Auch Blair muss Rede und Antwort stehen

3. August 2003, 09:31
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Lordrichter pocht auf Unabhängigkeit bei Untersuchungen des Selbstmords des Biowaffenexperten David Kelly

Fast beiläufig, in lässigem Upperclass-Englisch teilte Brian Hutton die Neuigkeit mit: Tony Blair muss auf jeden Fall als Zeuge aussagen, wenn der Selbstmord des Biowaffenexperten David Kelly untersucht wird. Der Lordrichter gab am Freitag bekannt, wie er den tragischen Todesfall aufzuklären gedenkt. Er werde sowohl den Premier als auch Verteidigungsminister Geoff Hoon und Blairs Pressechef Alastair Campbell befragen, sagte Hutton. Die Sitzungen beginnen am 11. August.

Wer geglaubt hatte, der 72- jährige Jurist, von der Downing Street bestellt, laufe an der Leine des Kabinetts, sah sich eines Besseren belehrt. Demonstrativ betonte Hutton seine Unabhängigkeit: "Ich, und ich allein, bestimme, wer als Zeuge geladen wird." Deutlich wurde auch, dass sich London auf einen juristisch- politischen Marathon einstellen kann: Die Anhörungen ziehen sich monatelang hin, womöglich bis Weihnachten.

Hutton, der als einer von zwölf Law-Lords des Oberhauses im höchsten richterlichen Gremium des Landes sitzt, will jedes Detail klären. Er deutete an, dass er nicht nur die näheren Umstände von Kellys Selbstmord prüft, sondern auch ein Irak-Waffen- Dossier der britischen Regierung unter die Lupe nimmt.

Das Papier, im September 2002 gedruckt, stand am Anfang der Kelly-Affäre. Ende Mai berichtete der BBC-Reporter Andrew Gilligan, Blairs Pressestab habe die Geheimdienstanalyse "sexier machen" wollen, um einen Kriegsgrund zu finden. Kelly, in den Neunzigerjahren Waffeninspektor im Zweistromland, war, wie sich später herausstellte, die einzige Quelle des Journalisten. Am 17. Juli schnitt er sich, wohl unter dem Druck der Irakaffäre, in der Nähe seines Hauses in Oxfordshire die Pulsadern auf.

Gilligan muss nun ebenso wie Gavyn Davies, Chef des Verwaltungsrates der BBC, vor Huttons Kommission Rede und Antwort stehen. Hartnäckig hält sich der Verdacht, dass auch er übertrieben hat.(DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.8.2003)

Von Frank Herrmann aus London
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