Fukushima - und kein Ende in Sicht

6. September 2013, 18:19
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Trotz täglicher Schreckensmeldungen aus dem havarierten Atomkraftwerk in Fukushima will Japans Regierung Reaktoren bald wieder ans Netz nehmen. Doch erst jetzt kommen die Ausmaße der Katastrophe vom März 2011 langsam ans Licht.

An diesem Wochenende entscheidet sich, ob die Rechnung des japanischen Premierministers aufgeht: Shinzo Abe will die Olympischen Sommerspiele 2020 nach Tokio holen. Um die Bedenken des Internationalen Olympischen Komitees hinsichtlich der austretenden Radioaktivität am Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu beschwichtigen, hat Abe die Krisenintervention zur Chefsache erklärt und sagte 360 Millionen Euro aus der Staatskasse zu.

Baldige Reaktivierung angestrebt

Noch aus einem zweiten Grund konnte Abe die - seit 2012 mehrheitlich verstaatlichte - Betreibergesellschaft Tepco nicht mehr auf eigene Faust agieren lassen: Seine regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) strebt die baldige Reaktivierung stillgelegter AKWs an.

Insgesamt gibt es in Japan 52 funktionsfähige Reaktoren. Derzeit sind jedoch nur zwei von ihnen in Betrieb. Am 15. September wird Japan aufgrund von Wartungsarbeiten vorübergehend sogar ganz ohne Atomstrom auskommen müssen. Auch der Bau neuer Atomkraftwerke soll fortgesetzt werden. Bisher deutete alles darauf hin, dass die ersten Meiler bereits 2014 wieder starten. Doch die zahlreichen Hiobsbotschaften aus Fukushima könnten diesen Zeitplan durchkreuzen.

Die neue Serie schlechter Nachrichten begann im August. Genau einen Tag nach der Oberhauswahl gab Tepco erstmals zu, dass radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer geflossen sei. Es folgte eine Reihe teils widersprüchlicher Meldungen über die Menge und die Höhe der Belastung mit Cäsium, Strontium oder Tritium. Die ausgetretene Radioaktivität beschränke sich auf die Hafengegend vor dem Reaktor, versicherte Tepco.

Falsche Infos von Tepco

Kurz darauf meldete das Unternehmen, dass aus einem der 350 provisorischen Behälter auf dem Gelände rund 300 Tonnen Wasser entwichen seien. Experten bezweifeln die Korrektheit dieser Schätzung - mindestens fünf Lecks wurden an den eilig zusammengeschraubten Metallcontainern bestätigt. Auch an anderen Stellen auf dem Gelände wurden Strahlenbelastungen festgestellt, die einen ungeschützten Menschen binnen Stunden töten.

Selbst unter normalen Umständen beträgt die Haltbarkeit der von Tepco genutzten Behälter nur fünf Jahre. Insofern hat die Regierung zu Recht gefordert, von nun an Behälter mit einer längeren Nutzungsdauer zu verwenden. Allerdings ist die Frage, wie schnell deren Bau umgesetzt werden kann.

Denn noch immer müssen die geschmolzenen Brennstäbe ohne Unterbrechung gekühlt werden. Dazu wird Wasser in die betroffenen Reaktoren eingeführt und anschließend radioaktiv verseucht wieder abgepumpt. Ebenfalls abgepumpt wird Grundwasser, das in die Kellerräume eindringt und sich dort mit belastetem Wasser vermischt. Täglich dringen Schätzungen zufolge rund 400 Tonnen Grundwasser in das Areal ein.

Endgültige Lösung unklar

Wie die endgültige Lösung für dieses Problem aussieht, ist klar: Es wird ins Meer eingeleitet werden müssen. Selbst der Chef der japanischen Atomaufsicht, Shunichi Tanaka, streitet diese Möglichkeit inzwischen nicht mehr ab. Allerdings will er das Wasser zuvor so stark filtern, dass es keine Gefahr für die Umwelt darstellt. Das jedoch dürfte kaum möglich sein – wegen der riesigen Menge und wegen des technischen Aufwands.

Ohnehin ist das auf dem Kraftwerksgelände gespeicherte Wasser das kleinere Problem: Das eigentliche Desaster spielt sich unterhalb des AKWs ab – dort, wo in den ersten Tagen nach dem GAU extrem hoch verseuchtes Wasser in Rohre und Schächte floss und wo die durchgeschmorten Brennstäbe möglicherweise inzwischen ohne jeden Schutz im Boden liegen.

Das zumindest betonen Atomexperten wie Hiroaki Koide, der als Wissenschafter am Reaktorforschungsinstitut der Universität Kioto arbeitet. Grundwasser, das mit diesem radioaktiven Material in Berührung komme, fließt bereits seit dem Zeitpunkt des Unfalls ungehindert in den Pazifik, ist Koide überzeugt. (Birga Teske aus Tokio, DER STANDARD, 7./8.9.2013)

  • Die Ausmaße der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima vom März 2011 kommen erst jetzt ans Licht.
    foto: reuters/pool

    Die Ausmaße der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima vom März 2011 kommen erst jetzt ans Licht.

  • Die Atomkatastrophe in Zahlen.
    grafik: der standard

    Die Atomkatastrophe in Zahlen.

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