Unterlassung als politische Kunst und Gunst der Stunde

3. September 2013, 21:36
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Ein STANDARD-Montagsgespräch über den Wahlkrampf, den einen Moment, auf den es wirklich ankommt, und das Wählen nach dem Motto "Bleibt alles besser"

Wien - Peter Moeschl war es, der jenen Begriff in die Diskussion einbrachte, bei dem sich am Ende alle vier Gäste irgendwie wiederfinden konnten oder den sie am passendsten fanden, um die Lage der Nation vor der Nationalratswahl am 29. September zu beschreiben: Unterlassung.

STANDARD-Montagsgespräch in voller Länge, Teil 1.

"In Österreich ist es am besten, wenn nix weitergeht", sagte der Chirurg und Kulturtheoretiker angesichts des Wahlkampfs, dem im Haus der Musik unter dem moderierenden "Dirigenten" STANDARD-Kolumnist Gerfried Sperl das Stück "Der Wahlkrampf - Orientierung oder Verwirrung?" gewidmet war. "Die größte Leistung der Österreicher ist die Unterlassung", sagte Moeschl unter Verweis auf den Soziologen Max Weber, der das Unterlassen als Form sozialen Handelns nannte. Möglicherweise habe der deutsche Denker damit ja Österreich vor Augen gehabt. In der gegenwärtigen Situation könnte das die wahlkämpfenden Politiker, aber auch die p. t. Wählerschaft zu folgender Handlungsanleitung verleiten, erläuterte Moeschl: "Österreich ist ja in einer idealen Situation."

Am besten gar nix tun

Es hänge sich an die exportkonzentrierte Wirtschaftslokomotive Deutschland dran und profitiere, ohne selbst viel zu tun oder tun zu müssen, in diesem Sinne von der Politik der Nachbarn: "Daher ist es am besten, wenn wir gar nix tun." Politik der Unterlassung als Kunst und Gunst der Stunde also. Oder: Geht's den Deutschen gut, geht's uns allen gut. Das hieße für die Wahl nach dem Krampf: Wiederherstellung der "idealen politischen Pattsituation, weil wir im Moment politisch nicht sehr viel zu bewegen haben und können".

STANDARD-Montagsgespräch, Teil 2.

Auch die Philosophin und Publizistin Isolde Charim sagte: "Unterlassung trifft es sehr gut." In Österreich gebe es, ungeachtet dessen, was man kritisieren könne, noch immer einen funktionierenden Wohlfahrtsstaat, die Krise sei "in gewissem Sinne an uns im Großen und Ganzen vorbeigegangen. Das ist etwas, das bewahrenswert ist, und insofern würde ich auch sagen: Unterlassung halte ich im Moment für eine sehr produktive politische Kategorie."

Diese Wir-unterlassen-lieber-Botschaft sieht Charim auch in den plakatierten Wahlkampfbotschaften verborgen. Die ÖVP zum Beispiel, die auf ihren Sujets Österreich ins Eigentum der Tatkräftigen, der Weltoffenen, der Entdecker und der Optimisten überträgt - ihnen "gehört" das Land -, betreibe auf denselben Plakaten eine "Umcodierung" ihrer "modernen Catch-Wörter", die vor idyllischen Landschaften, schneebedeckten Bergrücken oder saftigen Wiesen "sprechen", während die Bilder unausgesprochen die Emotion und genau das (beruhigende) Gegenteil des Texts insinuieren: "Es wird sich nichts ändern. Alles wird so bleiben, wie es ist." Die Berge stehen auch nach der Wahl noch, ebenso gibt es den idyllischen See, und auch die Wiesen ergrünen immer wieder.

Für einen Moment Geichheit

Einen besonderen Aspekt von Wahlen, dieser gut-langweiligen Form, wie die Philosophin sagte, dieses demokratischen Rituals, das alle paar Jahre inklusive Wahlk(r)ampf über uns kommt, hob Charim besonders hervor: "Natürlich kann eine Gesellschaft nicht alle fünf Jahre das Existenzielle schlechthin verhandeln. Aber was passiert denn da? Der Moment der Wahl - und deshalb ist es die Grundlage der Republik - ist, dass wir von unseren spezifischen Differenzen absehen und uns auflösen in eine Zahl, diese eine Stimme, die jeder abgibt, sozusagen vom Straßenkehrer bis zum Milliardär hat jeder nur eine Stimme, und es gibt eine absolute Gleichheit in dieser Erfahrung der Wahl. Das wäre wichtig, den Leuten zu vermitteln. Dieses Moment der Gleichheit gibt's nur als Erfahrung im Moment der Wahl."

Auf diese demokratiepolitische Magie des Wählens, die besondere Bedeutung des Beteiligtwerdens und vor allem des Sich-Beteiligens, wies auch Werbeprofi Luigi Schober, CEO von Young & Rubicam Vienna, hin. Abgesehen davon, dass Schober, der schon viele politische Kampagnen verantwortet hat, zum Beispiel jene der SPÖ bei der Wahl 2006, "noch nie so einen enttäuschenden Wahlkampf erlebt" hat wie heuer, weil "inhaltsleer, aussagelos und ohne Angebot", warnte er vor einer gefährlichen offenen Flanke der aktuellen Wahlkämpfer: "Niemand kümmert sich um die Wahlbeteiligung. Jeder Zweite weiß noch nicht, was er am 29. tun soll." Das wäre mindestens so wichtig wie die völlig verwaisten Themenkomplexe Wirtschaft ("Der Gegner ist die Krise") und Bildung endlich anzugehen: "Wo sind denn die Angebote?" Und trotzdem, oder vielleicht gerade wegen dieser Leerstellen, hat Schober einen Rat: "Aus Verzweiflung wählen, was immer."

"Wählen gehen!", verzweifelt, überzeugt oder wie immer, lautete auch der "leidenschaftliche Appell" der früheren Direktorin des Volkstheaters, Emmy Werner: "Das Schlimmste ist, zu Hause sitzen zu bleiben." Egal wie sehr von "Schlichtheit" umzingelt sie sich im Wahlkampf auch fühlt, wie "enttäuscht" sie über umgekippte Maikäfer und belämmerte Lämmer ist ("Die Tierplakate verzeih' ich den Grünen nicht") und wie viele TV-Duelle ("Wir werden überschwemmt mit ununterbrochenen Plaudereien") sie mit Vorsatz nicht ansieht - sie wählt, und sei's "das kleinere Übel".

Da erinnerte Moeschl daran, dass nach der Wahl immer vor der Wahl ist und es sich empfiehlt, daran zu denken: "Unterlassung ist natürlich keine Langzeitstrategie." In ökonomischen Gunstlagen mag das durchaus probat wirken, mit dem Nachteil, "die anderen Probleme hinauszuschieben". (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 4.9.2013)

  • Die Philosophin und Publizistin Isolde Charim, der Arzt und Kulturtheoretiker Peter Moeschl, die ehemalige Direktorin des Wiener Volkstheaters Emmy Werner und der Werber Luigi Schober, CEO von Young & Rubicam Vienna, diskutierten im Haus der Musik über Kampf und Krampf vor und mit der Nationalratswahl.
    foto: andy urban

    Die Philosophin und Publizistin Isolde Charim, der Arzt und Kulturtheoretiker Peter Moeschl, die ehemalige Direktorin des Wiener Volkstheaters Emmy Werner und der Werber Luigi Schober, CEO von Young & Rubicam Vienna, diskutierten im Haus der Musik über Kampf und Krampf vor und mit der Nationalratswahl.

  • Peter Moeschl
    foto: andy urban

    Peter Moeschl

  • Emmy Werner
    foto: andy urban

    Emmy Werner

  • Luigi Schober
    foto: andy urban

    Luigi Schober

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