Karotten predigen und Chips essen

Interview9. September 2013, 17:00
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Mentalcoach Thomas Wörz erklärt, wie Eltern ihren Kindern "guten" Geschmack beibringen und die Schuljause nahr- und schmackhafter machen können

Die Umstellung auf gesündere Ernährung liegt im Trend, aber nicht immer gelingt sie auf Anhieb. Psychotherapeut und Mentalcoach Thomas Wörz und Ernährungsmediziner Christian Matthai analysieren in ihrem aktuellen Buch "Der hungrige Schüler" (Brandstätter-Verlag) die Faktoren, die dabei eine Rolle spielen und geben Tipps, wie Familien gesunde Ernährung erreichen können.

Da Fastfood-, Fertig- oder Halbfertiggerichte meistens zu fett, zu salzreich und zu stark gezuckert sind, verderben sie den Geschmackssinn. Also gilt es die Geschmacksnerven wieder auf sanftere und feinere Reize einzustellen. Geschmack und Lust auf gesundes Essen kann man trainieren. Prägend für das künftige Essverhalten der Kinder ist die Vorbildfunktion der Eltern. Karotten zu predigen und selber Chips zu essen, geht nicht. Die beiden Autoren geben einen guten Überblick, wie es zu falschen Mustern kommt und bieten leicht umsetzbare Vorschläge, wie Eltern und Kinder gemeinsam den Weg zu lustvollem und gesundem Essen finden können.

Essen soll nicht trösten, beruhigen oder belohnen. Essen soll Genuss bereiten und sattmachen. Gemeinsame Familienmahlzeiten sind dabei von großer Bedeutung, sie geben Kindern Geborgenheit und sollten zumindest einmal am Tag die Regel sein. Wer das Speiserepertoire seiner Kinder erweitern möchte, muss sich vor Augen halten, dass Kinder nicht nur das lieben, was ihnen "schmeckt", sie lieben das, was sie kennen. Also ausprobieren! Häufig etwas Neues, Gesundes anbieten und sich bei der ersten Ablehnung nicht entmutigen lassen.

STANDARD: Wie vermittelt man Kindern einen bwussten Umgang mit Ernährung?

Wörz: Wenn Sie sich ein gesundes Ernährungsverhalten Ihrer Kinder wünschen, müssen Sie es vorleben.

STANDARD: Kann man Geschmack trainieren?

Wörz: Grundsätzlich sind Kinder neugierig nach Sinneserfahrungen. Riechen, Betrachten, Schmecken, Fühlen und Betasten sind notwendig, um wertvolle Wahrnehmungs- und Lernkompetenzen zu entwickeln.

STANDARD: Welche Rolle spielen gemeinsame Familienmahlzeiten?

Wörz: Am gemeinsamen Esstisch entsteht ein Wir-Gefühl, das Geborgenheit und Stärke vermittelt. Dieses Ritual gibt den Kindern in einer beschleunigten, oft chaotischen, haltlosen Welt, wertvolles Vertrauen und Sicherheit. Außerdem findet hier durch Beobachtung, Nachahmung, Wahrnehmung und gruppendynamische Prozesse ein bedeutender Teil des sozialen Lernens statt.

STANDARD: Haben Sie Tipps, wie man Kindern gesundes Essen schmackhaft macht?

Wörz: Obstspießchen oder ein kindergerecht attraktiv mit Lebensmitteln als Figuren und Gesichter gestalteter Teller kommen gut an. Binden Sie die Kinder mit ein beim Einkaufen und Kochen. Kombinieren Sie von den Kindern bevorzugte Lebensmittel mit neuen Geschmacksrichtungen - wie beispielsweise Gemüse und Ketchup.

STANDARD: Was soll man Kindern für die gesunde Schuljause einpacken?

Wörz: Gestalten Sie die Zusammenstellung der Schuljause gemeinsam mit Ihrem Kind. Eine coole Trinkflasche darf dabei nicht fehlen - geeignete Inhalte sind: Leitungs- oder Mineralwasser, eventuell mit einem Schuss frisch gepressten Orangen- oder Zitronensafts oder auch selbstgemachte zuckerfreie kalte Tees. Vollkornbrot mit einer Eiweißkomponente wie z. B. magerem Schinken, Magerfrischkäse, Magertopfen, Hüttenkäse, fettarmem Bohnen- oder Kichererbsenaufstrich, mit einem bunten Touch in Form eines Paprikastreifens oder einer Gurkenscheibe. Auch Obst darf nicht fehlen - Beeren jeder Art, Äpfel oder Kiwi. Ein kleines Stück Schokolade - falls vom Kind gewünscht - kann die gesunde Schuljause durchaus abrunden. (Patricia Brooks, Family, DER STANDARD, 9.9.2013)

Thomas Wörz bereitet Sportler auf Wettkämpfe vor. Der Sportwissenschafter, Psychotherapeut und Mentalcoach ist Lehrbeauftragter an der Uni Salzburg. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist die psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

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  • "Am gemeinsamen Esstisch entsteht ein Wir-Gefühl", sagt Mentalcoach Thomas Wörz.
    foto: archiv

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  • Wer möchte, dass seine Kinder Karotten essen, muss es selber tun.
    foto: cremer

    Wer möchte, dass seine Kinder Karotten essen, muss es selber tun.

  • Was das Kinderherz begehrt, ist oft nicht nur schlecht für das Herz.
    grafik: rawizcka

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