Zur Opernmagie des Irrealen

12. August 2003, 14:10
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Die Neuinszenierung von Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" erweist sich als eine der besten Festspielpremieren der letzten Jahre

Die Salzburger Neuinszenierung von Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" wurde zum einhelligen Erfolg. Sie zählt trotz gewisser Mängel zu den stimmigsten Deutungen dieses Werkes und erweist sich als eine der am besten geglückten Festspielpremieren der letzten Jahre.

Salzburg - Die Salzburger Festspielwelt kommt allmählich wieder ins Lot. Zunehmend besinnt man sich wieder auf die wahren westlichen Werte:

Die Zahl der stattlichen Limousinen, die in der Mönchsberggarage parken, ist unübersehbar im Steigen begriffen. Und was das Auge ihrer soignierten Insassen stören könnte - wie etwa der von der Gruppe Gelatin vor das Festspielhaus geklotzte Mann aus Plastilin - wird kurzerhand eingesargt. Mit einem solchen Ausmaß an protuberierender Männlichkeit kann ja kaum ein Stück mithalten, das so mancher elegante Smokingträger (am Ende ganz im Gegensatz zu seiner goldbehangenen Partnerin) bisher für sein bestes hielt.

In Salzburg soll um (im wahren Sinn des Wortes) Himmels willen keiner mehr verunsichert werden. Daher geht es auch im Giulietta-Akt der Neuinszenierung von Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen so schicklich zu wie in einem Damenstift. Wären nicht die meisten angezogen, könnte man angesichts der vom Boden aufsteigenden Rauchschwaden meinen, man befände sich in einem Dampfbad. Doch da wird auf einer riesigen Barke auch schon Waltraud Meier in roter Samtrobe mit züchtigem Dekolletee als Femme fatale herein geschoben. Und im kultivierten Zwiegesang mit Nicklaus und Muse Angelika Kirchschlager wird nun unter der makellosen Assistenz des verlegen herumstehenden Chores und der unter Kent Nagano mit allen Prachten aufspielenden Philharmoniker die Barkarole abgewickelt.

Während dem hockt die Titelgestalt (Neil Shicoff) - wie übrigens fast die ganze Aufführung hindurch - bald in Blättern wühlend, bald den Schreibenden mimend am rechten vorderen Bühnenrand. Womit der englische Regisseur David McVicar andeuten möchte, dass Hoffmann sich alles, was da läuft, nur einbildet, weil er ja bekanntlich ein Dichter ist und obendrein auch noch ein delirierender Säufer.

Dass ausgerechnet die abstrakteste Gestalt dieser Oper, die Muse, nach dem Willen des Regisseurs die einzige konkrete Frauengestalt sein soll, macht die Sache noch vertrackter. Meist nestelt sie in verlegener Hilflosigkeit an ihrem sternhagelvollen Schützling oder gefrettet sich durch dessen sich szenisch manifestierende Visionen.

Unter derlei Prämissen mag die Feststellung erstaunen, dass es sich bei dieser szenischen Deutung nicht nur um eine der eindrucksvollsten Realisierungen dieses Werkes handelt, sondern auch um eine der stimmigsten Salzburger Festspielproduktionen der letzten Jahre.

Und dies trotz mancher verschmerzbarer Einschübe aus Originalmanuskripten, trotz eines langatmigen Schlusses, trotz der glanzlosen, sich mit einem trüben Einheitsbild begnügenden Ausstattung durch Tanya McCallin und trotz der unübersehbaren Schwächen des Regisseurs in der Führung der Chöre.

Gelingt ihm doch im Antonia-Akt ein geradezu exemplarisches Beispiel im szenischen Umgang mit dem Irrealen. Diese meist larmoyante Episode vom sangesfreudigen, aber leider lungenkranken Mädchen verdichtet er zum beinah atemberaubenden magischen Kammerspiel. Dr. Mirakel (Ruggiero Raimondi) hantiert nicht mit Fläschchen, sondern verströmt aus der Entfernung, ohne Antonia zu berühren, seinen todbringenden Mesmerismus.

Gespenstische Wucht

Antonias Mutter (Marjana Lipovsek) tritt mit dominanter gespenstischer Wucht persönlich auf, vor der Vater Crespel (Kurt Rydl) nur berührend resignieren kann.

Getragen wird dies alles freilich durch die szenischen und musikalischen Energien, die von Neil Shicoff ausgehen, wenn er sich aus seinem Dichterwinkel ins Geschehen einbringt. In den höheren Lagen flackert in seiner Stimme jenes alle Schauer des Absurden weckende tenorale Irresein, wie es in dieser Partie vor mehr als 30 Jahren Placido Domingo oder gar Fritz Wunderlich auszulösen vermochten.

Seine Leistung wurde durch ein in den zentralen Positionen hieb- und stichfestes Ensemble ergänzt. Lubica Vargicová kommt aus Europas Goldkehlen-Nest, Bratislava, wo auch Lucia Popp und Edita Gruberova zu Hause sind, und ihre Olympia erreicht an gelenkiger Stimmbrillanz die von Landsmänninnen gesetzten Marken.

Auch in der Antonia der in Wien schon eingeführten Bulgarin Krassimira Stoyanova ist Musik zur überzeugenden tönenden Gestalt geworden, wie sie auch von Waltraud Meier, Marjana Lipovsek und ganz besonders eindrücklich von Angelika Kirchschlager erschaffen wurden.

Ruggiero Raimondis Bösewichte glänzten mehr durch szenische Präsenz und Routine als durch stimmliche Brillanz. Wie die Herrenriege mit Robert Tear (Spalanzani) und Jeffrey Francis (Cochenille, Franz und Pitichinoccio) überhaupt eher schwächer wirkte, aber vom durch Kent Nagano sensibel nuancierten Klang der Philharmoniker getragen wurde. (Peter Vujica/DER STANDARD, Printausgabe, 01.08.2003)

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