Brauchen Kinder Versicherungen?

6. Oktober 2013, 17:00
58 Postings

Beim Kinderarzt gleich drankommen statt zwei Stunden zu warten: Eine private Krankenversicherung für Kinder bringt zweifellos Vorteile. Es gibt aber auch gute Argumente dagegen

Mehr als ein Drittel der 11- bis 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in Österreich haben regelmäßig körperliche oder psychische Beschwerden. Bei 14,5 Prozent der Schüler wurde bereits eine chronische Erkrankung oder Behinderung diagnostiziert. Und 40,5 Prozent haben sich in den vergangenen zwölf Monaten so verletzt, dass sie medizinisch versorgt werden mussten. Das zeigt der österreichische WHO-HSBC-Survey.

Aus Sicht der Versicherungen ist die Sache also klar: Kinder brauchen so viel Absicherung wie möglich - neben einer Lebensvorsorge am besten auch eine private Unfallversicherung und eine Zusatzkrankenversicherung. Aber braucht es das wirklich?

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) befürwortet den Abschluss einer privaten Unfallversicherung grundsätzlich, da es Lücken in der staatlichen Unfallversicherung gebe. Dem deutschen Verbraucherschutz zufolge werden aber nur 0,45 Prozent der schweren Behinderungen von Heranwachsenden durch Unfälle verursacht. Die häufigste Ursache seien Krankheiten, daher sei eine Invaliditätsversicherung sinnvoller, meint der deutsche Verbraucherschutz. In Sachen Krankenversicherung sieht die Lage anders aus. "Die gesetzliche Krankenversicherung bietet eine gute Grundlage, sie reicht aus", sagt VKI-Pressesprecherin Andrea Morawetz.

Pro und Contra private Krankenversicherung

Doch warum schließen Eltern dann überhaupt eine private Zusatzkrankenversicherung für ihre Kinder ab? Einer Gallup-Umfrage zufolge erhoffen sich 36 Prozent der Befragten dadurch eine "bessere medizinische Versorgung". Tatsächlich ist es aber so, dass sich die Besserbehandlung nur auf einen höheren Komfort wie freie Arztwahl oder die Unterbringung in einem Zweibettzimmer im Krankenhaus, nicht aber auf eine qualitativ bessere medizinische Versorgung beziehen darf.

Manche Eltern bezweifeln die Notwendigkeit einer Zusatzversicherung. "Ich kenne viele, die eine private Krankenversicherung haben, auch für ihre Kinder", erzählt eine frischgebackene Mutter, die anonym bleiben möchte. Für sie selbst kommt das nicht infrage. "So eine Versicherung ist teuer und eine zusätzliche Belastung. Ich bezweifle, dass man das überhaupt braucht."

Antwort auf Zweiklassenmedizin?

Eine andere Mutter sieht das anders: "Ich habe für meine Tochter eine private Versicherung abgeschlossen, da ich der Überzeugung bin, dass es trotz ausgezeichneter Gesundheitsversorgung manchmal von Vorteil ist, auf Sonderklasse auszuweichen." Eine weitere zweifache Mutter pflichtet ihr bei. Sie hat für die gesamte Familie eine private Krankenversicherung und auch eine private Unfallversicherung abgeschlossen.

"Leider gibt es mittlerweile die Zweiklassenmedizin. Ich bin nicht bereit, beim normalen Kinderarzt über zwei Stunden zu warten, obwohl ich einen Termin habe." Bei ihrer privaten Kinderärztin müsse sie nicht warten und könne rund um die Uhr anrufen. "Kinder sind prinzipiell von Freitagabend bis Montagfrüh krank", erzählt sie. Die privaten Ärztinnen und Ärzte nehmen sich mehr Zeit. Man ist nicht in fünf Minuten wieder draußen und hat die Hälfte der Fragen zu stellen vergessen, weil alles so stressig war."

Kündigen nach der Geburt

"Viele Eltern überlegen sich eine private Krankenversicherung für ihre Kinder, weil sie Angst haben, dass es die Sozialversicherung in dieser Form in Zukunft nicht mehr geben könnte", so VKI-Sprecherin Morawetz. Aber auch Frauen im gebärfähigen Alter seien oft bereit, eine private Krankenversicherung abzuschließen. "Es zeigt sich aber auch, dass diese häufig nach der Geburt wieder gekündigt wird." Ist eine Frau bereits schwanger, kommt sie übrigens nicht sofort in den Genuss der Versicherungsleistungen. Denn es gilt, Wartezeiten von bis zu neun Monaten einzuhalten. Damit wollen die Versicherer verhindern, dass eine private Krankenversicherung erst dann abgeschlossen wird, wenn Leistungen in Anspruch genommen werden.

Die günstigste Form der privaten Krankenversicherung für Kinder ist es, sie im eigenen Vertrag mitzuversichern. Auch die Wahl einer Variante mit Selbstbehalt hilft, Prämien zu sparen. "Für ein Kind alleine sind die Prämien relativ hoch, als Zusatz zum eigenen Vertrag sind sie günstiger", sagt VKI-Sprecherin Morawetz.

Je nach Versicherer sind die Bedingungen unterschiedlich. Grundsätzlich gibt es vor Abschluss eines Vertrags eine Gesundheitsprüfung. Personen mit Vorerkrankungen werden häufig nicht oder nur eingeschränkt oder mit Prämienzuschlag versichert. Manche Versicherer locken aber mit Prämienfreistellungen nach der Geburt oder versichern das Baby im ersten Jahr kostenlos. Und versprechen im Anschluss eine Mitversicherung des Kleinkinds ohne Gesundheitsprüfung. (Sonja Tautermann, derStandard.at, 6.10.2013)

  • Der Wunsch nach besserer medizinischer Versorgung ist laut einer Gallup-Umfrage der größte Antrieb für Eltern, eine private Unfall- oder Krankenversicherung abzuschließen.
    foto: apa/helmut fohringer

    Der Wunsch nach besserer medizinischer Versorgung ist laut einer Gallup-Umfrage der größte Antrieb für Eltern, eine private Unfall- oder Krankenversicherung abzuschließen.

Share if you care.