Im Faulbett mit Kleopatra

5. September 2013, 17:46
posten

Putin und das Regime der Toten: Viktor Jerofejews furioser Russland-Roman "Die Akimuden"

Wien - Wiederauferstandene Tote sind als Mitbewohner nur schwer zu ertragen. Als sich eines Tages die Gräber in Putin-Moskau öffnen und ungezählte Zombies die Stadt fluten, wird Wohnraum knapp. Auch im Domizil des Ich-Erzählers drängeln sich bald unerwünschte Gäste. Tote Sowjetfunktionäre ("inklusive toter Kinder und toter Babuschka") okkupieren das größte Zimmer. Sie verdrecken die Gemeinschaftsküche und beschmutzen den Abort. Dem genervten Erzähler des Romans Die Akimuden wird die erzwungene Form des Zusammenlebens rasch zu viel. Er wendet sich an die Vertreter von Ruhe und Ordnung: "Ich rief die Polizei. Tote Polizisten kamen angefahren."

Mangel an demokratischer Gesinnung wird man dem Moskauer Autor Viktor Jerofejew (65) kaum vorwerfen können. In seinem neuen Roman bietet der Diplomatensohn gegen Wladimir Putin ("der Chef") sogar die Verstorbenen auf. Eine andere rätselhafte Instanz des Geschehens ist der "Akimud". Besagter Mann wird in Moskau als Botschafter akkreditiert. Er vertritt eine Inselgruppe, über deren Existenz niemand je ein Sterbenswörtchen gehört hat.

Akimud bildet sofort den Mittelpunkt der müde und zynisch gewordenen Moskauer Gesellschaft. Er nimmt am Werteverfall unter Putin Anstoß. Ihm begegnen auf Schritt und Tritt die Überreste der Sowjetzeit. Akimuds bester Freund und Berater - eben der Erzähler - muss zähneknirschend die erotische Überlegenheit des charmanten Eindringlings einräumen. Jerofejews notorische Schweinigeleien fallen diesmal eigentümlich gedämpft aus. Die Akimuden, ein Meisterstück der "political fiction", ist auch ein Buch über das Älterwerden. Jerofejew, der begnadete Provokateur und Moskauer Medienstar, erzählt vom Heiland (Akimud) - und gibt sich selbst mit der Rolle des Evangelisten zufrieden.

Haarige Machtfragen

Wenn die Toten endlich erwacht sind, wird der Erzähler vom Akimuden zum Mediator zwischen den "Bevölkerungsgruppen" ernannt. Zombies, die immer mehr Fleisch auf ihre Skelette packen, kujonieren die Lebenden. Zugleich dienen sich Überlebenskünstler wie der "Chef" (Putin) dem neuen Machthaber erfolgreich als Verwalter an. "Der Chef" und die Macht bleiben unzertrennlich. Verziehen wird dem Putin-Lookalike sogar, dass er den Akimuden auf dem Roten Platz soeben hat kreuzigen lassen. Ein erhabenes Schauspiel: "Der Chef stand da, den sehr kahl gewordenen Kopf hoch erhoben. Alle verstanden, dass er für unser Land seine Haare opferte."

Seinem überschießenden Einfallsreichtum hat Jerofejew die Baugesetze der Romanform im Großen und Ganzen geopfert. Wer an kleineren logischen Mängeln keinen Anstoß nimmt, wird reichlich entlohnt. Die dem russischen Intellekt eigentümliche Grübelei über Gott und die Welt setzt eine Explosion frei. Jerofejew erfindet Moskau als Nekropole neu. Die Praktiken russischer Machtausübung werden als Ausdruck grassierender Ängste klassifiziert: "Wir in Russland sind Meister im Produzieren von Ängsten (...). Als Ergebnis landen wir irgendwo in der Mitte zwischen Natur- und Gesellschaftsmensch."

Bis es aber so weit ist und die Toten die Menschen bis aufs Blut reizen, bleibt noch Zeit für metaphysischen Schabernack. Im Haus des Schriftstellerverbandes treffen sich Kafka, Platonow und Nabokov zum kollegialen Schwätzchen. Der Erzähler darf sich von Akimud außerdem ein Treffen mit einer Persönlichkeit seiner Wahl wünschen. Jerofejew plädiert für Kleopatra. Die anschließende Liebesnacht ist eine herbe Enttäuschung. "Na, wie war Kleopatra?", fragt anderntags die Gefährtin. ",Sie beißt', sagte ich." (Ronald Pohl, DER STANDARD, 6.9.2013)

Viktor Jerofejew: "Die Akimuden". Aus dem Russischen von Beate Rausch. Hanser: Berlin 2013

  • Artikelbild
    foto: hanser
Share if you care.