Etwas wider die Natur

11. August 2003, 11:09
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Wenn die katholische Kirche nicht mehr weiter weiß, bemüht sie als letzte Zuflucht die "Natur des Menschen" - von Otto Ranftl

Unheilbar: Reden wir nicht lange herum, dieser katholischen Kirche ist nicht zu helfen. Die Erwägungen zu Homosexualität und Partnerschaft, die Kardinal Ratzinger lange wälzen und jetzt veröffentlichen ließ, nehmen sich wie eine Botschaft aus lange verflossener Zeit aus. Wie die Menschen leben und fühlen, was so in den vergangenen hundert Jahren über die Grundlagen des Lebens geforscht wurde, was eine aufgeklärte Gesellschaft zu toleranten Werthaltungen führt - den Vatikan hat scheinbar nichts davon erreicht. Es ist, als hätten Gelehrte über Jahre in einem Verlies der Engelsburg beraten.

Das "natürliche Sittengesetz" wird bemüht, um Lesben und Schwulen eine Gleichstellung mit normalen, so heißt das dann ja wohl, Ehepaaren zu versagen. Eine ziemlich hilflose Geschichte: Wenn einer in einer Debatte nicht mehr weiter weiß, bemüht er als letzte, diffuse Zuflucht die "Natur des Menschen" oder allgemein "Sitte" und "Anstand". Schon vor Beginn unserer Zeitrechnung wurde damit begonnen, diese Begriffe mit höchst unterschiedlichen Bedeutungsinhalten zu füllen, der Rekurs darauf gibt also nicht viel her.

Mit Feuer und Schwert tritt die Glaubenskongregation gegen die "Sünde Homosexualität" an - oder soll es "Krankheit" heißen? Es ist, als gelte es, eine ketzerische Neufassung des Katechismus zu verhindern. Dabei geht es im Kern vor allem um profane Fragen, Erbrecht und Mietrecht. Kinder dürfen Homosexuelle auch nicht haben, Adoption wäre dann so etwas wie "Vergewaltigung". Eine Erklärung, warum das bei Alleinerziehern anders ist, wird schon noch versucht werden.

Vor 25 Jahren ist Papst Paul VI. gestorben. Er schuf die Pillen- Enzyklika, und die wird heute himmlisch ignoriert. Die Amtskirche lebt in dieser Tradition fort. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 1.8.2003)

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