Raus mit der Reblausromantik

3. Oktober 2005, 16:02
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Kalterns Ruf als Reben-Disneyland ist hartnäckig und weit verbreitet. Mit dem Projekt "wein.kaltern" versucht die Region eine Neupositionierung

"Kalterersee ist etwas für Mephistoschuhträger, aber nichts für Sie", ätzen die Journalisten-Brüder Cornelius und Fabian Lange in ihrem Buch über Italiens Weinlandschaften "Bella Italia" über die Kalterersee-Auslese. Wobei sie die Beliebtheit des leichten DOC-Rotweins vor allem auf seine berauschende Wirkung, weniger auf andere Qualitäten zurückführen. In den 60er- und 70er-Jahren wurde dieser Wein aus der Vernatsch-Traube zum Massenprodukt mit großer geografischer Ausdehnung, mit dem sich Busladungen von Touristen, vorzugsweise aus nördlicheren Gefilden Europas, abfüllten. Und Kaltern "erfreute" sich des zähen und weit verbreiteten Rufs, eine Art Disneyland für Rotweintrinker zu sein, was niemand in der Region besonders lustig fand. Ergo beschloss man 1999, in die Offensive zu gehen.

Der Kalterer See, der wärmste Bergsee der Alpen, liegt 15 Kilometer südlich von Bozen inmitten der eindrucksvollen Berglandschaft Südtirols. Rund um das Gewässer ziehen sich die Weingärten an den Berghängen hinauf, viele in der für Vernatsch und die Region typischen Pergel-Erziehung, in den Ebenen sind die Apfelkulturen. Obstbau und Weinwirtschaft haben im Lauf der Zeit eine höchst reizvolle Kulturlandschaft entstehen lassen.

Grundidee hinter der Neupositionierung als Weindorf war, die Vielfalt der Weine und die zweifellos vorhandenen Qualitäten der Region in den Vordergrund zu rücken. Das ganze Dorf, nicht nur Touristiker und Gemeindevertreter, wurden in das Projekt "wein.kaltern" eingebunden. Man einigte sich auf ein Konzept ohne Reblaus- und Schnuckelhäuschenromantik, das "Weindorf" sollte nicht mit der obligaten Begrüßungstafel abgefeiert sein. Partnerbetriebe wie Restaurants und Hotels wurden auf die Spezialitäten der Region eingeschworen. Für die grafische Gestaltung nahm man die Hilfe der Agentur Circus aus Innsbruck in Anspruch: "wein.kaltern" - gesprochen wie geschrieben "wein punkt kaltern" - wurde in der Folge als Marke definiert und geschützt.

In kaum einer anderen Weinregion wird man beim Wandern oder Radfahren derart umfassend informiert. Über unterschiedlichste Formen der Kommunikation - Tafeln in der Landschaft, im Boden eingelassene Markierungen und Landkarten allerorten - werden Fakten zu Geschichte, Boden, Reben und Klima kommuniziert. 240 Kilometer Wegenetz rund um den See führen durch die "Riegeln", wie die Weingärten hier heißen. Alle paar Hundert Meter fährt man über helle Kalksteinwellen, auf denen Namen wie Prunar, Garnellen oder Vial eingemeißelt sind, die teils rätoromanischen Bezeichnungen der umliegenden Riegeln.

Auf ein museales Abfeiern der Gebäude im Überetscher Baustil wird weitgehend verzichtet. Im Ortszentrum von Kaltern befindet sich Windegg, ein "Ansitz", wie die Häuser der adeligen Familien der Gegend genannt werden. Auf Windegg führt man heute eine Jausenstation mit Südtiroler Spezialitäten, außerdem ist es Ort des Kalterner Sommerfilmfestivals. Ansitze entstanden gegen Ende des 15. Jahrhundert bis ca. 1700 und sind rein optisch eine Art Mittelding zwischen herrschaftlicher Villa und Burg.
Und was die Hauptsache, den Wein, betrifft, nur noch so viel: Zwölfmal wurden seit 1996 die begehrten "Tre Bicchieri", die höchste Auszeichnung der italienischen Weinbibel "Gambero Rosso", an Weine aus Kaltern vergeben. (Luzia Schrampf, Der Standard/rondo/01/08/2003)

Info

wein.kaltern Ges.mbH Marktplatz 8,
I-39052 Kaltern am See an der Südtiroler Weinstraße; Tel. 0039 / 0471 / 963 169; wein.kaltern.com

  • Artikelbild
    www.kalterer.wein.com
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