Über Dilettanten, die in der Kunst reüssieren

5. September 2013, 17:54
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Auslandskulturtagung: Minister Karlheinz Töchterle sorgte für Befremden

Wien - Die Auslandskulturtagung beschäftigte sich am Donnerstag im Kuppelsaal der TU Wien nicht ohne Grund mit dem Thema "Wenn Wissenschaft und Kunst einander begegnen": Das Netzwerk des Außenministeriums mit gegenwärtig 29 Kulturforen betreue Künstler wie Wissenschafter, so Martin Eichtinger, der Leiter der Kulturpolitischen Sektion.

Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, ein Altphilologe, hatte zuvor zu erklären versucht, wie es zum Auseinanderdriften von Wissenschaft und Kunst kam. Er ging von der Antike gleich zum Geniebegriff des späten 18. Jahrhunderts über: Das Ingeniöse feiere seit damals Triumphe, die Techne, also auch das Handwerk, habe hingegen an Terrain verloren. Töchterle meinte zudem, dass aufgrund dieser Trennung "Dilettanten in der Kunst reüssieren" könnten. Es gebe "Künstler", die nicht einmal "Männchen malen" könnten, im Kunstbetrieb jedoch viel Geld verdienen würden. Die wahre Kunst aber werde sich auf Dauer durchsetzen. Töchterle, zuständig auch für die Kunstuniversitäten, dominierte mit diesen Äußerungen die Pausengespräche.

Gerald Bast, Rektor der Angewandten, teilte diese Position "absolut nicht"; Eva Blimlinger, seine Kollegin von der Akademie, sagte spitz: "Ein Kunstverständnis, welches sich ausschließlich an der Antike orientiert, ist für den gegenwärtigen Kunstdiskurs abseitig." Und Mak-Direktor Christoph Thun-Hohenstein schlug vor, mit Töchterle ein "ausführliches Gespräch" zu führen. Konzeptkunst z. B. hätte nichts mit dem Malen von Männchen zu tun.

Nach der Pause erläuterte Peter Weibel luzide das "antike Programm", dessen Ziel es war, Meisterschaft in der Abbildung der Wirklichkeit zu erlangen. Mit der Erfindung der Fotografie aber änderten sich die Ziele: Seit 1913 ginge es um Realität statt Repräsentation (Duchamps Pissoir) - und mit den Quadraten von Malewitsch kam es zur Abstraktion, zur Selbstdarstellung der Darstellungsmittel. 100 Jahre Selbstdarstellung seien genug: Weibel forderte eine "Renaissance 2.0".

Helga Nowotny, Präsidentin des Europäischen Forschungsrates, und Daria Parkhomenko aus Moskau gaben Beispiele dafür, wie sich Künstler mit einem anderen Blick in die Wissenschaft einbringen können. Und Anton Zeilinger erzählte, dass er schon vor der Documenta zu einer Ausstellung eingeladen wurde: 1993 von Peter Weibel zu Jenseits der Kunst. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 6.9.2013)

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