32 Sitzungen für eine bessere Beziehung

4. September 2013, 05:30
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Eine Wiener Studie belegt die Wirksamkeit von Antigewalttrainings für Paarbeziehungen: Der Unterschied bei der Rückfallquote macht demnach mehr als 20 Prozent aus - Auch der Großteil der Partnerinnen äußert sich positiv

Wien - Anlässlich der neuen Kampagne für die Frauenhotline (0800/222 555) forderte Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin der Österreichischen Frauenhäuser, einmal mehr verpflichtende Antigewalttrainings für Täter. Wie der STANDARD am vergangenen Wochenende dokumentierte, ist die öffentliche Finanzierung derartiger Angebote um fast ein Viertel gekürzt worden.

Weil vom Innenministerium, das 2012 seine Zahlungen komplett eingestellt hatte, vor wenigen Wochen doch noch rund 30.000 Euro überwiesen wurden, könne die Arbeit in der Männerberatung fortgesetzt werden, sagt Heinrich Kraus. Der Psychologe führt seit 1999 Präventionstrainings für gewalttätige Männer durch und arbeitet zudem in mehreren Justizanstalten in dem Bereich.

Er hat gerade eine interne Studie abgeschlossen, die sich mit der Wirksamkeit von Antigewalttrainings in Paarbeziehungen beschäftigt. Auch im Vergleich mit internationalen Studien stehe fest, dass die Rückfallquote von Gewalttätern ohne Trainings mit rund 35 Prozent weit höher liege. Bei denjenigen, die sich in Schulungen mit ihrer Gewalttätigkeit auseinandersetzen, würde es nur in 14 Prozent der Fälle zu einem neuerlichen Polizeieinsatz kommen, fasst Kraus zusammen.

Männer mit Suchtproblemen (Alkohol, Drogen, Spiele) neigen stärker dazu, wieder zuzuschlagen. Ebenso Täter, die ihre Partnerin besonders schwer misshandelt haben. Etwa ein Drittel der Klienten ist psychisch auffällig.

50 Prozent Freiwillige

Die Zuweisung zum Antigewaltprogramm passiert derzeit auf drei Arten: Die größte Gruppe seien die Selbstmelder, sagt Kraus. "Die werden vor allem von der Partnerin motiviert, die mit Trennung droht." Und dann gibt es Zuweisungen durch das Jugendamt oder durch gerichtliche Auflagen. Wenn es zu wenig Plätze gibt, bekommen die zugewiesenen Teilnehmer den Vorzug.

36 Prozent der in der Studie erfassten Männer waren bisher polizeilich nicht erfasst, rund die Hälfte der Teilnehmer sind Selbstmelder, 37 Prozent sind arbeitslos, 44 Prozent verheiratet.

Das Programm umfasst 32 verpflichtende wöchentliche Sitzungen, wenn möglich in der Gruppe, die abwechselnd von Männern und Frauen geführt wird. Oberstes Ziel sei der Schutz und die Sicherheit für die Partnerin und Kinder während der Dauer des Trainings. Deshalb wird auch dem Rest der Familie parallel Unterstützung angeboten.

Im Anschluss an das Antigewalttraining gaben 18 von 19 Frauen an, nun weniger Angst vor dem Partner zu verspüren. In 17 von 19 Fällen wolle er seine Gewalt beenden, 15 Frauen hatten den Eindruck, der Partner würde sie mehr respektieren. Bei der Hälfte der Männer hat sich laut Partnerin das Trinkverhalten verbessert. Von den 90 befragten Männern gaben 81 an, ihren Ärger besser kontrollieren zu können. 75 sehen Gewalt nun weniger als Lösung der Partnerprobleme.

Zur Frage, in welcher Form Frauen als Täterin aufscheinen, sagt Kraus, dass sie etwa zehn Prozent aller Wegweisungen ausmachen. "Zu einem Konflikt gehören immer zwei." Frauen seien weniger an körperlicher Eskalation beteiligt. Psychische Gewalt würde aber durchaus eingesetzt.

In der Statistik der Wiener Interventionsstelle für das Jahr 2012 sind 3366 (86,9 Prozent) der betreuten Opfer weiblich, 509 männlich. Täter sind in 90,4 Prozent männlich, mehr als 70 Prozent von ihnen sind aktuelle und ehemalige Ehemänner oder Lebensgefährten. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 4.9.2013)

  • Eines der Plakate der aktuellen Kampagne.
    foto: plakatkampagne frauenhelpline

    Eines der Plakate der aktuellen Kampagne.

  • Der TV-Spot der Frauenhelpline-Kampagne 2013.

    Der TV-Spot der Frauenhelpline-Kampagne 2013.

  • Die Interventionsstelle schätzt, dass mindestens 80 Prozent der Gewaltdelikte gar nicht gemeldet werden.
    foto: apa/hans klaus techt

    Die Interventionsstelle schätzt, dass mindestens 80 Prozent der Gewaltdelikte gar nicht gemeldet werden.

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