"Was, wenn sich das zu einem richtigen Krieg auswächst?"

Reportage4. September 2013, 19:14
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Stundenlang wurde US-Außenminister John Kerry im Senatsausschuss gegrillt: Präsident Barack Obama kann noch keineswegs auf eine Mehrheit für einen Militärschlag gegen das Assad-Regime zählen; im Repräsentantenhaus noch weniger als im Senat

Wenn es ernst wird, merkt man das auch an den kleinen Details, der Kulisse, der Sitzordnung. Zum Beispiel an Teresa Heinz. Der Senatsausschuss für Auswärtiges diskutiert vor grau-weißer Marmorwand über Syrien, und die Ketchup-Millionenerbin, die man sonst nur selten sieht, sitzt in der ersten Zuschauerreihe, direkt hinter John Kerry, ihrem Ehemann. Als wollte sie ihm stillen Beistand leisten in den dreieinhalb Stunden, in denen er gegrillt wird von den Senatoren. Einer gegen 18, denn Chuck Hagel und Martin Dempsey, der Verteidigungsminister und der Armeechef, sind nur bessere, wortkarge Statisten.

Irgendwann wird der kampfeslustige Vietnamveteran John McCain mit diabolischem Grinsen erklären, er bitte die liebe Teresa schon jetzt um Verzeihung, dass er gleich seinen Job machen und ihren Gatten kräftig in die Mangel nehmen werde.

Bevor sie nächste Woche zur Syrien-Abstimmung schreiten, wollen sich die Senatoren erklären lassen, was genau ihre Regierung mit einem Militärschlag bezweckt. Seit Tagen wogt der Diskurs hin und her; mindestens ebenso heftig wie im Senat auch im Repräsentantenhaus, wo das Votum noch knapper ausfallen dürfte als in der kleineren Kammer, die in Weltkrisen gewöhnlich das Weiße Haus unterstützt; allein schon, um den Präsidenten nicht vor aller Welt zu blamieren.

Parteifarbe zählt nicht mehr

So tief die Schluchten sonst sind, im Streit um Syrien spielt Parteifarbe keine Rolle. Da paktieren linke Demokraten mit Tea-Party-Republikanern, verbündet sich Barack Obama mit John Boehner, dem konservativen Speaker, der ihn beim Schuldenlimit fast an die Wand fahren ließ.

Hart Building, Saal 216: Die Anhörung beginnt. Assistenten halten großformatige Farbfotos hoch: lange Reihen von Kinderleichen. Robert Menendez, der Demokrat, der das Komitee leitet, spricht aufgewühlt von den Soccer-Moms, die am Rande eines Fußballfelds auf ihn zukamen, um ihm zu sagen, wie oft sie denken müssten an diese Kinder. "Schreckliche Bilder", bekräftigt James Risch, ein Republikaner aus dem fernen Idaho; und doch, fügt er hinzu, er zögere, grünes Licht zu geben.

Das Argument von der Glaubwürdigkeit, die Amerika wahren müsse, nachdem sein Präsident eine "rote Linie" gezogen und Bashar al-Assad trotzdem Giftgas eingesetzt habe: Es überzeuge ihn nicht. "Was, wenn wir angreifen und Assad am nächsten Tag aus seinem Rattenloch kriecht und ruft: 'Seht her, ich habe der stärksten Macht auf Erden die Stirn geboten, und ich habe gewonnen.' Was würde das bedeuten für unsere Glaubwürdigkeit?" Nun, Assad werde am Tag danach kaum behaupten können, dass er besser dran sei, erwidert Kerry mit fast sarkastischer Note.

"Was, wenn sich das, was Sie eine begrenzte Aktion nennen, zu einem richtigen Krieg auswächst?", fragt Mark Udall, Parteifreund des Ministers, aber auch, bei Syrien, ein scharfer Kritiker. An dieser Kreuzung habe er schon einmal gestanden, sagt der Senator aus Utah und erinnert daran, wie es vor dem Einmarsch im Irak hieß, das Ganze sei nur eine Sache von zwei, drei Monaten, höchstens. "Wie können wir garantieren, dass es diesmal nicht auch ausufert?" Dann spricht McCain, der für halbherzig hält, was Obama plant, und zum x-ten Mal Waffen verlangt für die Opposition; nicht nur leichte Gewehre.

Für die Tauben klingt es nach einer riskanten Rutschpartie. Und Kerry? Der versucht den Spagat: Einerseits schließt er die Entsendung von Bodentruppen aus, andererseits sagt er, "dies ist nicht bloß ein symbolischer Schlag", es gehe darum, Assads militärische Möglichkeiten zu reduzieren.

Dann ist Rand Paul an der Reihe, die Leitfigur der republikanischen Isolationisten, und da wird es richtig lebhaft: "Woher wissen wir, dass der Nahe Osten hinterher stabiler oder instabiler sein wird?" Ob Israel anfälliger für Attacken sei, ob Russland nicht noch mehr Waffen an Syrien liefere: "Wie können wir das wissen?"

Kerry, der sonst so gravitätische Diplomat, revanchiert sich zornig: "Wenn wir nichts machen, ist es dann wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher, dass Assad es noch einmal tut?" - "Ungewiss", erwidert Paul knapp und zweifelt am Szenario wiederholter Giftgasattacken. Darauf Kerry: "Herr Senator, das ist nicht ungewiss: Das ist garantiert!" (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 5.9.2013)

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