Kommentar der anderen: Wenn alle Brünnlein fließen

5. August 2003, 10:04
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Anmerkungen zur Salzburger Provinz-Pimperl-Posse

Die Freiheit der Kunst, sagte der dafür zuständige Landesrat, nachdem es, weil Bürgermeister und Landeshauptmann verstockt waren und mit Klage gedroht hatten, kurz ausgesehen hatte, als ob die Bubenbande Gelatin den langen Schwanz wieder einziehen würde, die Freiheit der Kunst ist gewahrt geblieben. Das war vorgestern.

Gestern, wo das Rupertinum gerichtlich eine Entfernung der vernagelten Manneken-Pis-Verhüttelung erwirken wollte, flogen schon wieder die Fetzen, der Bürgermeister verlangte den Rücktritt der zuständigen Museumsdirektorin, die Klagen gegen Gelatin und Rupertinum wurden bestätigt.

Heute ist schon wieder alles anders, der Streit anscheinend beigelegt, die Freiheit der Kunst gewahrt geblieben, aus der Schwanz. Salzburg hat sein Sommertheater.

Und warum? Weil man Angst hat, dass dieser nur mit weißen Tennissocken und raufgerutschtem Unterleiberl bekleidete, sich selbst in den Mund spritzende Plastilin-Jedermann dem Festwochenpublikum in die falsche Kehle kommt? Weil dieser "Arc de Triomphe" für das stehen könnte, was die Salzburger während der Festspielzeit zu schlucken haben, das gespritzte Selbstbefriedigungstheater?

Dabei war ja erst vor wenigen Tagen zu lesen, dass häufige Selbstbefriedigung nicht, wie zu Hofmannsthal-Zeiten behauptet, das Rückenmark schwächt, sondern die Prostata stärkt. Macht der Eigenstiller, wie ich den Plastilin-Terminator gerne nennen will, wegen eben dieser vermeintlichen Rückenmarkschwäche eine Brücke nach hinten? Ist er eine Hommage an Niki de Saint Phalle? An Hans-Christoph Buch? Oder will die Zirkuspose einfach den anderen, ungleich größeren Zirkus kommentieren? Das Getreidegassen-Gequetsche?

Salzburg ist ja eine Stadt der Wasserspiele. Noch immer fahren Firmlinge nach Hellbrunn, um sich am Fürstentisch des Markus Sittikus einen nassen Gruß zu holen. Wohl ohne zu ahnen, welch steife Diskussionen es um den Nudel-Brunnen geben würde, sprach der Bundespräsident in seiner Festspiele-Eröffnungsrede gar von einem "Rom des Nordens" - und Rom ist ja bekanntlich die Stadt der Brunnen und der Nudeln.

Dabei ist das noch eine Untertreibung. Wien ist anders, Linz lebt auf, Graz ist Kulturhauptstadt, aber Salzburg ist das Paradies. Doch jedes Paradies braucht seine Schlange.

Nur ist die Schlange hier keineswegs das Plastilin-Zumpferl, das einen medialen Triumph sondergleichen erlebt, sondern kommt verschlungener daher, grenzt ab und verhindert jede differenzierte Kunstbetrachtung.

Das Vergiftete an solchen Debatten nämlich ist, dass es nur noch Pro und Kontra gibt, für oder gegen den Knetmasse-Zipfel, Eigenstiller oder Goldhaubengesinnung, Brunzer oder Bücherverbrenner - und sofort ist man in der Schlangengrube der Parteinahme, die alle Nuancierung totbeißt.

Eher vernagelt

Dabei ist die Frage nach der Freiheit der Kunst im Zeitalter des Privatfernsehens, wo dauernd viel schockierendere Dinge zu sehen sind, überhaupt nicht mehr zu stellen. Gegen die totale Veröffentlichung der Intimzonen, das Ballett des Sensationalistischen sagt ja auch niemand was. Auch das in diversen Internetforen häufig zu lesende Argument der verstörten Kinder ist fadenscheinig. Wer von diesem Triumphbogen an die Schwanz-Gesellschaft, der das martialisch Phallische doch läppisch macht, tatsächlich schockiert sein kann, muss auch sonst eher vernagelt leben.

Es ist ein Glücksfall für die Kunst, wenn sie derartige Beachtung findet. Traurig dabei ist nur, dass die Mechanismen dafür nach wie vor so simpel sind, bei der einfachsten Stange bleiben, keine Lanze für nichts brechen, die Kunst in dieser Schlangengrube immer nur Vorwand für Gesinnung ist. Dass mit Selbstbepinkelung immer noch Stadt und Skandal zu machen ist, spricht nicht unbedingt gegen den Gelatin-Pimmel, der das alles ja irgendwie ironisch zu bespritzen scheint.

Ob es dieselbe Aufregung aber auch gegeben hätte, wenn der Eigenstiller nicht am Max-Reinhardt-Platz vor dem kleinen Festspielhaus, sondern vor einer Autobahnraststation oder einem McDonald's aufgestellt worden wäre, wo man vor nicht allzu langer Zeit noch mit der Morgenlatte Werbung gemacht hat, die zwei Bögen der Triumph-Skulptur das Firmenlogo elegant symbolisieren würden, sei ebenso dahingestellt wie die Frage nach ihrer Wirkung im Museum neben Werken von zum Beispiel Jeff Koons. (DER STANDARD, Printausgabe vom 1.8.2003)

Von Franzobel

Franzobel, geboren 1967, lebt als freier Schriftsteller in Wien und Buenos Aires. Zuletzt erschien "Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit", Zsolnay, Februar 2002.

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