Die Leiden der gefesselten Hoteliers

4. September 2013, 17:20
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Europaweit fühlt sich die Beherbergungsbranche von den diversen Buchungsplattformen ausgepresst und geknebelt

Wien/Paris - In der Hotellerie stehen die Zeichen auf Sturm. Für den scharfen Wind sind Reiseportale wie Hotel.de, Booking.com oder Expedia verantwortlich. In den allgemeinen Geschäftsbedingungen wird den Vertragspartnern vorgeschrieben, ihr Produkt auf keinem anderen Vertriebskanal billiger anzubieten als auf der Plattform. "Wir haben sie großgemacht - und jetzt das," echauffiert sich der Generalsekretär der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), Thomas Reisenzahn, im Gespräch mit dem Standard.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die gesalzenen Kommissionen. In Österreich behalten Reiseplattformen pro erfolgte Buchung durchschnittlich 15 Prozent der Summe ein. Fallweise können es sogar 25 bis 30 Prozent sein. Reisenzahn weiß außerdem von Modellen, wo man sich ein gutes Ranking erkaufen kann: "Je höher die Kommission, desto weiter vorn werde ich gereiht."

Während Hoteliers von Knebelverträgen sprechen und hohe Provisionszahlungen bejammern, bekritteln Nutzer der Plattform die "Friss-oder-stirb-Politik", die auf manchen Reiseportalen betrieben wird. Für ein über HRS gebuchtes Zimmer in Triest, das eine Nacht eher benötigt wurde, als es reserviert worden war, musste der Preis für zwei Nächte bezahlt werden, obwohl der Irrtum wenige Minuten nach dem Buchungsvorgang bemerkt wurde. "Da gab es null Entgegenkommen", sagte ein Betroffener dem Standard.

Marktmacht im Visier der Wettbewerbshüter

Mit der Marktmacht der Buchungsplattformen beschäftigen sich derzeit die Wettbewerbsbehörden in Deutschland, Schweiz, Frankreich und Österreich. Am weitesten fortgeschritten ist das Verfahren in Deutschland, wo die marktbeherrschende Stellung der Buchungsplattformen am ausgeprägtesten ist. Rückenwind spüren die Hoteliers nun durch das in der Vorwoche erfolgte Einlenken von Amazon.

Gegen den Internethändler hatte das deutsche Kartellamt ein Verfahren eingeleitet, weil die Amerikaner Händlern untersagt hatten, ihre Produkte auf anderen Plattformen günstiger zu verkaufen als auf ihrer. Mit dieser sogenannten Preisparitätsklausel könne Amazon "gegen das allgemeine Kartellverbot verstoßen", hatte Kartellamtspräsident Andreas Mundt erklärt. Ob Amazons Rückzieher ausreicht, das Verfahren zu beenden, wird geprüft.

Dank der praktischen Art, mit ein paar Mausklicks ein Hotelzimmer zu reservieren, schlagen die digitalen Buchungsplattformen auch in Frankreich ein. In dem wichtigsten Reiseland Europas wird bereits jedes vierte Hotelzimmer auf diese Weise gebucht. Es herrscht nicht überall Begeisterung, zumal die satten Gewinne der Reiseportale nicht im Land, sondern am Fiskalsitz versteuert werden, im Fall von Booking France etwa in den Niederlanden.

Aufstand in Frankreich

Auch in Frankreich gilt wie anderswo in Europa, dass ein Hotel den abendlichen Gelegenheitskunden keinen billigeren Tarif als im Internet anbieten darf. Tun sie es trotzdem, können sie gerichtlich verfolgt werden. Zugleich hat der Hotelier die Verpflichtung, alle Angebote, die er branchenüblichen Partnern macht, auch dem Buchungsportal zu offerieren. Arbeitet er zum Beispiel eng mit einem lokalen Reisebüro zusammen, darf er diesem keine Vorzugspreise mehr gewähren.

Die mächtigen französischen Tourismusverbände prangern diese Einschränkungen in einer Eingabe an die Regierung an. Nach den Beschwerden der Reisebranche haben in Paris die Konkurrenzbehörde und die Direktion für die Bekämpfung von Wirtschaftsbetrug unabhängig voneinander Untersuchungen eingeleitet. Juristen rechnen damit, dass einzelne Vertragsklauseln - etwa das Verbot anderweitiger Sonderangebote - als missbräuchlich eingestuft werden könnten. Konsumminister Benoît Hamon prüft noch für diesen Herbst einen Gesetzeszusatz, um gewisse Einschränkungen für die Hotels zu lockern.

Die französischen Hotelverbände wollen aber nicht so lange warten. Sie beraten derzeit über ein Branchenabkommen, um zusammen mit den 3800 Reiseagenturen des Landes ein eigenes Buchungssystem auf die Beine zu stellen. Es soll schon Ende September präsentiert werden. Ähnliche Pläne gab es auch in Österreich, sie wurden wieder ad acta gelegt. (Günther Strobl Stefan Brändle, DER STANDARD, 5.9.2013)

  • Reiseportale wie HRS, Booking.com oder Expedia erfreuen sich ungebrochenen Zuspruchs, ernten aber auch zunehmend Kritik. Diese kommt nicht nur von Hoteliers, sondern auch von Gästen. 
    collage: heidi seywald

    Reiseportale wie HRS, Booking.com oder Expedia erfreuen sich ungebrochenen Zuspruchs, ernten aber auch zunehmend Kritik. Diese kommt nicht nur von Hoteliers, sondern auch von Gästen. 

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