Kraftfutter für die Leithammel der Industrie

3. September 2013, 17:56
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Wenige Großunternehmen höher fördern oder lieber möglichst viele kleine Hightech-Garagen? Eine Studie über Frontrunner gibt Förderagenturen und Politikern warnt vor überdimensionierter Einzelförderung

Leithammel fördern oder doch besser Hightech-Garagen, von denen es hierzulande viel zu wenige gibt? Wenn es um die Förderung betrieblicher Forschung geht, wird in Österreich häufig mit sehr eingeschränktem Radius diskutiert. Wenigen Großbetrieben Unterstützung in signifikanter Höhe geben oder das Geld doch besser in "Hidden Champions" investieren, die als Exportkaiser weltweit Furore machen?

In einer in Alpbach präsentierten und vom Verkehrsministerium finanzierten Studie ist Joanneum Research den "Frontrunnern" der Alpenrepublik gefolgt und hat ihre Rolle im österreichischen Innovationssystem untersucht. Und diese Rolle ist erwartungsgemäß eine zentrale, wenngleich die forschungsintensivsten Betriebe Österreichs nach Branchen "nur" in der Mittelhochtechnologie angesiedelt sind: Maschinenbau, Metallerzeugung, elektrische Ausrüstung, Gummi- und Kunststoff - das sind die Segmente, in denen heimische Betriebe traditionell stark sind - und die entsprechend Wertschöpfung bringen. Von Betrieben in diesen Branchen kommen 32,9 Prozent der Wertschöpfung in Österreich und immerhin 11,2 Prozent an F&E-Intensität.

Zum Vergleich: Deutschland ist von Metall und Automobil noch abhängiger, hier werden gar 45,1 Prozent der Wertschöpfung in Mittelhochtechnologie erwirtschaftet und knapp zehn Prozent der Forschung & Entwicklung.

Österreichs klassische Frontrunner, denen herausragende Bedeutung für die Österreichische Volkswirtschaft zukommt, sind zahlenmäßig überschaubar: Sie bringen es auf weniger als ein Prozent aller Unternehmen, haben sechs Prozent aller Beschäftigten, erwirtschaften neun Prozent der Wertschöpfung und sind für 41 Prozent der Warenexporte verantwortlich: Und: Sie bringen 41 Prozent der F&E des Unternehmenssektors auf die Waage. Von diesen 500 Unternehmen haben 140 bei der Umfrage mitgemacht.

Kooperation und Risiko schließen einander aus

Ein Hauptergebnis der Untersuchung: Kooperation und Risiko schließen einander bei F&E-Projekten bis zu einem gewissen Grad aus. "Besonders riskante F&E-Projekte sind für diese Unternehmen so wichtig, dass man sie nicht mit einem Kooperationspartner, etwa einer Universität oder einem anderen Forschungsinstitut teilt", sagt Joanneum-Forschungsexperte Wolfgang Polt. Risiko oder Kooperation, beides gehe nicht gleichzeitig. Daher sollten sie nicht zur Bedingung für Förderungen gemacht werden.

Herauskristallisiert hat sich weiters, dass technologisch und kommerziell erfolgreiche Unternehmen meist auch in besonders riskante Projekte gehen und viel Zeit für Prototypenentwicklung und Marktreife brauchen. Das bringt Erfolg, kann im Fall des Scheiterns aber rasch existenzbedrohend werden. Politikern und Fördergebern schreiben die Joanneum-Experten daher ins Stammbuch: "Risiko und Größe eines Forschungsprojekts müssen im Verhältnis zur Unternehmensgröße stehen."

Generell abgeraten wird von Einzelunternehmensförderungen, wie sie für "volkswirtschaftlich wichtige Erfindungen" möglich waren und sind. Förderung dürfe nicht zum Freibrief für multinationale Konzerne werden, die den Misserfolg dann dank Gruppenbesteuerung auch steuermindernd geltend machen könnten.

Die Studie wirft übrigens auch ein Schlaglicht auf auslagerungswütige Branchen und Betriebe, die ihre Produktion in Billiglohnländer verlagert haben: Ohne Produktion in Griffweite nimmt die Innovationsneigung dramatisch ab. "Innovation ohne Industrieproduktion ist eigentlich nicht möglich", sagt Polt. (ung, DER STANDARD, 4.9.2013)

  • Bedeutung der Mittelhochtechnologie: Anteil an der Wertschöpfung und F&E-Intensität
    grafik: standard

    Bedeutung der Mittelhochtechnologie: Anteil an der Wertschöpfung und F&E-Intensität

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