Neonazi-Tauschbörse im Internet

11. August 2003, 10:49
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Peer to Peer (P2P) findet auch andere Interessenten. Für Neonazis ist sie "optimal": alle Vorzüge des Internets ohne dessen Öffentlichkeit

Sie nennen sich „SS Scharfschütze18“, „Negerschreck“, „Brauner Terrorist“ oder „Judentöter88“ – Mitglieder des neonazistischen Peer-to-Peer-Netzwerks „Volker mord“(sic!), in dem eine dreistellige Zahl von Neonazis rechtsextreme und rassistische Dateien jeglicher Art tauscht.

„Volkermord – for a dying race“

Über die im Netz abrufbare Website „Volkermord – for a dying race“ wird die braune Tauschbörse beworben und Webspace, Bannertausch und Topliste für Neonazis angeboten. Das Ziel der aus Deutschland und Schweden stammenden Betreiber ist eine Vereinigung „arischer Menschen mit wahrem nationalsozialistischem Glauben zu einer internationalen Freundschaft“ und der Kampf „gegen die weltweite Zerstörung der arischen Rasse und Kultur, unseres Lebensstils, unserer Geschichte und unserem Geburtsrecht durch die jüdische Seuche“.

„IOR"

Gestaltet wurde der Internetauftritt vom schwedischen Neonazi Eddie Pafvelsson alias „IOR“. Pafvelsson, einer der Operatoren der Tauschbörse, leistet derzeit seinen Wehrdienst bei der schwedischen Armee und präsentiert sich im Web in Uniform vor einer Hakenkreuzfahne. Martialischer scheint nur „Darksoldat“, ein deutscher Skinhead, der sich mit einem Schnellfeuergewehr und Sätzen wie „Wir müssen gegen unsere jüdische Regierung kämpfen“ präsentiert.

Neben umfangreicher NS-Symbolik bietet die Website als „Appetizer“ für das P2P-Netz auch neonazistische Videos und Musikdateien zum Download. Doch das ist nur ein „Vorgeschmack“ auf das, was zum Tauschen über das P2P-Netz zugänglich gemacht wird: Hier hat sich abseits der bekannten Filesharing-Programme eine rechtsextreme Community gebildet, die Neonazi-Materialien im Terabyte- Bereich (1 TB=1000 Gigabyte) tauscht.

„Direct Connect“

Grundlage der Tauschbörse ist das Filesharing-System „Direct Connect“. Die Herstellerfirma bewirbt es als „community-orientiertes, offenes und von den Usern zu kontrollierendes Netzwerk“, das es Usern ermöglicht, eigene Server (Hubs) zu betreiben und Zugriffsregeln festzulegen. Oft werden solche Server „stand-alone“ betrieben, eine Integration in ein umfassendes Netz wie bei WinMX oder Kazaa ist nicht vorgesehen.

Damit ist eine simple und internetweite Suche nicht möglich und macht das Programm für den „Volkssport Filesharing“ unattraktiv. Für eine Neonazi-Tauschbörse im Internet ist es dagegen geradezu ideal. Während die allgemeine Diskussion um P2P- Netzwerke von der Musikindustrie und von kritische Stimmen über die einfache Verbreitung jugendgefährdender Inhalte über die bekannten Peer-to-Peer-Netze dominiert wird, haben sich Neonazis mit dem „Volkermord“-Netzwerk unbeobachtet eine Tauschbörse für ausschließlich neonazistische Inhalte geschaffen.

„fantastic fuck and facial“

Diese Inhalte sind nach dem Willen der Betreiber „WP Musik/Metal“, „keine Nigger Musik (Eminem)“ und „keine Pornos/Kinderpornos“. Einzelne Nutzer geben hier bis zu 400 GB an Daten frei, der Triumph des Willens der Betreiber scheitert jedoch angesichts von Nutzern wie „Ruhrpottkrieger“. Der stellt zwischen seinen über 6000 zum Tausch freigegebenen Dateien Verzeichnisse wie „Facial Movies“, „fantastic fuck and facial“ oder „extreme torture SM“ mit den entsprechenden Inhalten zur Verfügung.

Nazi Musik und Filme

Die meisten Nutzer ermöglichen aber den Zugriff auf das gesamte Spektrum rechtsextremer Musik samt allen denkbaren musikalisch-subkulturellen Grauzonen. Bis zu 500 und mehr Alben verschiedenster Szenebands im MP3-Format samt zugehörigen Coverbildern sind ebenso wenig eine Seltenheit wie Nazi-Propagandafilme und Musikvideos – vom NS-Hetzfilm „Der ewige Jude“ über Konzertmitschnitte einschlägiger Bands wie „Skrewdriver“ und „Landser“ bis zu rassistischen „Kriegsberichter-Videos“.

Games

Weitere Tauschobjekte sind einschlägig bekannte neonazistische Spiele. Wie „KZ-Manager Millenium“ oder „KZ-Rattenjagd“, aber auch der auf aktuelle Technologie basierende neonazistische Ego-Shooter „Ethnic Cleansing“. In dem von der amerikanischen Neonazi-Gruppe National Alliance produziertes Nazi-Computerspiel müssen „räuberische Untermenschen und ihre jüdischen 'Herren“ getötet werden, um „die weiße Welt zu retten“.

Auch Nazi- und Neonazi-Literatur ist zu finden, von „Mein Kampf“ und anderen NS-Schriften über revisionistische Bücher wie Wilhelm Stäglichs „Auschwitz-Mythos“, über Jan van Helsings antisemitischen „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“ bis zu den rassistischen Turner- Diaries, die als Anleitung für das Bombenattentat in Oklahoma gelten.

.at Tauscher

Österreichische Nutzer agieren in dieser Tauschbörse unter Pseudonymen wie „Sgb_Renee“ (über 400 Dateien) oder „Dink&Fight“ (über 220 Dateien). Das größte rechtsextreme Dateivolumen stellt allerdings „Beerpatriot“ mit über 8 GB Daten zur Verfügung – über 3300 meist MP3 von Gruppen wie <$0>den „Zillertaler Türkenjägern“, „Radikahl“, „Landser“ oder „DJ Adolf“ samt zugehörigen Coverbildern, deren NS-Symbolik gegen österreichisches Recht verstößt. (Rudolf Kleinschmidt, DER STANDARD Printausgabe, 1.8. 2003)

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