Chips und Kasperln gegen Diebe

1. August 2003, 20:49
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Wenn der Kaufhausdetektiv mit den Worten "Würden Sie bitte mitkommen" herantritt, ist es schief gegangen - die extrem günstige Güterbeschaffung

Wien/Linz - Wenn der Kaufhausdetektiv mit den Worten "Würden Sie bitte mitkommen" an einen herantritt, ist es schief gegangen - die extrem günstige Güterbeschaffung durch Ladendiebstahl nämlich. Zwischen 400 und 500 Millionen Euro beträgt nach Schätzungen der jährliche Schaden in Österreich. Lange Finger bekommen viele: Lieferanten, Angestellte und Kunden. Mit neuer Technik und Prävention könnten die Zahl der Delikte gesenkt werden.

Hoffnungen in Funkchips

Hoffnungen setzen die Handelsketten beispielsweise in Funkchips, die in den Produktverpackungen integriert sind. Die so genannte RFID-Technologie (DER STANDARD berichtete) wird derzeit in einem Supermarkt der britischen Kette Tesco erprobt. Eigentlich sollen die Chips Logistik und Lagerhaltung erleichtern, in Cambridge werden sie aber in Kombination mit selbst auslösenden Kameras auch zur Überführung von Dieben verwendet. Entnimmt man Rasierklingen aus dem Regal, nimmt eine Kamera ein Bild auf, werden sie an der Kassa nicht bezahlt, wird ein zweites Mal geknipst.

Die heimischen Handelsketten finden die neue Technologie zwar interessant, sind aber noch vorsichtig. "Die Vorteile sind sicher toll, aber die Chips sind derzeit noch viel zu teuer", erklärt Nicole Berkmann, Pressesprecherin bei Spar. Um den Schwund zu verhindern, setzt die Kette in großen Häusern auf Kameras und Detektive, kleinere Märkte werden mit regionsweise rotierenden Überwachungsprogrammen kontrolliert.

Handel wartet ab Bezüglich der Funkchips verweist man bei Rewe Österreich (Billa und Merkur) an die deutsche Zentrale. Dort gesteht Sprecher Andres Krämer ein, "dass die Argumente für die Diebstahlsprävention gelten, derzeit steht das Thema aber nicht ganz oben auf der Agenda." Auch bei Rewe will man ebenso wie bei Adeg die Ergebnisse der Pilotprojekte erst einmal abwarten.

Weniger auf Technik und mehr auf Aufklärung setzt dagegen ein Einzelkämpfer aus Oberösterreich. Kurt Boschofsky hatte im vergangenen Herbst an fünf Handelsakademien im Land ob der Enns Projekte initiiert, bei denen die Schüler Kampagnen gegen Ladendiebstahl entworfen haben.

Verstärkte Präventionsmaßnahmen

Der Pensionist macht sich seit Jahren für verstärkte Präventionsmaßnahmen stark und verweist dafür aus Beispiele aus Deutschland. In Nürnberg sei es etwa durch die enge Kooperation von Polizei, Handelsvertretern und Schulen gelungen, die Zahl der Diebstähle um zehn Prozent innerhalb eines Jahres zu senken. Allein in Bayern gebe es an die 600 Präventionsprojekte, in Österreich stehe er noch allein da, beklagt Boschofsky.

Interessiert hat sich bisher kein Unternehmen dafür

Die Schülerprojekte aus Braunau, Freistadt, Kirchdorf, Linz und Steyr richten sich hauptsächlich an Kinder und Jugendliche. Kasperltheateraufführungen, die die Problematik thematisieren, Kurzfilme über die möglichen rechtlichen Konsequenzen, Logos und Infomaterial sind entstanden. Ein Team der Handelsakademie für Berufstätige in Steyr verfasste eine mehr als 100 Seiten starken Studie. Interessiert hat sich bisher kein Unternehmen dafür, bedauert Brigitte Landerl, eine der Autorinnen. Aufgeben will Boschofsky aber nicht, im kommenden Schuljahr will er Hauptschulen und Polytechnische Lehrgänge für sein Projekt gewinnen. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe 1.8.2003)

400 bis 500 Millionen Euro kosten Ladendiebstähle jährlich den Handel. Moderne Technik und Aufklärungsarbeit könnten helfen, den Schaden zu reduzieren.

Link

ladendiebstahl.at

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