Günter Neuwirth: Wann brennt der Wald hinter meinem Haus?

8. September 2013, 08:18
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Kalifornien, Portugal und Russland. Aber brandgefährlich war der Sommer 2013 mitunter auch in Österreich. Hören will das jedoch niemand, auch nicht der Gemeinderat

"Ach, Herr Neuwirth, geben Sie doch einmal eine Ruh! Wir können das nicht mehr hören. Klimawandel! Das Thema hat sich schön langsam wirklich abgenützt." Der Diskussionsverlauf im kleinen Gemeindesaal kippt eindeutig in eine Richtung. Es ist nicht die Richtung, in die ich wollte. Die zwei anwesenden Damen und vier Herren mittleren Alters haben genug von meinen Unkenrufe, denken sich insgeheim, ich solle mich doch zu meinen Artgenossen in den nächstbesten Teich begeben und dort im Schlamm versinken, ich Kröte. Dabei ist es mir ernst!

Nicht wegen des Klimawandels. Was weiß ich schon vom Klimawandel? Ja, man liest Bücher, Artikel in Zeitschriften und Onlinemedien, man will ein aufgeklärter Bürger sein und nicht immer in der selbstverschuldeten Unmündigkeit trüber Tümpel fischen, aber ich persönlich habe noch keine systematischen Eiskernbohrungen im grönländischen Festlandeis gemacht, ja, ich habe noch nicht einmal in der Ostantarktis einem Gletscher beim Kalben zugesehen. Kein einziger Teilchenbeschleuniger steht in meinem Keller, und nicht ein klitzekleines Rasterelektronenmikroskop verstaubt in meiner Besenkammer. Also was in Dreiteufelsnamen soll ich zu dem Kauderwelsch sagen, den die Naturwissenschafter so verzapfen?

Verifikation und Falsifikation, das sind die zwei Pingpong-Großmeister des naturwissenschaftlichen Weltbildes, deren unermüdliches Spiel alle Rekorde menschlicher Wissenssammlung durchbrochen hat, mit der Folge allerdings, dass ich als Ochsenkröte der Gutgläubigkeit genau nichts verifizieren oder falsifizieren kann, was da so behauptet wird.

"Schauen Sie, ich will ja gar nichts über den Klimawandel sagen, da kenne ich mich eh nicht aus, also im Detail meine ich, die Prinzipien, na gut, die Prinzipien kann man ja überall nachlesen, aber was ich vielmehr sagen will, ist Folgendes." Die Schar der versammelten Diskutanten der Gesprächsrunde in der südlichen Steiermark schaut mich mit müden Augen an. Eltern haben solche Augen, wenn nach der dreizehnten durchwachten Nacht die Blähungen ihrer Neugeborenen wieder einsetzen.

"Was, Herr Neuwirth, was wollen Sie uns sagen?"
"Der letzte Sommer. Pontebba. Hermagor. Der Schöckl."
"Und?"
"Diese Gegenden liegen nicht irgendwo auf anderen Kontinenten, was weiß ich, in Nordamerika, Ostasien oder Südafrika. Das ist sozusagen unsere Haustür. Verstehen Sie meine Befürchtung?"

Sie verstehen nicht, oder zumindest nicht so, wie ich das verstehe. Die Kaulquappen böser Visionen tummeln sich im brackigen Gewässer meiner Gedanken, sie rangeln sich im unerbittlichen Wettkampf der Evolution zu konkreten Denkfiguren. Ich sinniere. Also, was wäre da zuallererst zu tun? Eine halbe Million Österreicher sollte auf der Südautobahn zwischen Wien und Villach mit Krampen und Schaufel die Bodenversiegelung aufheben und Gänseblümchen pflanzen. In den steirischen Bereichen der Autobahn könnte man es auch mit Kürbissen versuchen, diese Frucht gedeiht in den hiesigen Breitengraden recht gut. Dann wären per Verfassungsgesetz alle Motorsportveranstaltungen im Bundesgebiet ausnahmslos zu verbieten.

Kraftfahrzeuge mit Verbrennungskraftmotor bekämen einfach keine Typenscheine. Wer Ski fahren will, müsste im Schweiße seines Angesichts die schneebedeckten Berge hochstapfen. Der Flughafen Schwechat müsste zu einem Asylantenheim umgebaut werden, auf den Landepisten könnte man Erdäpfel und Paprika pflanzen. Von wegen Selbstversorgung der ausländischen Gäste. Und weil wir schon beim Thema Schwechat sind, die dortige Raffinerie könnte kostenschonend zu einem Museum umfunktioniert werden. Einfach den Strom abdrehen und die Ventile der Pipelines schließen, schon stünde das Werk in seiner zeitlos technoiden Schönheit still. Die kulturelle Betätigung unserer Enkel sollte uns das schon wert sein, meinen Sie nicht?

Selbstverständlich sage ich solche Dinge niemals laut, ich bin schüchtern und harmoniebedürftig, ich will die Leute nicht verschrecken, beängstigen oder verärgern. Und jetzt wo in der Steiermark, im schönen Spielberg, bald wieder Formel-1-Rennen stattfinden, da darf man doch nicht den Laubfrosch vom Dienst spielen, oder? Es ist die Wirtschaft, Dummerle!

Wenn da die Wälder nicht wären. Über und über ist die Steiermark mit Wäldern überzogen, egal in welche Richtung man schaut, überall stehen Bäume herum. Und die Exemplare, die nicht in Überschwemmungen davongespült werden, die nicht vom Wind der Länge nach hingeworfen werden und die nicht oder noch nicht der Säge des tüchtigen Forstarbeiters Späne geben, sie trocknen und trocknen, und jedes Jahr trocknen sie mehr, und wenn es einmal ein paar Monate feucht im Wald ist, dann ist es ein paar Monate später wieder trocken und heiß. So wie in diesem Jahr übrigens.

Sommer 2013. Für den Fremdenverkehr war der Sommer super. Und für ein paar Feuerwehrleute auch. Die kraftstrotzenden Burschen vom Land brauchen doch eine schöne Aufgabe im Leben.

Brackige Gedankengewässer

Wie den meisten kleinmütigen Leuten, geht auch mir mein Wohlergehen und das meiner Freunde und Lieben über alles, ich bin ein Frosch, Sie wissen schon, und verflixt aber auch, mein Haus steht haarscharf am Waldrand der Koralpe. Schöne Wandergegend übrigens. Hier gedeiht köstlicher Wein, und die Edelkastanie wächst ganz natürlich im Wald. Im Herbst gehe ich gern die Hügel hinauf und sammle Kastanien, die in der Eisenpfanne über offenem Feuer geröstet und gesellig bei einem Glas Sturm verzehrt werden. Oder man sitzt abends hier beim herben Schilcher in der Buschenschank, isst köstlichen Käferbohnensalat mit viel dunklem Kernöl.

Dieses Land bietet so viel Schönes und Geschmackvolles. Und so viele Bäume, verdammt noch mal, so viele Bäume stehen da einfach überall herum. Fichten und Tannen auf Geheiß der Land- und Forstwirte, wegen des in früheren Jahrzehnten sehr guten Ernteertrags, oder mächtige Rotbuchen als die "arboren" Herrscher der tiefen Lagen und letzten Laubbäume auch in der Höhe, Eichen, Espen und an den Bachläufen Erlen.

Und alle Hölzer trocknen. Selbst die Erlen, wenn ihnen die kleinen Bäche über den Wurzeln ausdörren. Voriges Jahr trockneten sie, heuer trocknen sie, und wahrscheinlich werden sie nächstes Jahr wieder trocknen. Das wollen meine Diskussionsfreunde im kleinen Gemeindesaal nicht einsehen.

Vielleicht weil sie den Wald nur als Parcours für ihre immens schicken Mountainbikes kennen? Vielleicht weil die Nachrichten im Fernsehen nichts mit den Wirklichkeitsstrukturen zu tun haben, in denen sie sich selbst festgehakt finden? Vielleicht weil die soziokulturellen Referenzrahmen ihrer Erkenntnisleistungen längst einem unaufhaltsamen Drift unterworfen sind? Ich weiß es nicht. Nein, es geht in dieser Sitzung nicht um die Pläne der regionalen Selbsthilfegruppe des österreichischen Zivilschutzes, um die Budgetierung der örtlichen Katastrophenvorsorge oder die Neuausstattung der Freiwilligen Feuerwehr mit geeignetem Gerät für Brandeinsätze im Hochwald.

Es geht auch nicht um örtliche Baumaßnahmen zur Anpassung an sich häufende Extremwetterereignisse. Und schon gar nicht geht es um die Verbesserung der Welt durch effiziente Methoden des Umweltschutzes. Es geht um ein Krötenthema, und bald werde ich einem französischen Haubenkoch mit besten Empfehlungen überantwortet werden.

"Herr Neuwirth, Sie wollen also unseren braven Wirtschaftstreibenden Schaden zufügen. Haben wir das richtig verstanden? Sie wollen also ernsthaft, dass wir nächstes Jahr auf unsere traditionsreiche Oldtimerrallye verzichten? Eine Veranstaltung, die so viele begeisterte Zuseher anlockt und über die immer wieder im lokalen Fernsehen berichtet wird! Weil im Sommer am Schöckl ein paar schiefe Stauden gebrannt haben?"

Ich fange eine Fliege und schlucke sie. Von irgendetwas müssen auch Frösche sich ernähren. Ja, jetzt kommt der schöne Herbst und der feine Wein, und später kommt der erste Schnee und der Abfahrtslauf im Kunstschnee von Schladming, und alles ist wieder gut.

Jetzt weiß ich die richtige Antwort auf meine Frage. Lass dich einfach überraschen!      (Günter Neuwirth, Album, DER STANDARD, 7./8.9.2013)

Foto: privat

Günter Neuwirth, geboren 1966 und aufgewachsen in Wien, besuchte die HTL für ­Maschinenbau und Schweißtechnik und studierte Philosophie und Germanistik. Laut Eigendefinition: Romancier, Satiriker, Waldschrat, Philosoph, Ingenieur und ­Musikant. Neuwirth lebte in Graz, heute wohnt er am Waldrand der Koralpe in der Südweststeiermark und in Wien. Nach ­seinem ersten Roman "Erdenkinder" erschien im Juli 2013 sein zweiter Kriminalroman „Neumondnacht“ im Molden-Verlag.

  • Sommerliches Österreich: Für den Fremdenverkehr war der Sommer super, für ein paar Feuerwehrleute auch (hier etwa für 300 von ihnen Ende Juli am niederösterreichischen Steinfeld). Die Burschen brauchen doch eine schöne Aufgabe ...
    foto: apa/lechner

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