Deutsche Zeitung: "Es wurde gelogen, betrogen und in die Irre geführt"

2. August 2003, 22:04
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US-Agenten vor dem Irak-Krieg von der Politik benutzt: "US-Geheimdienste ließen sich auch diesmal einschüchtern"

"München - "Um den Irak Kriegsgrund politisch aufzumöbeln, wurde gelogen, betrogen und in die Irre geführt", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". "Tenet, Rice, Powell - wann wird eigentlich ernsthaft über die Verantwortung von Präsident George W. Bush geredet, der sein Amt mit dem Vorsatz antrat, 'Ehre und Würde' im Weißen Haus wiederherzustellen? Es geht nicht um Fehler und Pannen, um 16 Worte und ein paar Röhren, sondern um Vorsatz."

Tenet streute als erster "Asche auf sein Haupt"

"Als Erster streute CIA-Chef George Tenet Asche auf sein Haupt. Der Geheimdienstchef, seit sechs Jahren schon im Dienst, übernahm die Verantwortung dafür, dass der Präsident in seine 'Rede zur Lage der Nation' die Niger-Lüge eingebaut hatte, um den Präventivkrieg gegen Saddam Hussein begründen zu können. Nach Tenet gab auch Sicherheitsberaterin Rice das Bauernopfer. Sie habe den Präsidenten nicht davon abgehalten, in seiner Rede die verhängnisvollen 16 Worte über den Niger und die versuchten Urankäufe des irakischen Diktators zu verwenden."

"Auch das war nur ein Schwindel"

Außenminister Colin Powell habe trotz massiver Bedenken von Fachleuten in seiner Rede vor den Vereinten Nationen am 5. Februar den Eindruck erweckt, der Irak habe versucht, Röhren zu kaufen, die als Bauelemente von Zentrifugen dienten, mit denen waffenfähiges Uran produziert werden könnte. "Auch das war nur ein Schwindel".

Powell sei "glaubwürdig, kenntnisreich, skrupulös"

"Dass jetzt über Powell geredet wird, zeigt das Dilemma: Der Außenminister galt zumindest in Europa als der Saubermann der Regierung. Glaubwürdig, kenntnisreich, skrupulös. (...) Nichts hat gestimmt. Kein einziger Punkt der umfangreichen Beweisführung Powells vor dem UN-Sicherheitsrat hielt den Überprüfungen stand. Wie war das möglich? Wurde der gute Powell getäuscht? Man müsste naiv sein, um das zu glauben. Der Glaubwürdigkeitsskandal der amerikanischen Politik ist die Folge einer Obsession der Regierung, die nach dem 11. September irgendeinen fassbaren Feind brauchte. Gerüchte und Viertelwahrheiten wurden als Belege ausgegeben. Nichts ist zufällig passiert, da hat keiner Pech gehabt. Im Verteidigungsministerium erfand eine von Donald Rumsfeld eingesetzte Truppe Bedrohungsszenarien und manipulierte Fakten und Indizien. CIA-Auswerter wurden unter Druck gesetzt, endlich auf Linie einzuschwenken."

US-Geheimdienste ließen sich auch diesmal einschüchtern

"Geheimdienste wie CIA oder der offizielle Pentagon-Geheimdienst DIA ließen sich auch diesmal einschüchtern, machten mit oder gingen in die innere Emigration. Aber jetzt trauen sich auch die Ängstlichen wieder aus der Deckung und reden. In den nächsten Monaten wird es noch viele Geschichten darüber geben, wie sich Regierende an der Verzerrung der Wirklichkeit beteiligt haben. Am Ende aber wird es immer nur um eine Frage gehen: Was wusste der Präsident?" (APA)

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