O Schreck, Discotanz hatte keine Chance

5. September 2013, 18:17
3 Postings

Die Ausstellung "Salon der Angst" führt in die Hinterhöfe des Grauens. Kuratiert hat Nicolaus Schafhausen, seit einem Jahr Chef des Hauses, gemeinsam mit Cathérine Hug

Wien - Der Mensch, gefangen in seiner Gänsehaut: Für Salon der Angst ist die erste Ausstellung, die Kunsthallen-Chef Nicolaus Schafhausen in den frisch renovierten Räumen selbst verantwortet. Gemeinsam mit Ko-Kuratorin Cathérine Hug zeigt er Werke von 44 Künstlerinnen und Künstlern auf drei Etagen.

Kein Schelm übrigens, wer bei dem Titel an die Kirche der Angst des 2010 an Krebs gestorbenen Künstlers Christoph Schlingensief denkt. Diese Assoziation macht Sinn. Denn die 2008 in Duisburg als Stück und 2011 in Venedig als Installation gezeigte Arbeit war das genaue Gegenteil davon, was nun der Kunsthallen-Salon soll. Statt Schlingensiefs so exzessivem wie genialischem Subjektivismus bemüht man sich hier um Objektivierung des Angstphänomens. Das heißt, die höchst unterschiedlichen Werke in der Ausstellung führen nicht direkt an das Fürchterliche heran, sondern in dessen Davor und Dahinter. Also die schlafende Angst, die unterschwellige Drohung, die Schatten über der Gesellschaft.

Das macht den Salon der Angst zu einem magischen Erlebnis. Wer ihn mit ähnlicher Angstlust betritt wie etwa eine Geisterbahn, verirrt sich erst einmal sofort. Doch die Orientierung kommt zurück, beispielsweise vor Thomas Hirschhorns Serie Collage-Truth, in der laszive Posen schöner Werbemenschen mit Leichen verschmolzen werden, die von Kriegshandlungen entstellt sind. Oder bei dem Video Pellejo (Haut) des kubanischen Künstlerkollektivs Los Carpinteros, das ein Paar beim Geschlechtsverkehr - und dabei in einem rapiden Alterungsprozess zeigt.

Halloweentauglich

Subtiler wird es bei der Foto-Text-Installation Poland and Other Fables des kürzlich verstorbenen Amerikaners mit polnischen Wurzeln Allan Sekula. Deren Einzelmotive erscheinen erst harmlos. Doch dieser Trug verfliegt spätestens vor dem Foto einer Straßenwerbung für das berüchtigte, des Antisemitismus geziehene Radio Maryja, das mit einem Zitat aus Saul Bellows letztem Roman Ravelstein kombiniert ist. Darin meint der Nobelpreisträger, der einflussreiche Wirtschaftsguru und Eugenik-Anhänger John Maynard Keynes habe den Nazis in die Hände gespielt.

Im Gegensatz dazu provoziert Angst auch Ironie. Zum Beispiel in einer Foto-Cloud von Cameron Jamie, die halloweentauglich dekorierte amerikanische Vorgärten zeigt und darin unter anderem einen Grabstein, auf dem steht: "R.I.P. Disco, the dance that never had a chance." Oder in der auf De Stijl gestylten Pappendeckelbox von Eric van Lieshout mit Videos, die den von einem Schauspieler dargestellten Künstler im Jammer seiner Midlife-Crisis "dokumentieren". Und bei Gillian Wearings Shakespeare Confessions mit Bekenntnismonologen aus diversen Dramen des englischen Klassikers auf einem als Triptychon getarnten Videoförderband.

Wie unterschiedlich besetzt das sich Fürchten je nach zeithistorischen und kulturellen Zusammenhängen ist, beweist der Vergleich dieser aktuellen Arbeiten unter anderem mit ausgesucht feinen Bildern von James Ensor, Alfred Kubin oder Francis Picabia, die ebenfalls im Salon der Angst geistern, und den beklemmenden Porträts des Rumänen Florin Mitroi aus der Zeit der Ceausescu-Diktatur.

Diese Ausstellung ist nicht didaktisch gegliedert und lädt zu selbstständiger Kreativität beim Schauen ein. Wer sich dann auch für Details und Hintergründe interessiert, sollte aber eine der angebotenen Führungen in Anspruch nehmen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 6.9.2013)

Bis 12. Jänner 2014

Link

Kunsthalle Wien

  • Thomas Hirschhorn: "Collage Truth No. 33" 2012: laszive Posen vor Kriegsleichen.
    foto: vbk wien 2013, courtesy galerie susanna kulli, zürich

    Thomas Hirschhorn: "Collage Truth No. 33" 2012: laszive Posen vor Kriegsleichen.

Share if you care.