Autokino

7. August 2003, 13:51
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"Autokino ist total lässig", sagt Sabine. "Erste Reihe fußfrei, den Lautsprecher direkt am Ohr, dadurch Spitzenakustik

+++PRO
von Ljubisa Tosic

Von einer Sache, die man nur vom Hörensagen her kennt, lässt sich leicht schwärmend aus dem Häuschen geraten. Zudem schleppen wir genügend traumatische Kinoerlebnisse im biografischen Rucksack mit, um der Sehnsucht nach einer karosseriegeschützten Begegnung mit der Welt der laufenden Bilder zu erliegen. Die sommerlichen Ausdünstungen des Mitmenschlichen. Das auf unser Nervensystem zielende Fingerwühlen in Chip-Tüten samt krachend vorgenommenem oralen Chipmord. Der Crash von Händen, auch Klatschen genannt. Das an unbrauchbarer Stelle staccatoartige asoziale Ausstoßen von Luft, auch Lachen geheißen. Dann jenes Phänomen, das uns immer einen Polster ins Kino mitnehmen lässt, jenes in zahllosen Formen auftretende, den direkten Kinoblick verstellende Etwas, das wir Frisurwand, Haarbaum oder Lockenturm nennen.

Von alledem erlöst zu werden, käme jenem Glücksgefühl gleich, einmal mit dem Raumschiff Enterprise mitfahren zu dürfen. Da nähme man schon in Kauf, dass sich zwischen Film und uns eine Autofensterscheibe dazwischenstellen würde. Zumal unser Fantasieauge noch andere Vorteile erspäht. Umbemerkt von der Umwelt können wir bis zum Hals in Gummibärchen, Popcorn oder Sportgummi sitzen, der Schutz der infantilen Privatsphäre wäre gewährleistet. Für die Dauer unseres Besuchs in der einzig brauchbaren Wirklichkeit, jener des Films, müsste man sich nicht schämen, wieder jener Genusszwerg zu sein, vor dessen Gekreische sich Papa und Mama durch präventive Wunscherfüllung schützten. Dafür würden wir sogar einen Führerschein machen und im Kino parken.

*****

CONTRA---
von Doris Priesching

"Autokino ist total lässig", sagt Sabine. "Erste Reihe fußfrei, den Lautsprecher direkt am Ohr, dadurch Spitzenakustik. Eine Riesenleinwand vor dir, keine stinkenden Popcorn, kein Chipspackerlrascheln. Und das Beste: Man trinkt Bier dazu." Ich staune. "Klingt großartig", sage ich. Von Kino ohne Chipspackerlrascheln träume ich tatsächlich seit langem.

Bis dato widerstand ich Sabines Verlockungen dennoch hartnäckig. Tief in meinem Inneren sträubt sich nämlich etwas ganz Substanzielles dagegen.

Vielleicht liegt es daran, dass in meiner kleinen Welt ein Auto in erster Linie dazu da ist, jemanden von A nach B zu fahren. Bewegung, gleichbedeutend mit folgender Grundregel: Im Auto wird nicht gegessen, nicht geschlafen (Sex? Oh Gott!) und erst recht nicht auf eine Leinwand geschaut. Ein Auto ist zum Fahren da.

Weiters bin ich überzeugt, dass ein Film nicht durch eine Windschutzscheibe betrachtet werden darf. Der so entstandene Verlust an Aufmerksamkeit ist weit größer als der Gewinn durch den nicht vorhandenen Popcorngestank. Dazu kommen Bedürfnisse, die aufgrund der räumlichen, Intimität vortäuschenden Enge eventuell befriedigt werden wollen. Schmusen und Grabschen im Kino? Niemals. Kino ist zum Sitzen und Schauen da.

Zwingendster Grund allerdings, warum ich ein Autokino nie, nie, nie besuchen werde, ist aber der, dass ich mir um alles in der Welt nicht vorstellen will, was in den Autos rund um mich abgehen mag. Gute Güte, darauf kann ich gerne verzichten. (Der Standard/rondo/1/8/2003)

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