Unterm Strich bleibt wenig über

16. September 2013, 16:56
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Verbraucherschützer kritisieren die hohen Veranlagungskosten bei der privaten Vorsorge, Gewinner sind derzeit die Versicherungen

Wer für das Alter vorsorgen will, hat es momentan nicht leicht. Schwache Renditen, die Zinsen sind im Keller – stellt sich die Frage, ob sich die private Vorsorge überhaupt lohnt. Und wenn ja, für wen? Oder wird die prämiengeförderte Zukunftsvorsorge zu Unrecht schlecht geredet – immerhin hat jeder fünfte Österreicher einen derartigen Vertrag? Mehr als 1,6 Millionen Verträge gibt es hierzulande. Am 1. August trat die Reform des 2003 eingeführten Vorsorgemodells in Kraft.

Es klang alles recht vielversprechend zum Zeitpunkt der Einführung der prämiengeförderten Zukunftsvorsorge: Eine hohe staatliche Prämie, Kapitalgarantie, Steuerfreiheit und saftige Renditen durch einen hohen Aktienanteil. Doch dann kam 2008 der Börsencrash und die Aktien rutschten in den Keller. Von den versprochenen hohen Renditen war nichts mehr übrig. Der Frust der Anleger war groß, zudem kritisierten Verbraucherschützer die staatlich geförderte Zukunftsvorsorge als intransparent, teuer und zu komplex. Eine zehnjährige Mindestbindungsfrist war allen Verträgen verpflichtend vorgegeben - nun laufen heuer die ersten Verträge aus. Zahlreiche enttäuschte Anleger stehen nun vor der Frage, wie sie weiter vorgehen sollen: Aussteigen? Umsteigen? Den Vertrag ruhend legen?

Senkung der Aktienquoten

Das Kernstück der Reform sieht eine Senkung der Aktienquoten vor und den Erhalt der Kapitalgarantie. Das bedeutet, laut Gesetz muss das einbezahlte Kapital zu bestimmten Anteilen in Aktien angelegt werden. Bei neuen Verträgen (ab 1. August 2013) gilt eine Bandbreite für unter 50-Jährige von 15 bis 60 Prozent und für über 50-Jährige von 5 bis 50 Prozent. Weiterhin gewährleistet wird eine Kapitalgarantie – was heißt, dass die eingezahlten Geldbeträge am Ende der Laufzeit auf jeden Fall auch wieder ausbezahlt werden. Allerdings – bedingt durch die lange Laufzeit – kräftig entwertet.

Hier setzt u.a. auch die Kritik der Konsumentenschützer an: Die Kapitalgarantie gilt nämlich in vielen Fällen nur dann, wenn das Kapital am Ende der Laufzeit "widmungsgemäß" verwendet - also eine monatliche Rente bezogen wird. Wer sich das angesparte Geld auf einmal ausbezahlen lässt, muss dann – je nach Anbieter - die halbe staatliche Prämie zurückzahlen, Erträge werden mit 25 Prozent nachversteuert. Generell gilt für die prämiengeförderte Zukunftsvorsorge aber Steuerfreiheit. Es fallen während der Einzahlungen keine Kapitalertrags-, Einkommen-, Erbschafts- oder Versicherungssteuern an und später beim Bezug der Rente entfällt die Einkommenssteuer.

Rechnen, rechnen, rechnen

Was bleibt den Anlegern nun konkret zu raten? "Grundsätzlich gilt der Ratschlag, nach Ablauf der zehn Jahre Mindestbindung, mit dem Anbieter Kontakt aufzunehmen und verschiedene Varianten durchzurechnen", sagt Michaela Kollmann, Konsumentenschützerin der Arbeiterkammer(AK). Anleger, die sich 2003 auf langjährige Bindungsfristen (15 Jahre und mehr) eingelassen haben, können laut einem Spruch des Obersten Gerichtshofs (OGH) im Jahr 2012 dennoch nach zehn Jahren aussteigen.

Ein Ausstieg muss aber gut überlegt werden – hohe Abwicklungskosten und Einbußen drohen, so die Arbeiterkammer. Entscheidet man sich dazu, den Vertrag stillzulegen, also keine monatlichen Prämien mehr einzubezahlen, "muss man bedenken, dass trotzdem Kosten anfallen", gibt Kollmann zu bedenken. Mit der Reform ist es den Anlegern auch möglich, auf das neue Veranlagungsmodell umzusteigen. Auch dabei rät die AK, sich das genau anzusehen und mehrere Varianten durchzurechnen.

"Schritt in die richtige Richtung"

"Die Reform ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Walter Hager, Versicherungsexperte des Verein für Konsumenteninformation (VKI). Für ein Urteil, ob sich dadurch etwas verbessert habe, sei es aber noch zu früh. „Die ersten zehn Jahre waren nicht berühmt. Die hohe Aktienquote hat das System gekippt. Bei der Reform ist auch einiges vergessen worden", meint Hager. Etwa, dass die hohen Veranlagungskosten reglementiert werden. Wie hoch diese tatsächlich sind, werde meist verschwiegen, so der Experte. Auch die Arbeiterkammer kritisiert, dass in Beratungsgesprächen vor Vertragsabschluss kaum auf die Kosten hingewiesen wird. "Es wäre aber wichtig zu wissen, wie hoch diese in Relation zum Ersparten sind", sagt Kollmann.

Berechnungen des VKI beziffern die Veranlagungskosten bei einem Modell mit 30-jähriger Laufzeit und monatlicher Einlage von 100 Euro zwischen 12.000 und 18.000 Euro. "Da kann am Ende für den Kunden nichts rauskommen", kritisiert Hager. "Was fehlt, ist, dass die Veranlagungskosten gedeckelt werden – nach der Devise: bis dahin und nicht weiter", so der Experte. Die Kritik des VKI an den hohen Veranlagungskosten ist für den Präsidenten des österreichischen Versicherungsverbandes, Günter Geyer, "in gewisser Form gerecht". Mit der Reform seien die Anleger aber verpflichtet, die Kosten darzulegen, somit könne der Kunde vergleichen und frei wählen, wo er anlegen möchte.

Langfristig denken

Geyer erwartet, dass es mit der Reform noch zu einem Schwung bei den Vertragsabschlüssen kommen wird und hält einen Anstieg auf zwei Millionen Verträge in den nächsten Jahren für möglich. Man dürfe die Zukunftsvorsorge nicht auf ein paar renditenschwache Jahre reduzieren, sondern müsse langfristiger denken, sagt er. "Wenn ich eine Pensionsversicherung abschließe, dann mache ich das für einen Zeitraum von 20 oder 30 Jahren in der Zukunft." Hätte es das heute reformierte Modell der prämiengeförderten Zukunftsvorsorge bereits 2003 gegeben, "dann wäre das ein sehr attraktives Produkt von Beginn an gewesen", ist Geyer überzeugt. Er kann sich für die Zukunft sogar höhere Renditen vorstellen. "Ich glaube, dass das möglich ist."

Gewinner sind also die Versicherer und der Anleger der Verlierer? Wem darf man nun trauen? Den Optimisten? Den Pessimisten? Gar nicht für das Alter vorzusorgen, ist vermutlich am wenigsten klug. "Dem Anleger zu einem bestimmten Vorsorgeprodukt zu raten, ist momentan schwierig", meint Hager. Er kritisiert die prämiengeförderte Zukunftsvorsorge nach wie vor als sehr kompliziert und teuer. Daran habe auch die Reform im heurigen Sommer nicht viel geändert. "Altersvorsorge ja, aber derzeit sehe ich die Produkte noch nicht", sagt der VKI-Experte. Auch die Arbeiterkammer rät jenen, die sich für die prämiengeförderte Zukunftsvorsorge entscheiden, sich gut zu informieren, nicht voreilig zu handeln und im Beratungsgespräch solange nachzufragen, bis man wirklich versteht, was man unterschreibt. (Margret Handler, derStandard.at, 16.9.2013)

  • Kompliziert und teuer: Kritiker sehen auch nach der Reform keine großen Sprünge bei der prämiengeförderten Zukunftsvorsorge.
    foto: ap/widmann

    Kompliziert und teuer: Kritiker sehen auch nach der Reform keine großen Sprünge bei der prämiengeförderten Zukunftsvorsorge.

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