Stella McCartney: "Bin kein Vorbild"

Interview6. September 2013, 14:03
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Werden Frauen nach ihrer Lieblingsdesignerin gefragt, fällt immer wieder ein Name: Stella McCartney. Warum das so ist? Wir haben die Modemacherin einfach selbst gefragt

Wenn Stella McCartney spricht, dann in gediegenem Ambiente: Berliner Adlon, erster Stock. Zwei Securitys machen vor der Tür die Beine lang, gut gelaunte PR-Frauen wuseln umher. Stella sei gut drauf, sagen sie. Irgendwann geht die Tür auf, in einem cremefarbenen Raum empfängt die englische Designerin in heller Bluse mit dezenten Schulterklappen, knielangem Rock und High Heels. Sie wirkt schmal, sehr dezent und ist, keine Frage, auch mit Anfang vierzig das elegante Aushängeschild ihres eigenen Labels Stella McCartney.

STANDARD: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Show für Ihr Label Stella McCartney? 2001 war das.

McCartney: Das war ein sehr emotionsgeladener Moment in meinem Leben, ich war damals ziemlich nervös und bin da etwas zu früh hineingeraten. Das glich fast einem Kriegszustand.

STANDARD: Sie standen damals in der Kritik, weniger Designerin als die Tochter Ihres Vaters zu sein ...

McCartney: Ich habe das nicht zu ernst genommen. Ich respektiere die Meinung anderer Leute, aber ich kann davon ja nicht mich oder meine Kreativität beeinträchtigen lassen.

STANDARD: Gibt es Kleidungsstücke, in denen Sie sich stark fühlen?

McCartney: Klar, wenn ein Rock in der Taille sitzt, fühle ich mich stärker und habe eine ganz andere Haltung, als wenn ich einen Rock locker auf der Hüfte trage. Wie ein Kleidungsstück sitzt, so trägt man es. Es geht weniger um ein Kleidungsstück als um dessen Schnitt und die Passform - nicht zu vergessen Drucke, Farben oder die Textur.

STANDARD: Haben Modedesignerinnen ein besseres Gefühl für ihre Klientel als ihre männlichen Kollegen?

McCartney: Ich mache gerne, was Frauen wollen, und arbeite auch hart daran. Bei jeder Anprobe teste ich die Kleidungsstücke an mir selbst aus. Wenn ich zum Beispiel einen Rock trage, fühle ich mich komplett anders als in einer Hose. Und wenn ich an einer Jacke einen Schulterpolster anbringe, ist das etwas anderes, als wenn die Schulter locker herunterhängt. Dabei achte ich auf die kleinsten Details. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich als Frau besser verstehe, was für eine psychologische Angelegenheit Mode ist, und wie Frauen auf sie reagieren.

STANDARD: Was glauben Sie: Ziehen sich Frauen zu oft für Männer an?

McCartney: Das ist eine dieser Generalisierungen, die ich hasse. Mir ist es wichtig, dass sich Frauen für sich selbst anziehen und sich in ihrer Haut wohlfühlen. Wenn Frauen sich für sich anziehen, darf das natürlich dem anderen Geschlecht gefallen. Es geht um eine selbst bestimmte Attraktivität.

STANDARD: Wenn Frauen von Ihrer Mode reden, hört sich das oft so an, als sei "Stella" eine gute Freundin. Wie ist das, ein Vorbild für Ihre Kundinnen zu sein?

McCartney: Das fühlt sich irgendwie merkwürdig an. Zum einen möchte ich da einfach durchtauchen, ich mache ja nichts anderes als Mode, andererseits macht mich das natürlich stolz. Aber ich bin kein Vorbild, nein, als solches verstehe ich mich nicht.

STANDARD: Was finden Frauen an Ihrer Mode gut?

McCartney: Ich arbeite so, dass die eine Kollektion die andere ergibt. Es gibt sehr klassische, zeitlose Stücke, zu denen man leicht Zugang findet, aber auch welche, die den Körper in Szene setzen. Außerdem liebe ich Farben! Wenn ich mich wie in diesem Herbst für die Farbe Violett entscheide, läuft das sehr instinktiv. Einerseits reagiere ich auf das, was ich in der letzten Saison gemacht habe, andererseits habe ich diese Farbe schon eine ganze Weile nicht eingesetzt. Wenn es klick macht und es sich richtig anfühlt, setzt sich auch ein Violett bis zum Ende der Kollektion durch.

STANDARD: Sie arbeiten weder mit Pelz noch mit Leder. Ist es schwierig, sich der Nachfrage zu widersetzen?

McCartney: Das ist nicht leicht. Man muss schon eindeutig davon überzeugt sein, wenn man auf diese Materialien verzichtet. Das Traurige im Modebusiness ist ja, dass jedes Jahr Millionen von Tieren für völlig unwichtige Dinge getötet werden. Dabei könnten die in der gleichen Qualität und Attraktivität auch anders hergestellt werden. Es ist heute wirklich antiquiert, mit Leder und Pelz zu arbeiten. Das macht doch jeder, das ist völliger Mainstream: Leder ist kein Luxusgut, sondern ein Stück Massenware.

STANDARD: Vor zehn Jahren war dieser Standpunkt aber sicher unzeitgemäßer?

McCartney: Beim Umgang mit Nahrungsmitteln sind wir vielleicht weiter, aber in der Modewelt ist noch eine Menge zu tun. Das Geschäft der meisten großen Modeunternehmen baut nach wie vor auf Leder und Pelz auf, damit wird das Geld gemacht. Aber letztlich kann sich der Konsument ganz bewusst gegen eine Ledertasche entscheiden.

STANDARD: Verstehen Sie es eigentlich als feministischen Akt, im Modebusiness eine Führungsposition einzunehmen?

McCartney: Ich bin ein Fan von Frauen und setze mich für die Rechte von Frauen ein. Wenn das bedeutet, eine Feministin zu sein, dann bin ich das wohl. Gleichzeitig bin ich mir nicht so sicher, ob mich so eine Haltung schon zu einer Feministin macht. Ich habe da diese Bilder der 1970er-Jahre im Kopf, als Frauen ihre BHs verbrannt haben. Wie ich den Feminismus heute definieren soll, weiß ich nicht so recht. Ich weiß aber, dass Frauen im Alltag noch immer viele Kämpfe auszutragen haben. Aber ich mag eben auch die Männer.

STANDARD: Wie steht es denn heute mit den Frauen im Modebusiness?

McCartney: Ich finde gut, dass es mittlerweile viel mehr weibliche Modedesigner gibt - und die brauchen wir auch. Gleichzeitig glaube ich, dass hinter jedem wichtigen Mann in der Industrie Frauen stehen. In den meisten Modehäusern halten die Frauen die eigentlichen Dinge am Laufen. Und auch bei mir besteht der größte Teil des Teams aus Frauen, von denen viele wie ich Mütter sind.

STANDARD: Sie sind eine der bekanntesten Designerinnen der Welt. Wie ist das, immer wieder mit Paparazzi-Bildern von sich selbst konfrontiert zu sein?

McCartney: Ich halte mich sehr bedeckt außerhalb meiner Arbeit. Wenn es Bilder gibt, hat das mit meinem Job zu tun, nicht mit meinem sozialen Leben oder meinen Freunden.

STANDARD: Ihre Mutter Linda hat 1968 als erste weibliche Fotografin das Cover des "Rolling Stone" geschossen. War es sie, die Ihnen das nötige Selbstbewusstsein mitgegeben hat?

McCartney: Ganz bestimmt. Sie besaß allerdings eine sehr zurückhaltende Art, Selbstvertrauen zu vermitteln. Sie war sehr bei sich und fühlte sich wohl in ihrer Haut - das war für mich sehr wichtig. Sie stand ja immer hinter der Kamera und ist mit einer großen inneren Sicherheit an ihre Arbeit herangegangen. Sie hatte einen sehr feinfühligen Zugang zu anderen Leuten.

STANDARD: Und Ihre beiden Töchter, sind die eigentlich auch schon offen für die Mode?

McCartney: Ja, ich glaube, dass sie ziemlich interessiert sind an dem, was ich tue. Um von Mode besessen zu sein, sind sie aber glücklicherweise noch viel zu klein: Sie sind ja erst zwei und sechs Jahre alt. Sie haben mir also noch nicht mitgeteilt, ob sie sich ebenfalls mit Mode beschäftigen wollen. (Anne Feldkamp, Rondo, DER STANDARD, 6.9.2013)

Stella McCartney: Britische Designerin nimmt in Berlin junge Designer an die Hand

Es ist gar nicht so lange her, dass sie selbst als Jungdesignerin galt. In diesem Jahr fungierte Stella McCartney als Schirmherrin des "Designer for Tomorrow"-Awards, des 2009 installierten Nachwuchspreises von Peek & Cloppenburg. Ausgezeichnet wurde die Kollektion der gebürtigen Rumänin Ioana Ciolacu Miron, die zuletzt am London College of Fashion studiert hat. In London absolvierte auch Stella McCartney ihre Ausbildung, und zwar am berühmten Central Saint Martins College. 1997 wurde die Tochter von Linda und Paul Chefdesignerin des Pariser Modehauses Chloé. 2001 gründete sie ihr eigenes Label Stella McCartney, das zur Kering-Gruppe (ehemals PPR) gehört und sich den Verzicht von Leder und Pelz auf die Fahnen geschrieben hat. Dafür druckt sie aber schon einmal Leopardenmuster auf Jacken, Kleider und Schuhe. 2005 gehörte McCartney zu den ersten Kooperationspartnern von H&M, seit neun Jahren entwirft sie eine Kollektion für Adidas, 2012 stattete sie die britischen Athleten für die Olympischen Sommerspiele in London aus. Doch dem nicht genug: Stella McCartney darf sich seit März "Officer of the British Empire" bezeichnen: Queen Elizabeth verlieh ihr den Verdienstorden für ihre herausragenden Leistungen in der Modewelt.

  • Im Rampenlicht steht Stella McCartney ungern. Vielleicht weil sie als Tochter von Linda und Paul seit frühester Kindheit von Blitzlichtern umgeben war.
    foto: ap/eugene hoshiko

    Im Rampenlicht steht Stella McCartney ungern. Vielleicht weil sie als Tochter von Linda und Paul seit frühester Kindheit von Blitzlichtern umgeben war.

  • Es hat klick gemacht: Stella McCartney hat es in diesem Herbst die Farbe Violett angetan - und ein neuer, weiter Mantelschnitt.
    foto: reuters/benoit tessier

    Es hat klick gemacht: Stella McCartney hat es in diesem Herbst die Farbe Violett angetan - und ein neuer, weiter Mantelschnitt.

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    foto: maria ziegelböck
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