Der Forstmann und die Mythen

4. August 2003, 19:38
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36 Pflanzenarten gelten in Österreich als "ausgestorben, ausgerottet oder verschollen" - gleichzeitig werden neue Pflanzen heimisch

Wien - Spricht man vom Wald, so wird man an alte Mythen erinnert. Und an neuere: Auch Christian Brawenz vom Hauptverband der Land- und Forstwirtschaftsbetriebe webt an manchen der Mythen mit - etwa wenn er das Buch "Waldmärchen" propagiert, das das Naturverständnis von Kindern fördern soll.

Mit manchen anderen Mythen kann Brawenz allerdings wenig anfangen: "Es geht in der Umweltdiskussion immer öfter darum, die Dinge vereinfachend und beinahe ideologisch-religiös rüberzubringen. Einer dieser Mythen ist, dass nur Papier aus Altpapier 'gutes', politisch korrektes Papier wäre." Dabei ist es für einen gesunden Wald essenziell, dass er durchforstet wird, wobei die schwachen Hölzer eben ideal für das Papier sind.

Ein anderer Mythos ist der von den "heimischen Hölzern" - also die Vorstellung, dass nur jene Bäume in den österreichischen Wäldern stehen sollten, die hier schon vor 200 oder 500 Jahren heimisch gewesen sind. In diesen romantischen Umweltschwindel wirken deutschnationale Vorstellungen vom "reinen nordischen Forst" ebenso hinein wie die Leugnung des Klimawandels und seiner Folgen. Tatsache ist, dass die extremen Witterungsausschläge, vor allem die sommerliche Trockenheit, den Waldbiotopen extrem zusetzen. Von den 93 Waldbiotop-Typen vom alpinen "Karbonat-Latschen-Buschwald" bis hin zum Rotföhrenmoorwald sind 53 mehr oder weniger stark gefährdet. Dabei geht es aber nicht nur um Naturschutz.

Eben weil 47 Prozent des österreichischen Bundesgebiets Wald sind (Tendenz leicht steigend), müsste der Forstbiologie auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten mehr Beachtung geschenkt werden, sagt Brawenz: "Sollen wir uns auf so genannte 'standortgerechte heimische' Baumarten beschränken - und zusehen, wie aus diesen Wäldern langsam Buschland entsteht?" Denn viele heimische Waldbäume kommen mit der Anpassung an die Trockenheit besonders schlecht zurande - "die Douglasie ist einer der wenigen Bäume, die bei so einem Wetter mitkommen".

Aber die nordamerikanische Douglasie ist ebenso wie die Kanada-Pappel beim World Wide Fund for Nature "in Verschiss", wie Brawenz formuliert. So hat sich der WWF bei der letzten Forstgesetznovelle (allerdings vergeblich) um eine Festlegung auf heimische Baumarten bemüht - in vom WWF-nahen Forest Stewardship Council zertifizierten mitteleuropäischen Wäldern darf die Douglasie "nur einzelbaum- oder gruppenweise" gepflanzt werden - "keinesfalls dürfen flächige Reinbestände entstehen."

Brawenz sieht dies als ungerechtfertigten Angriff auf die Artenvielfalt: "Da gibt es Pflanzen, die stehen im Blickfeld - die Douglasie will man ausrotten. Andere sind völlig akzeptiert; auch Tomate, Erdapfel und Mais kommen meines Wissens aus der Neuen Welt." Sie sind aber nicht so mythenumrankt wie der Wald. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2003)

von Conrad Seidl

36 Pflanzenarten, vom Acker-Meier bis zum Zwergflachs, gelten in Österreich als "ausgestorben, ausgerottet oder verschollen" - und gleichzeitig werden neue Pflanzen heimisch. Ein Wandel, gegen den vor allem der WWF protestiert. Allerdings sehr selektiv, wie Forstleute klagen.
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    Nationalpark Kalkalpen, ein Hort der Artenvielfalt

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