Sackhüpfen war gestern

4. September 2013, 19:36
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Die Ansprüche für Kindergeburtstage steigen immer öfter ins Absurde. Schöne Erinnerungen kann man aber nicht kaufen

"Clara wünscht sich heuer einen Kindergeburtstag", sagt Juliette, und am Tisch verstummt die fröhlich plaudernde Runde. Alle sehen Juliette betreten an. Denn Clara wird in Kürze 17, und ihre Mutter, Juliette, gehört damit zu jenen, die "es" eigentlich hinter sich haben. Das mit den Kinderpartys.

"Nein, sie will noch einmal das ganze Programm. Sackhüpfen, Topfschlagen und Schnitzeljagd", erklärt Juliette, die im Gegensatz zu den anderen gefasst wirkt, "Clara wird nächstes Jahr volljährig und will noch einmal Kind sein".

Die Gedanken der anderen am Tisch, fast alle Eltern von halb erwachsenen Kindern, wandern in die Vergangenheit. Johanna seufzt, Eva schenkt sich Rotwein nach. Ich weiß, dass ich die Einzige am Tisch bin, die neben zwei größeren Kindern auch noch einen Nachzügler hat, und spüre verschämt etwas Schadenfreude für Juliette. Martin bricht das Schweigen: "Wisst ihr noch wie bescheiden das bei uns war? Der Höhepunkt waren diese kleinen Frankfurter und Jourgebäck. Das war schon etwas Besonderes."

Ja, das waren noch Zeiten, als eine Schüssel Wasser und ein Apfel für Unterhaltung sorgen konnten. Die Hände auf dem Rücken schnappte man wie ein sabberndes Tier nach dem schwimmenden Obst - unter begeistertem Gejohle anderer Kinder. Goldene 1970er.

Ein Kind pro Jahr - oder drei

Heute muss man sagen: So ein Kindergeburtstag ist kein Spaß. Für die Eltern. In einem Elternratgeber las ich einmal: Ein Kind soll zu seiner Geburtstagsfeier immer so viele Kinder einladen, wie es an Jahren zählt. Mein Sohn wurde diesen Sommer sechs. 15 Kinder feierten mit ihm. Da hatten wir seine Liste schon gekürzt. Topfschlagen kam bei den kleinen Raufbolden nur noch bedingt gut an. Wer keinen Garten oder eine riesige Wohnung hat, sieht sich allein mit dem Problem konfrontiert, so viele Kinder unterzubringen. Ich war bei Kinderpartys, die als Kulturveranstaltung feuerpolizeilich untersagt worden wären.

Dann ist da noch die Frage der Unterhaltung. Die meisten Kinder unterhalten sich gegenseitig ganz prächtig. Manche Eltern engagieren dennoch Animateure, stellen Hupfburgen in ihre Gärten oder feiern Themenpartys (Piraten, Prinzessinnen, Aliens, Ritter etc.) samt dazugehöriger Deko, Torten und Preisen für alle. Ja, auch die Zeiten, da nur der Gewinner eines Spiels etwas bekam, sind vorbei. Das ist verrucht wie eine Volksschule mit Noten. Leistungsdruck ist böse. Also Preise für alle kaufen. Irgendein Kind weint trotzdem immer, weil der Caspar das bessere Pixi-Buch oder die Lisa das schönere Schleich-Pony hat.

Eine Frage des Geldes

Wie man einen Geburtstag feiert, ist auch eine Frage des Geldes. Ich glaube nicht, dass schöne Erinnerungen viel kosten müssen. Doch es gibt sie: die Visagistin, die für zwölfährige Schminkkurse hält, und die gemietete Stretchlimo. Bei uns gibt es Limos nur zum Trinken.

Es gibt Fastfood-Ketten, Möbelhäuser, Indoorspielplätze und Museen, die Feste für Kinder ausrichten. Auswärts feiern hat Vorteile. Man muss nachher nicht putzen. Meine Kinder feiern trotzdem immer zu Hause. Wobei es sich empfiehlt, nicht nur die Wohnung, sondern das Land für ein Wochenende zu verlassen, wenn dann die Volljährigkeit mit den Freunden gefeiert wird. Danach können die "Kinder" selbst putzen - während Mama am Meer sitzt.

"Den Fritz hat am meisten eine Schnitzeljagd beeindruckt, wo sie mit der Straßenbahn fahren mussten", erinnert sich Johanna nach langer Nachdenkpause. Bei einer Haltestelle stand Tante Pia und gab den Volksschülern neue Hinweise für die Schatzsuche. Viel gekostet hat das nicht. Aber vielleicht bleibt Kindern so etwas länger in Erinnerung als die Star-Wars-Party im Shoppingcenter. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Family, 4.9.2013)

  • Auswärts feiern hat Vorteile: Man muss nachher nicht aufräumen und putzen!

    Auswärts feiern hat Vorteile: Man muss nachher nicht aufräumen und putzen!

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