Demenz: "Es ist nicht alles ganz, ganz schrecklich"

Interview7. September 2013, 12:09
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Gerontopsychologe Alexander Aschenbrenner fordert einen Perspektivenwechsel im Umgang mit Demenz und die Inklusion von Betroffenen in die Gesellschaft

Die Ars Electronica in Linz widmet sich vom 5. bis 9. September dem Motto "Total Recall - The Evolution of Memory". Mit dem Erinnern untrennbar verbunden ist das Vergessen, das in Form der Demenz wohl seinen radikalsten Ausdruck findet. Dem "Leben mit dem Vergessen" ist im Festivalprogramm ein eigener Schwerpunkt gewidmet, bei dem sowohl Betroffene als auch Experten über ihre Erfahrungen mit Demenz berichten. derStandard.at sprach im Vorfeld mit dem Gerontopsychologen Alexander Aschenbrenner.

derStandard.at: Werbesujets von Versicherungen präsentieren den alternden Menschen als körperlich topfit und geistig vital, sich permanent neuen Herausforderungen stellend. Von Demenz keine Spur.

Aschenbrenner: Das sind Altersbilder, die sehr überzogen sind und nicht der Realität entsprechen. Grundsätzlich besitzt ein alter Mensch, der nicht von Demenz betroffen ist, die Fähigkeit sich Neues zu merken - er braucht nur länger. Aber zum Älterwerden gehören schon auch Verluste dazu und die tatsächliche Herausforderung - im Sinne eines erfolgreichen Alterns - ist es, gut mit diesen Verlusten - körperlich, sozial und auch psychisch - umzugehen und zurechtzukommen. Wichtig wäre etwa die Einsicht, nicht mehr die ganze Welt bereisen zu können, sondern ganz bewusst zu selektieren was einem am wichtigsten ist.

derStandard.at: In Österreich sind rund 120.000 Menschen von Demenz betroffen. Die WHO rechnet mit einer Verdoppelung der Fälle bis zum Jahr 2050. Lässt sich diese mögliche Entwicklung auf die steigende Lebenserwartung zurückführen?

Aschenbrenner: Demenz ist eindeutig eine Alterserscheinung, das zeigen auch die relativen Auftrittshäufigkeiten: 1,2 Prozent der 65- bis 69-Jährigen haben Demenz, sechs Prozent der 75- bis 79-Jährigen und bei den 85- bis 89-Jährigen steigt die Rate auf etwa 23 Prozent. Einerseits stellt diese Entwicklung eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft dar, andererseits sollte es zur Normalität zählen, dass wir mit dementen Menschen zusammenleben.

derStandard.at: Das heißt, Demenz sollte auch als natürlicher Teil des Älterwerdens betrachtet werden?

Aschenbrenner: Genau. Dafür wird es aber einen Perspektivenwechsel brauchen, der bedeutet: Weg von der Krankheit. Heute sprechen wir im Zusammenhang mit Demenz ja noch immer  von der 'Geißel des Alterns'. Was wir benötigen sind neue Wohnformen, neue Betreuungskonzepte und neue Ansätze der Inklusion, die ein gemeinsames Leben mit den Betroffenen ermöglichen.

derStandard.at: Von diesem notwendigen Perspektivenwechsel scheinen wir aber noch weit entfernt zu sein. Laut einer Umfrage der Deutschen Krankenversicherung würden 53 Prozent der Deutschen lieber sterben als mit der Diagnose "Demenz" zu leben.

Aschenbrenner: Da ist noch viel Sensibilisierungsarbeit nötig. Wir müssen von diesem extrem negativen Bild der Demenz wegkommen. Klar, in unserer Leistungsgesellschaft ist das Kognitive - im Sinne von schnell sein und gut denken können - sehr wichtig. Auf der anderen Seite verlieren Demenzbetroffene aber nicht die zentralen Aspekte des Menschseins. - Das heißt, sie sind liebes- und beziehungsfähig, zeigen Humor und können sich immer noch für Dinge begeistern. Gegenwärtig ist es aber so: Wenn wir von Demenz sprechen, dann gehen wir davon aus dass alles ganz, ganz schrecklich ist - sowohl für die Betroffen als auch für die Angehörigen.

derStandard.at: Welche neuen Konzepte oder Ideen gibt es bereits?

Aschenbrenner: Bei den Wohnformen sollten wir uns vom klassischen Seniorenheim verabschieden und statt dessen kleinere Betreuungseinrichtungen - sogenannte 'Demenz-WGs' - etablieren. Das sind Wohngruppen, in denen eine individuelle Betreuung möglich ist und wo auch mehr Normalität gelebt werden kann - im Sinne von gemeinsam kochen und essen beziehungsweise gemeinsam den Alltag gestalten. Diese WGs sollten aber nicht irgendwo am Stadtrand liegen, sondern im Zentrum. - Nur so kann Inklusion auch gefördert werden.

derStandard.at: Mit zunehmendem Alter werden wir alle vergesslicher. - Das macht mitunter auch Angst. Wo liegt nun die Grenze zur Demenz?

Aschenbrenner: Es gibt ja auch diese Witze wie "Alzheimer lässt grüßen" oder "Jetzt ist er da, der Alzheimer". Solche Aussagen gehen aber in die falsche Richtung, denn Demenz hat eine andere Qualität, die über die altersgemäße Vergesslichkeit weit hinausgeht. Es ist völlig normal, wenn jemand einmal die Schlüssel verlegt und eine Telefonnummer oder einen Namen vergisst. Bei Demenz im Anfangsstadium tritt das aber gehäuft auf, wobei davon auch die Orientierung betroffen ist. Die meisten Menschen merken in so einem Fall auch, dass da irgendwas nicht passt und versuchen das vorerst zu kaschieren. Demenzbetroffene sind häufig Meister im Kaschieren ihrer Erkrankung - deshalb wird das im Anfangsstadium von den engsten Angehörigen meist auch nicht erkannt.

derStandard.at: Wie können Angehörige und Freunde adäquat reagieren?

Aschenbrenner: Es ist wichtig darüber zu sprechen und nicht zu tabuisieren. In einem weiteren Schritt sollte auch offen mit dem Hausarzt gesprochen werden. Zudem braucht es auch neurologische Untersuchungen, um gegebenenfalls abklären zu, ob es wirklich eine Form der Demenz ist. Schließlich können auch andere Faktoren oder andere Krankheiten eine Rolle spielen. - Eine Depression führt beispielsweise auch zu einer starken Konzentrationsschwäche. Sollte es sich wirklich um Demenz handeln, dann gibt es Angebote wie Selbsthilfegruppen, wo sich Angehörige austauschen können. Letztendlich geht es aber darum zu verstehen, was im Kopf des betroffenen Menschen vorgeht. Dafür ist es aber wichtig viel über seine Biografie zu wissen.

derStandard.at: Was meinen Sie konkret damit?

Aschenbrenner: Den von Demenz betroffenen Menschen in seiner Geschichte und Identität wahrnehmen. Es wird hier oft der Vergleich mit Kindern herangezogen, aber es ist aus psychologischer Sicht ganz wichtig zu sagen, dass Demenzbetroffene nicht wie kleine Kinder sind, sondern nach wie vor Anteile in sich haben, die im Langzeitgedächtnis abgespeichert sind und auch aktiviert werden können. Selbst im dritten Stadium der Demenz kann man zu dem Menschen noch Kontakt aufnehmen - etwa über schöne Erfahrungen des Betroffenen von denen man auch weiß. Deshalb lautet mein Ansatz auch: "Ohne Biografiearbeit geht gar nichts, das ist ein Muss".

derStandard.at: Haben Sie persönlich Angst vor Demenz?

Aschenbrenner: Eine gute Frage. Demenz kann jeden treffen, unabhängig davon ob er Universitätsprofessor war oder nicht. Natürlich beschäftigte ich mich als Gerontopsychologe auch mit meinem eigenen Altern. Es kann natürlich auch mich treffen, klar. Wenn ich weiß, dass ich gut betreut werde, dass ich meine Identität als Dr. Aschenbrenner leben kann und nicht irgendwo in einem Seniorenheim in einem Zimmer alleine bin, sondern Dinge tun kann, die mir guttun, dann wird die Angst natürlich kleiner. Aber eine gewisse Angst davor haben wir als Menschen einfach so in uns drinnen und das darf auch so sein. (Günther Brandstetter, derStandard.at, 6.9.2013)

 

Alexander Aschenbrenner ist Gerontopsychologe und Leiter der Demenz-Beratung des Diakoniewerks in Salzburg. Am Sonntag (8.9.2013) hält er im Rahmen der Ars Electronica einen Vortrag über Demenz.

Veranstaltungstipp:
Demenz - Leben mit Vergessen
Referenten: Neurologe Klaus-Dieter Kieslinger, Gerontopsychologe Alexander Aschenbrenner und Sylvia Boubenicek, Leiterin eines Tageszentrums für Demenzpatienten
Wann: Sonntag, 8.9.2013, 16:00
 Uhr
Wo: Ars Electronica Center, Sky Media Loft

  • Witze wie "Alzheimer lässt grüßen" sind laut Alexander Aschenbrenner nicht angebracht - schließlich geht Demenz über die altersgemäße Vergesslichkeit weit hinaus.
    foto: diakoniewerk salzburg

    Witze wie "Alzheimer lässt grüßen" sind laut Alexander Aschenbrenner nicht angebracht - schließlich geht Demenz über die altersgemäße Vergesslichkeit weit hinaus.

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