Besorgnis über Zunahme von Geschlechtskrankheiten

2. August 2003, 15:00
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Ganz Europa davon betroffen - verbesserte Therapie gegen HIV führt zu Risikoverhalten - "Aids als kalkulierbares Risiko"

Göttingen - Eine drastische Zunahme der Geschlechtskrankheiten alarmiert Experten und Gesundheitsbehörden in ganz Europa. Gerade die Fortschritte bei der Behandlung von Aids haben offenbar dazu geführt, dass die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen vernachlässigt werden.

Als Berichte über eine neue sexuell übertragbare Infektionskrankheit Mitte der achtziger Jahre die Öffentlichkeit aufrüttelten, ging offenbar ein Ruck durch die Gesellschaft. Die Angst, sich mit dem HI-Virus zu infizieren, und die daraus resultierende Vorsicht ließ in Deutschland die Zahl anderer Geschlechtskrankheiten sinken und bis Ende der neunziger Jahren auf Tiefständen verharren.

Vergessenheit

Die Berichte über Aids verunsicherten die Öffentlichkeit, und im Schatten davon gerieten Syphilis, Gonorrhö oder Chlamydia-Infektionen fast in Vergessenheit. In jüngster Zeit kehren diese Erkrankungen wieder zurück, und auch diese gegenläufige Entwicklung steht offenbar mit Aids in Zusammenhang. Zwar ist die Immunschwäche nach wie vor nicht heilbar. Berichte über Fortschritte bei der Behandlung haben aber das Schreckgespenst der todbringenden Seuche aus den Köpfen verdrängt.

"Das Bild hat sich gewandelt", sagt Marcus Hamouda vom Berliner Robert-Koch-Institut (RKI). "Inzwischen betrachten viele Menschen Aids als kalkulierbares Risiko." In England stieg die Zahl der Syphilis-Erkrankungen binnen sechs Jahren um das Fünffache, die Fälle von Gonorrhö oder Tripper nahmen um 86 Prozent zu, die Zahl der Chlamydia-Infektionen verdoppelte sich. In den Niederlanden verzeichneten die Gesundheitsbehörden binnen zwölf Monaten eine Syphilis-Zunahme um 80 Prozent.

Syphilis verdoppelt

In Deutschland verdoppelte sich die Zahl der Syphilis-Erkrankungen zwischen 2000 und 2002 auf rund 2.300 Fälle. Ein Anstieg wird zwar aus allen Bundesländern gemeldet, besonders stark betroffen sind aber wie auch im übrigen Westeuropa Ballungsgebiete und Großstädte wie Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Köln.

Mehr als 85 Prozent der Neuinfizierten sind Männer, vor allem in der Altersgruppe von 25 bis 39 Jahren. Sexuelle Kontakte zwischen Männern sind laut RKI für über zwei Drittel der Neuinfektionen verantwortlich. Dass die Häufung der Fälle mit Fortschritten bei der Aids-Therapie zeitlich zusammenfällt, ist für die Fachwelt kein Zufall. "Aids ist zwar immer noch unheilbar, wird aber nicht mehr so wahrgenommen", erklärt Hamouda. "Deshalb nimmt das Risikoverhalten zu."

Osteuropa für Ausbreitung überschätzt

Dies gilt sowohl für die Nutzung von Kondomen als auch für riskantere Sexualpraktiken. Die Bedeutung Osteuropas für die Ausbreitung der Syphilis wird nach Einschätzung Hamoudas überschätzt. Zwar hat die Krankheit in osteuropäischen Ländern in den vergangenen Jahren besonders drastisch zugenommen. Laut RKI-Statistik infizierten sich jedoch knapp 90 Prozent der an Syphilis erkrankten Bundesbürger in Deutschland.

Syphilis oder harter Schanker wird durch Bakterien der Art Treponema pallidum verursacht. Drei bis sechs Wochen nach der Infektion wächst an der Kontaktstelle der Schanker, ein hartes Geschwür, das eine hoch ansteckende Flüssigkeit enthält. Ein bis zwei Monate später folgen Hautausschlag und Lymphknotenschwellungen, die nach ein paar Wochen wieder verschwinden. Im dritten Stadium, das erst Jahre später einsetzen kann, kommt es an Haut, Knochen, Leber, Herz oder Gehirn zu harten Knoten. Die Krankheit kann dann Lähmungen verursachen und auch tödlich verlaufen.

Gegenseitige Verstärkung

Was Mediziner an dem gegenwärtigen Trend besonders besorgt, ist eine gegenseitige Verstärkung von Syphilis und Aids, und zwar sowohl hinsichtlich der Infektionsgefahr als auch in Bezug auf den Verlauf beider Krankheiten. Ist ein Mensch aidskrank und steckt sich zusätzlich mit Syphilis an, kann die HIV-Infektionsgefahr für Sexualpartner um das Zehnfache steigen.

Syphiliskranke laufen ihrerseits generell ein erhöhtes Risiko, sich mit HIV zu infizieren. Zudem verläuft die Entwicklung beider Krankheiten zusammen gravierender, die Erfolgsaussichten einer Therapie sinken. Angesichts der drängenden Entwicklung wollen Robert-Koch-Institut, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Aids-Hilfe gemeinsam ein Konzept erarbeiten, um Öffentlichkeit und Risikogruppen für das Problem zu sensibilisieren. (APA/AP)

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