Mariahilfer Straße: "Die Vision ist zerbröselt"

Interview6. September 2013, 17:51
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Die neue Mariahilfer Straße ist ein Streitthema, sogar zwischen Befürwortern. Welche Versäumnisse Verkehrsexperte Hermann Knoflacher dem Grünen Rüdiger Maresch vorwirft und warum mit der Fußgängerzone politisches Kleingeld gemacht wird

Viel wurde diskutiert, erste Nachbesserungen bereits vorgenommen. Seit drei Wochen ist die Mariahilfer Straße in Wien zumindest abschnittsweise eine Fußgängerzone. Hermann Knoflacher, Verkehrstechniker an der Technischen Uni Wien, ist von der Umsetzung alles andere als begeistert: "Im Endeffekt ist ein Torso übriggeblieben", sagt er in Richtung Rüdiger Maresch, Grünen-Abgeordneter in Wien, der federführend an der Planung der neuen Mariahilfer Straße beteiligt war. Maresch verteidigt das Vorgehen seiner Partei: "Uns wurde von allen möglichen Seiten hineinregiert", deshalb habe man das ursprüngliche Konzept nicht eins zu eins umsetzen können.

derStandard.at: Herr Knoflacher, Sie treten für Verkehrsberuhigung in der Stadt ein. Seit drei Wochen läuft der Testbetrieb auf der Mariahilfer Straße, Sie sind von der neuen Fußgängerzone enttäuscht. Warum?

Knoflacher: Maria Vassilakous Entscheidung, die Fußgängerzone in der Mariahilfer Straße zu machen, ist politisch richtig. Im Laufe der Zeit wurden die ursprünglichen Pläne jedoch immer weiter zusammengeschnitten. Es muss eine Vision sein. Diese Vision habe ich bei den ersten Sitzungen, bei denen ich hinzugezogen wurde, verteidigt, die ist dann aber nach und nach zerbröselt.

derStandard.at: Wie sollte die Vision denn aussehen?

Knoflacher: Die ganze Mariahilfer Straße, zumindest von der Stiftgasse bis zum Gürtel, zur Fußgängerzone zu machen. Querungen stören dabei überhaupt nicht. Bei so vielen Fußgängern pendelt sich das ein. Außerdem sollte der 13A in absehbarer Zeit als Straßenbahn geführt werden.

derStandard.at: Herr Maresch, was ist bei den Vorbereitungen falsch gelaufen?

Maresch: Wir hatten uns das Konzept in etwa so überlegt, wie es Herr Knoflacher skizziert hat. Der Koalitionspartner in den Bezirken hat jedoch eine andere Meinung vertreten. Deswegen mussten wir Abstriche machen. Uns wurde von allen möglichen Seiten hineinregiert; auch vom sechsten und siebenten Bezirk sind Widerstände aufgetaucht. Vor Wahlen wird natürlich auch Kleingeld gemacht und die Todesfahrt des 13A heraufbeschworen.

Bei rund 10.000 Autofahrern, 2000 Radfahrern und zwischen 75.000 und 105.000 Fußgängern täglich auf der Mariahilfer Straße war aber von Anfang an klar, dass es keine klassische Fußgängerzone werden kann.

derStandard.at: Was sind die größten Probleme nach der Neugestaltung?

Knoflacher: Die Bedeutung des 13A wurde nicht berücksichtigt. Vom Fahrgastbeirat, dem ich vorsitze, ist Druck ausgeübt worden, aus dem Busverkehr eine Straßenbahn zu machen. Eine Machbarkeitsstudie zeigt, dass dies möglich wäre. Man darf dafür aber nicht so eine fundamentalistische Bestimmposition haben wie der siebente Bezirk, dass die Neubaugasse tabu ist. Diese würde durch eine 13er-Straßenbahn enorm gewinnen, genau wie alle anderen Innenbezirke. Der Plan ist leider ziemlich aus dem Blick geraten, vielmehr wurde im Zuge der Verhandlungen über die Erhaltung einzelner Parkplätze gestritten.

Ich sehe das ganz anders: Überall dort, wo Sie die Parkplätze aus dem öffentlichen Raum herausnehmen, kommt sofort Leben und Wirtschaft. Es entstehen Greißler und Kaffeehäuser. Hier beginnt die Stadt zu leben. Das abgestellte Auto zerdrückt das Leben in der Stadt.

derStandard.at: Herr Knoflacher spricht von der zerbröselten Vision. Wo gehört nachgebessert?

Maresch: Dass man die Straße umbauen müsste, damit man eine Ebene hat, war von Anfang an klar. Das ist derzeit aber finanziell nicht möglich. Wir bemühen uns, die Radfahrer einzubremsen. Das wünscht sich auch Bürgermeister Michael häupl. Wir werden gemeinsam mit den Radfahrorganisationen darüber reden, mehr Rücksicht zu nehmen.

Knoflacher: Wenn man nicht will, dass die Radfahrer schnell fahren, darf man ihnen keine parallelen Linien hingeben. Das beschleunigt.

Maresch: In Dänemark funktioniert das Zusammenspiel mit den Radfahrern. Dort fahren die Leute rund um die Fußgängerzone im Stadtzentrum anders, da wird nicht so rechthaberisch vorgegangen.

derStandard.at: Warum geht das in Österreich nicht?

Knoflacher: Wir haben eine Mentalität des Rechthabens und nicht des Rechtgebens. Unsere Radfahrer kommen im Unterschied zu Dänemark oder anderen traditionellen Radfahrgesellschaften aus der Autogesellschaft. Die kommen aus dem Cockpit und haben das Gefühl, schnell und nicht rücksichtsvoll sein zu müssen, wenn sie Räder unter sich haben. Das ist aber eine Frage der Generation und wird sich einpendeln.

derStandard.at: Warum wurde die Mariahilfer Straße zum Wahlkampfthema?

Maresch: Die Wirtschaftskammer hat wieder einmal ein Thema gesucht. Schon waren wir in diesem Strudel drinnen.

Knoflacher: Für diejenigen, die keine substanziellen Themen haben, ist so etwas immer ein Wahlkampfthema. Hier zeigt sich, ob eine Partei echte Themen hat oder darauf lauert, den anderen die Suppe zu versalzen. Diese Suppenversalzung ist mir schon während der Sitzungen aufgefallen, und deswegen habe ich mich dann auch zurückgezogen.

derStandard.at: Veränderungen sind nie einfach.

Knoflacher: Ja, und gute Lösungen haben immer den größten Widerstand, weil sie Missstände beseitigen. Das ist zumindest meine Erfahrung. Aber man kann die Leute nicht immer befragen, man muss die Leute zu ihrem Glück zwingen. Hätte ich seinerzeit die Geschäftsleute am Graben zur Umgestaltung befragt, hätten sich die auf die Barrikaden gestellt.

derStandard.at: Die Grünen planen eine Befragung. Lässt man die Menschen zu viel mitreden?

Knoflacher: Nein, man kann immer wieder befragen. Aber wenn man das macht, muss man trotzdem ein ganz klares Konzept haben. Das kann man zwar zur Diskussion stellen und fragen, was man besser machen kann. Aber es darf in der Struktur nicht aufgegeben werden. Bei der Mariahilfer Straße ist zu viel aufgegeben worden, im Endeffekt ist ein Torso übriggeblieben.

derStandard.at: Ist es jetzt zu spät, um es wiedergutzumachen?

Knoflacher: Es gibt durch die Phase des Umbaus noch die Chance, die Sache zu reparieren. Das ist meiner Ansicht nach durchaus im Rahmen des Machbaren. Dann würde Wien gewinnen.

derStandard.at: Wie wird die Befragung aussehen?

Maresch: ÖVP und FPÖ hätten so gerne die einzelne Ja-Nein-Frage. Wir wollen dagegen einen ganzen Katalog an Ja-Nein-Fragen haben. Zum Beispiel die Frage, ob wir einen Brunnen aufstellen sollen.

derStandard.at: In der Debatte gibt es immer wieder den Vorwurf der Klientelpolitik und dass Sie Radfahrer bevorzugen.

Maresch: Wenn uns nur sechs Prozent, die Radfahrer, wählen würden, woher kommen dann die anderen sieben? Wir wollen Lebensqualität in der Stadt, das ist unsere Klientel.

Knoflacher: Der Mensch ist und bleibt ein Fußgänger. Ihm werden auch in den nächsten 100 Millionen Jahren keine Räder wachsen. Die vorübergehende Phase dieser komischen Automobilität wird dem Ende zugehen. Ich bin absolut für die Klientelpolitik, also für die Fußgänger.

Maresch: Ja, Fußgänger sind unsere Klientel.

derStandard.at: Herr Knoflacher, was würden Sie den Grünen für die nächsten Wochen raten?

Knoflacher: Konsequent bei ihrer Linie zu bleiben.

derStandard.at: Und Autos sind dann irgendwann Vergangenheit?

Knoflacher: Ich habe überhaupt nichts gegen Autos, ich weiß nur, wie gefährlich sie sind. Wir sind alle autosüchtig, weil uns das Auto in der alten Evolutionsschicht erwischt, der Bequemlichkeit. Mit dem Auto werde ich zum Übermenschen, und wer will das nicht werden? (Elisabeth Mittendorfer und Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 6.9.2013)


RÜDIGER MARESCH (61) ist Verkehrssprecher der Wiener Grünen.

HERMANN KNOFLACHER (72) ist emeritierter Professor am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien.

  • Rüdiger Maresch verteidigt das Vorgehen seiner Partei: "Uns wurde von allen möglichen Seiten hineinregiert." Hermann Knoflacher wünschte sich den großen Wurf.    
    foto: standard/newald

    Rüdiger Maresch verteidigt das Vorgehen seiner Partei: "Uns wurde von allen möglichen Seiten hineinregiert." Hermann Knoflacher wünschte sich den großen Wurf.    

  • Seit drei Wochen läuft der Testbetrieb der neuen Fußgängerzone.
    foto: apa/hochmuth

    Seit drei Wochen läuft der Testbetrieb der neuen Fußgängerzone.

  • Hermann Knoflacher über das Problem rücksichtsloser Radfahrer: "Unsere Radfahrer kommen im Unterschied zu Dänemark oder anderen traditionellen Radfahrgesellschaften aus der Autogesellschaft. Die kommen aus dem Cockpit und haben das Gefühl, schnell und nicht rücksichtsvoll sein zu müssen, wenn sie Räder unter sich haben."
    foto: standard/newald

    Hermann Knoflacher über das Problem rücksichtsloser Radfahrer: "Unsere Radfahrer kommen im Unterschied zu Dänemark oder anderen traditionellen Radfahrgesellschaften aus der Autogesellschaft. Die kommen aus dem Cockpit und haben das Gefühl, schnell und nicht rücksichtsvoll sein zu müssen, wenn sie Räder unter sich haben."

  • Rüdiger Maresch über die Mariahilferstraße im Wahlkampf: "Die Wirtschaftskammer hat wieder einmal ein Thema gesucht. Schon waren wir in diesem Strudel drinnen."
    foto: standard/newald

    Rüdiger Maresch über die Mariahilferstraße im Wahlkampf: "Die Wirtschaftskammer hat wieder einmal ein Thema gesucht. Schon waren wir in diesem Strudel drinnen."

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