft ist es Ihnen in Ihrer Schulkarriere "verlorengegangen"? 

Glattauer: Nie, das habe ich mich nicht getraut. Ich hatte eine sehr strenge Mutter. Das Mitteilungsheft zu "verlieren" hat üble Sanktionen nach sich gezogen. Ich habe es beinhart und geduldig ausgehalten und die Eintragungen hergezeigt.

derStandard.at: Sie versuchen über das Mitteilungsheft das heimische Bildungssystem in einer satirischen Art und Weise zu beleuchten. Ist es nur mehr so ertragen? 

Glattauer: Um ehrlich zu sein: ja. Nach zwei Büchern und vielen Jahren der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Schulsystem habe ich mir gedacht: Auf derselben Spur weiterzumachen ist sinnlos. Es dreht sich alles im Kreis, vor allem in der Politik. Ich wollte es von einer anderen Seite, nämlich von der humorvollen Seite, probieren. Ich wollte aber vor allem die Schulproblematik aus Elternsicht zeigen. Lehrer blenden aus, was zu Hause alles an Schule passiert und was sie alles anrichten. Eltern wiederum verstehen nicht, wie es Lehrern geht. In meinem Buch gibt es kein Miteinander, aber ich glaube, man bekommt die jeweilige Seite mit.

derStandard.at: Das Mitteilungsheft ist auch eine Art stille Post, über Probleme wird aneinander vorbeigeredet.

Glattauer: Ja, das ist richtig. Sehr viele der Mitteilungen in meinem Buch sind Mitteilungen aus Heften, die mir Freunde überlassen haben. Der Schulstreit wird immer noch über das Mitteilungsheft ausgetragen. Das ist anachronistisch. Dabei wird aber nicht voll die Wahrheit ausgesprochen. Man bekommt als Vater von der Lehrerin einen Rüffel, schreibt höflich zurück, denkt sich dabei aber etwas anderes. Das ist in der Form mein neues Buch. Als Gerüst gibt es das Mitteilungsheft, und als Fleisch gibt es dazu, was sich der Vater am Computer daheim wirklich denkt, wenn er sein Schultagebuch führt. Das, was er sich wirklich denkt, entlarvt unser Schulsystem.

derStandard.at: Was denkt er sich? 

Glattauer: Er übernimmt die Agenden seiner Frau und denkt, dass er das Ruder schnell im Griff hat. Falsch! Man gerät in einen Strudel, aus dem man nicht so schnell wieder herauskommt. Das ist die eine Erkenntnis, wie sehr die Schule das Familienleben des durchschnittlichen Österreichers bestimmt. Die Frage ist, ob das so sein muss.

derStandard.at: Hat sich das verändert? 

Glattauer: Eben nicht. Wenn, hat es sich sogar verschlechtert. Früher waren es andere familiäre Strukturen. Das hat sich geändert. Es ist eine Mär, dass die Kinder es heute leichter haben. Sie müssen immer mehr wissen. Die Anforderungen sind gestiegen, die zeitlichen Ressourcen der Eltern sind gesunken. Die Reaktion der Lehrerinnen und Lehrer in einem starren, gleich gebliebenen System: Dann muss das Elternhaus mehr machen.

derStandard.at: Wie sehen Sie die Verlagerung von Erziehungsaufgaben auf die Schule, wenn Eltern diese Aufgaben nicht mehr leisten wollen oder können? 

Glattauer: Ich kenne keine Eltern, die das nicht wollen. Ich kenne aber Eltern, oft Alleinerziehende, die das nicht können, weil die Zeit oder das Know-how fehlt. In meinem Buch ist das Kind, der Lukas, ein Gymnasiast der Mittelschicht. Es ist kein Restschulkind, ein ganz normales Mittelschulkind. In der Mittelschicht ist es so, dass die Eltern darüber klagen, dass die Schule nicht genug tut. Vice versa klagt die Schule, dass die Eltern ihre Aufgaben in die Schulen tragen. So wirft man sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu. In Wahrheit, weil beide ihre Rollen nicht mehr spielen können.

derStandard.at: Was bedeutet das?

Glattauer: Die Lehrerin, die glaubt, in erster Linie Wissensvermittlerin zu sein, kann ihre Rolle nicht mehr spielen. Das hat sich überholt, weil die Anforderungen sich geändert haben. Die Lehrerin, die sich engagiert, sitzt in der falschen "Hardware", weil sich die Schule nicht geändert hat.

derStandard.at: Überspitzt formuliert beschreiben Sie die Lehrer als pedantische Rechthaber und die Eltern als genervt, weil sie sich mit der Schule auch noch beschäftigen müssen. 

Glattauer: Ich habe versucht, das Wohlwollen aufzuteilen. Mein Buch soll ja keine Tragödie, sondern eine Komödie sein. Lehrer haben den Hang zum Pedantischen und Konservativen, zum Genormten und zur Wiederholung von dem, was sie als Schüler selbst erlebt haben. Viele versuchen auszubrechen, die haben es besonders schwer. Die, die innovativ sein wollen, können das sein, aber mit einem ungeheuren Mehraufwand, weil sie Agenden anderer übernehmen und dafür nicht belohnt werden. Sie bekommen weder mehr Geld noch mehr Anerkennung.

Mir geht es in meinem Buch um die Elternsicht: Diese sollten sehen, dass sich hinter der Lehrerin ein Mensch befindet. Der vermeintliche Fehler ist manchmal ein Missverständnis, manchmal eine Schwäche, über die man aber reden könnte. Die Eltern sollten sehen: So wie mir geht es vielen, so muss es nicht sein.

derStandard.at: Im Gegensatz zu Ihren früheren Büchern schwingt die Schulsystemfrage immer mit, steht aber nicht im Vordergrund. Warum?

Glattauer: Ich halte es natürlich für die entscheidende Frage. Die Wende kann nur kommen, wenn sich die "Hardware" verändert. Aber ich glaube nicht mehr, dass es so, wie derzeit Politik in Österreich geschieht, passiert. Es braucht einen anderen Hebel. Das könnten die Eltern sein.

derStandard.at: Wenige Wochen vor der Nationalratswahl: Wie würden Sie die Bildungspolitik der vergangenen Jahre beschreiben? 

Glattauer: Es sind die ganz großen Würfe nicht geschehen, die entscheidenden Reformschritte nicht passiert. Aus den bekannten Gründen: eine politische Pattstellung eine Gewerkschaft, die ihre Rolle spielt. Aber es gibt auch zu wenig politischen Willen. Wir haben eine Ministerin, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die große Reform zu machen, und sie hat sie nicht gemacht. Das ist nicht gelungen. Das ist schlimm. Wenn ich in die Zukunft schaue, frage ich mich, wie und in welcher Konstellation es anders sein sollte.

derStandard.at: Ist es eine Resignation vor der politischen Lösung und der Versuch einer Eltern-Lehrer-Lösung? 

Glattauer: Resignation ist das falsche Wort. Es ist ein anderer Weg. Dazu passt mein Lieblingsspruch: "Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab." Das trifft auch hier zu. Es funktioniert auf diese Art und Weise nicht. Möglicherweise funktioniert es, indem man Druck ablässt, Luft herauslässt und mehr Gelassenheit hineinbringt. Eines der großen Probleme im Schulsystem ist der Überdruck auf alle Beteiligten.

PISA, Zentralmatura, Bildungsstandards: Das permanente Gefühl zu haben, dass wir ein schlechtes Schulsystem haben, und als Reflex immer mehr vom selben zu machen ist falsch und hat einen ungehörigen Druck erzeugt. Dieser Druck ist für die Pattstellung mitverantwortlich. Alle stehen irgendwie mit dem Rücken zur Wand. Vielleicht wäre es klüger, Druck herauszunehmen.

derStandard.at: Jedes Jahr zu Schulbeginn gibt es das gleiche Ritual, das Schulsystem wird kritisiert. Ist die Ironie in Ihrem Buch nur mehr Galgenhumor? 

Glattauer: Nein. Es ist ein gangbarer Weg, der möglicherweise mehr Veränderung bringt, als die politischen Positionen weiter einzuzementieren: Eltern zu mobilisieren, sie nicht aufzuhetzen, sondern ihnen zu zeigen, dass es vielen so geht und es so nicht sein muss. Möglicherweise bringt das mehr als politische Agitation oder eine Pressekonferenz.

derStandard.at: Sie erwähnen in Ihrem Buch, dass 70 Prozent der Streits in Familien in Österreich durch Schulthemen ausgelöst werden. In Skandinavien sind es 15 Prozent. Woran liegt das? 

Glattauer: Anders als in Skandinavien erledigen wir Probleme der Schule nicht in der Schule, sondern tragen sie mit den Schultaschen nach Hause. Dort werden die Eltern dafür zuständig gemacht. Bei uns übt das Gymnasiumkind in erster Linie zu Hause, und die Eltern schauen darauf. Ich finde, das sollte in der Schule passieren. Ich bin für die Übung, aber sie sollte Teil des schulischen Komplexes werden.

derStandard.at: Die Schule sollte abgeschlossener sein? 

Glattauer: Eltern sind fürs Gernhaben zuständig. Für die Schule ist die Schule zuständig. Das wird ununterbrochen vermischt. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 9.9.2013)

Niki Glattauer ist Autor und Lehrer in Wien, davor war er als Journalist tätig. In den vergangenen Jahren veröffentlichte er die Bücher "Der engagierte Lehrer und seine Feinde" (2010) und "Die PISA-Lüge" (2011). Soeben erschien "Mitteilungsheft: Leider hat Lukas ..." (Kremayr & Scheriau).

  • "Eltern sind fürs Gernhaben zuständig. Für die Schule ist die Schule zuständig. Das wird ununterbrochen vermischt."
    foto: derstandard.at/pumberger

    "Eltern sind fürs Gernhaben zuständig. Für die Schule ist die Schule zuständig. Das wird ununterbrochen vermischt."

  • Das Buch "Mitteilungsheft: Leider hat Lukas ..." von Niki Glattauer ist im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen. Illustriert wurde das Buch von Verena Hochleitner.
    foto: verlag

    Das Buch "Mitteilungsheft: Leider hat Lukas ..." von Niki Glattauer ist im Verlag Kremayr & Scheriau erschienen. Illustriert wurde das Buch von Verena Hochleitner.

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