Die Eltern als Sparringpartner

Kolumne8. September 2013, 17:00
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Warum es sinnvoll sein kann, seine pubertierenden Kinder als Austauschstudenten zu betrachten, und wieso man ihnen dennoch Verantwortung übertragen sollte

Ein Leser schreibt:
In den letzten drei Monaten stellen wir eine große Veränderung bei unserem elfjährigen Sohn fest. Er ist oft launisch und macht sowohl uns als auch seinem achtjährigen Bruder das Leben schwer. Es ist wie in einer Achterbahn. Wenn wir die Wochenenden oder Feiertage miteinander verbringen, kommt er wieder zurück zu seinem alten Selbst, aber sobald er in der Schule und mit seinen Freunden zusammen ist, wird er mürrisch und reagiert nicht mehr auf uns.

Besonders schlimm ist es, wenn er von seinen Freunden zurückkommt. Wir glauben, dass er das Gefühl hat, dass seine Freunde viel mehr Freiheit haben als er: Sie gehen spät ins Bett, kaufen sich ständig Süßigkeiten und andere Dinge vom Geld ihrer Eltern.

Wir versuchen einige seiner Wünsche zu erfüllen. Wir wissen auch, dass wir loslassen müssen, aber er ist nie zufrieden und glücklich. Er sieht ständig das Negative, nie etwas Gutes oder Positives. Wenn etwas passiert, dann gibt er immer den anderen die Schuld.

Seine negative Haltung uns und seinem Zuhause gegenüber macht uns mürbe. Wir versuchen ganz ruhig mit ihm zu reden, und oft scheint er zu verstehen. Doch am nächsten Tag ist er wieder ablehnend. Er ist beliebt bei den anderen, aber er erlebt nicht so viel, mit dem er sich rühmen kann, wie die anderen Burschen in seiner Klasse.

Wie können wir uns unserem Sohn annähern und ihn erreichen?

Jesper Juul antwortet:
Was Sie beschreiben, ist das normale Bild eines Elfjährigen in der Pubertät. Er trifft auf neue Referenzen in seinem Leben - auf Freunde -, und es beginnen große Umbauarbeiten in seinem Gehirn, das bis jetzt immer zur Zufriedenheit aller gearbeitet hat. In den nächsten Jahren werden sich sein Verhalten und sein Charakter ändern. Nicht nur in Bezug auf seine Stimmungen, sondern auch in Bezug auf die Fähigkeiten, die er vorher hatte. Die scheinen im Moment verschwunden zu sein.

Betrachten Sie ihn jetzt, als wäre er ein Austauschstudent aus einer "anderen Kultur", und lernen Sie dabei, wie Sie mit ihm umgehen können. Ihre Beschreibung erinnert mich an eine Erfahrung aus einem Gespräch mit einer "Patchwork-Familie". Die Mutter stellte ihre Familie vor und schloss mit folgenden Worten über ihren elfjährigen Sohn: "Er ist jetzt in einem Alter, in dem ihm die Familie nicht mehr so wichtig ist." Die Frau saß neben ihrem Sohn, dem ein paar Tränen über die Wangen rannen. Als ich ihn danach fragte, sagte er: "Das ist nicht wahr, Mama! Meine Familie bedeutet immer noch sehr viel für mich. Ich verbringe jetzt nur mehr Zeit mit meinen Freunden!"

Aufgabe ohne Verantwortung

Ihr Sohn sucht nun seine eigene Art und Weise, um sich in der Welt zurechtzufinden. Würde ich ihn bitten, ein Abendessen für die Familie zuzubereiten, würde er wohl versuchen, ein guter Koch zu sein und mit allem zu experimentieren, was zur Verfügung steht, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn seine Eltern sich aber ständig einmischen und sagen, dass sie so etwas niemals essen würden, dann fühlt er sich bewertet. Er fühlt, dass die Energie, die er einsetzt, nicht geschätzt wird. Es wurde ihm sozusagen eine Aufgabe erteilt, aber nicht die Möglichkeit gegeben, auch dafür verantwortlich zu sein.

Das Ende des Unterrichts

Der beste Weg, um ihrem Sohn in seiner neuen Rolle zu begegnen, ist in Form eines "Sparringpartners". Das bedeutet, ihm eine Art Trainingspartner zu sein, maximalen Widerstand zu leisten und minimalen Schaden anzurichten. Er braucht jetzt Ihre Antworten und Rückmeldungen, mit der traditionellen Form der Erziehung in Form von "Unterricht" ist es nun vorbei. Er braucht ehrliches, authentisches und persönliches Feedback.

Je mehr Sie über seine neuen Versuche und Möglichkeiten des "Menschseins" richten und diese bewerten, desto mehr wird er Ihren Weg des Seins ablehnen.

Wenn wir das Bild mit ihm als Koch für die Familie hernehmen, so ist es nicht nur in Ordnung, sondern es ist sogar wichtig zu sagen: "Das hat mir nicht gefallen" oder "Mmhh, das hat gut geschmeckt."

An Konflikten wachsen

Das kann zu Konflikten führen, aber es sind Konflikte, an denen beide Parteien wachsen. Das wiederum stärkt die Beziehung in beide Richtungen. Wenn Sie glauben, dass Ihr Sohn von Ihrer Erfahrung und Perspektive profitieren kann, dann warten Sie zuerst auf seine Einladung. Das bedeutet, ihm zu vermitteln: "Ich möchte mit dir über das reden, was wir gestern zu essen bekommen haben. Hast du Zeit?" Dabei müssen Sie auch ein Nein aushalten können. Sie haben nicht mehr automatisch Zutritt zu seinem Bewusstsein und nicht mehr seine Erlaubnis, jederzeit alles sagen zu dürfen.

"Auszahlung" in zehn Jahren

Ihre Zeilen vermitteln mir den Eindruck einer Familie mit zwei engagierten, liebevollen und verantwortungsbewussten Eltern, die wunderbare Arbeit geleistet haben. Vielleicht mit der Tendenz, ein wenig "zu vernünftig" zu sein. Sie werden Ihre wohlverdiente Belohnung dafür bekommen - allerdings wird die Auszahlung noch etwa zehn Jahre dauern.

Bis dahin gibt es außer Ihrer Anwesenheit nur eine Sache zu tun: Lieben Sie Ihren Sohn so, wie er in seiner Einzigartigkeit ist, selbst wenn das das Schwierigste ist. Das ist es, was er wirklich braucht, um das er aber nicht fragen kann. Sie haben ihm das Vertrauen und die Grundlage geben, die beste Person zu sein, die er sein kann - auch mit seinen Fehlern. (Jesper Juul, derStandard.at, 8.9.2013)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 22. September.

  • Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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