Wir brauchen gute Lehrer

Blog6. September 2013, 20:57
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Der Lernerfolg ist von den Lehrkräften abhängig, sagen viele Erhebungen. An "Problemschulen" sind sie besonders gefordert

Wer trägt die Verantwortung, wenn Schüler nichts vom Unterricht mitnehmen? Es kommt wohl zunächst darauf an, in welcher Schulform sich die Kinder befinden, wie die Bildungseinrichtung geführt wird, wie groß die Klassen sind und ob der Unterricht frontal oder offen gestaltet wird. Dann kommt es aber auch auf die Schüler selbst an, da sie am besten wissen, wofür sie sich interessieren und was sie davon lernen wollen. Nach diesem Selbstverständnis funktionieren viele Schulen, auch jene, die die Kinder aus unserer Betreuungseinrichtung besuchen.

John Hattie aber sieht das entschieden anders: Der Pädagoge sei der Hauptverantwortliche, er trägt Verantwortung für Erfolg und Misserfolg, sagt der mittlerweile prominente Bildungsforscher aus Neuseeland. Überhaupt sollen Schulstrukturen - also kleine Klassenräume, offener Unterricht oder jahrgangsgemischtes Lernen - wenig Einfluss auf den Lernprozess der Schüler haben. Dazu forschte er jahrelang: Er abeitete mit 800 Metaanalysen, die 50.000 englischsprachige Einzelstudien zusammenfassten, und wertete diese aus. Die finanzielle Ausstattung einer Schule habe letztlich einen geringen Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler, ist darin zum Beispiel zu lesen. Das bestätigte auch eine Jahresuntersuchung der Hamburger Schulinspektion.

So weit zur Forschung. Die Lernpraxis, die ich erlebe und von Betroffenen erzählt bekomme, würde Hatties Ansatz bestärken. Eine Vielzahl der Kinder und Jugendlichen, die ich kennenlernte, weisen große Lernlücken in Englisch, Mathematik und vielen anderen Fächern auf. Sie waren zwar in die dritte oder vierte Klasse aufgestiegen, verstehen aber beispielsweise nur sehr wenig von dem, was sie als Hausübung bekommen.

Ein Schüler erzählte mir einmal, dass er nichts zu lernen brauche, da seine Lehrerin ihn ohnehin während der Prüfungen abschreiben lasse. Ein schwerwiegender Vorwurf. Gleichzeitig erlebe ich auch viele, vielleicht die Mehrheit an bemühten Pädagogen, die es sich zur ersten Aufgabe gemacht haben, den sozial benachteiligten Jugendlichen zur Seite zu stehen.

Aber gerade an Bildungseinrichtungen, an denen Lehrer überfordert sind, schleicht sich oft Unachtsamkeit ein: Dort, wo der Misserfolg in der Mehrheit ist, das Lernniveau nach unten rutscht, es nur wenige Erwachsene interessiert, was die Schule bringt, scheint es leichter tolerierbar zu sein, dass junge Heranwachsende auf der Strecke bleiben. Jene, die es sich leisten können, versuchen die Defizite der sogenannten "Problemschulen" durch private Lernbetreuung wettzumachen, andere, die kein Geld dafür aufwenden können, können nur auf einen guten Lehrer hoffen. (red, daStandard.at, 6.9.2013)

Der Autor ist Mitarbeiter einer Jugendbetreuungseinrichtung. Er möchte - vor allem im Sinne seiner jungen KlientInnen - anonym bleiben.

  • Bildungsforscher John Hattie meint: Der Pädagoge ist der Hauptverantwortliche, er trägt die Verantwortung für Erfolg und Misserfolg seiner Schüler.
    foto: apa/helmut fohringer

    Bildungsforscher John Hattie meint: Der Pädagoge ist der Hauptverantwortliche, er trägt die Verantwortung für Erfolg und Misserfolg seiner Schüler.

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