Durcheinander verwirrt die Konsumenten

1. August 2003, 19:40
19 Postings

Ab heute gelten neue Öffnungszeiten: Doch von einer umfassenden Liberalisierung ist wenig zu merken - Schuld daran sind die Länder

Wien - Zwar ist Minister Martin Bartenstein rundum zufrieden. Er sieht "Wirtschaft und Handel von einer Wachstumsbremse" befreit, wie er zum Inkrafttreten des neuen Öffnungszeitengesetzes sagt. Demnach dürften - theoretisch - die Handelsgeschäfte von Montag bis Freitag von fünf bis 21 Uhr geöffnet haben, an Samstagen von fünf bis 18 Uhr, bei einem Maximum von 72 Stunden die Woche (derzeit 66). Die Landeshauptleute dürfen für ihr Bundesland den genehmen Rahmen festlegen.

Niederösterreich prescht vor

Aber diese machen von ihrem Recht auch Gebrauch - und bleiben weit gehend beim Status quo. Zumindest in Oberösterreich, Kärnten, Salzburg und der Steiermark. Dort ändert sich gar nichts.

Einzig Erwin Pröll will den niederösterreichischen Händlern erlauben, Montag bis Freitag bis 21 Uhr und an Samstagen bis 18 Uhr offen zu halten. Daraus ergibt sich schon das erste Konfliktpotenzial: Das größte Einkaufszentrum Österreichs, die SCS vor den Toren Wiens, bekommt so einen gravierenden Vorteil.

Kompromisse

In Vorarlberg und im Burgenland gibt es einen Kompromiss: Geschäfte können einmal in der Woche bis 21 Uhr offen halten, ansonsten bleibt alles beim Alten. Das gilt auch in Wien. Ob am Samstag um 17 Uhr oder erst eine Stunde später Ladenschluss sein wird, entscheidet sich erst.

Wien und das Burgenland sehen die Regelung als "Testbetrieb" bis Jahresende, dann wird neu verhandelt. Medienwirksam wie immer verkündete Baumeister Richard Lugner sogleich, sein Einkaufszentrum werde schon Freitag nächster Woche bis 21 Uhr offen halten.

Enttäuschung

Andere Händler zeigten sich enttäuscht, "besonders von Wien", wie Erich Lemler, Spartenobmann in der Wirtschaftskammer, sagte. Vor der Ladenöffnung erwarte man sich keine Zusatzumsätze, sondern nur eine Verlagerung. "Die Konsumenten sind durch den Pallawatsch der unterschiedlichen Öffnungszeiten eher verunsichert", so Peter Voithofer von KMU Forschung Austria. Auch die Kundenfrequenz - im ersten Halbjahr bei stagnierenden Umsätzen gefallen - werde sich dadurch nicht erhöhen.

Das Gegenteil behauptet Wein-&-Co-Eigentümer Heinz Kammerer, der die Hälfte seines Umsatzes - dank einer Gesetzeslücke - schon jetzt nach 19 Uhr einfährt. Auch andere knüpfen Hoffnungen an das neue Gesetz: Die Sprecherin der Österreich Werbung, Christa Lausenhammer, verweist darauf, dass in Europa dort, wo lange Einkaufsmöglichkeiten bestehen, die meisten Gästeankünfte verzeichnet werden. Wien liegt derzeit im Europa-Vergleich nur an elfter Stelle.

Tourismus unzufrieden

Der Tourismuswirtschaft geht die neue Regelung jedenfalls nicht weit genug. So fordert Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler "mehr Sonntagsöffnungszeiten, da Shopping einfach ein wichtiger Teil des Urlaubs sei." Auch die junge Wirtin des "Weißen Rössl", Gudrun Peter, hält die Regelung nur "für die erste Teilstrecke eines Marathons". Verärgert sind auch vor allem Wiener Hoteliers. Sie verstehen nicht, "warum sich die Gäste am Sonntag die Nasen an den Schaufenstern platt drücken müssen". Wenig von der neuen Regelung betroffen zeigt sich das Gewerbe. Die Betriebe stünden schon jetzt dem Kunden etwa mit Notdiensten rund um die Uhr zur Verfügung, heißt es. (bach, nema, szem/DER STANDARD Print-Ausgabe, 1.8.2003)

  • Wo, wie, wann füllen: Das ist hier die Frage.
    montage: derstandard.at

    Wo, wie, wann füllen: Das ist hier die Frage.

Share if you care.