Aus der Todesstarre heraus gesprochen

3. September 2013, 17:38
1 Posting

Ernst M. Binder inszeniert Elfriede Jelineks Fukushima-Text "Kein Licht" als internationale Koproduktion

Graz - Elfriede Jelineks Schreiben richtet sich mit Ausdauer und Zorn gegen die "unendliche Unschuldigkeit" (Rita Thiele), in die sich die Verantwortlichen der laufend passierenden Katastrophen davonstehlen. Jelineks Stimme gehört den Opfern. Seien es die unzähligen Toten beim Kraftwerksbau von Kaprun während der Nazizeit (Das Werk) oder jene beim verheerenden Brand der Gletscherbahn ebenda vor dreizehn Jahren (In den Alpen).

Auch die Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima machen mit ratlosen Blicken weiter Business as usual und nahmen den havarierten Meiler 2012 gar wieder in Betrieb. Die aktuelle Nachricht vom Montag über weitere gravierende Lecks in der Anlage lud Jelineks Fukushima-Text Kein Licht (uraufgeführt 2011) just zum Termin der jüngsten Premiere nun noch einmal neu auf: Ernst M. Binder inszenierte die nun von Prolog und Epilog getragene Sprechoper als Koproduktion zwischen drama graz (mit Theater Faimme), Kosmostheater Wien und dem Musikfestival Bern im Dom im Berg.

Binder hat die dem Text eingeschriebenen mythologischen Bezugspunkte aufgewertet und platziert die hier sprechenden Figuren auf einem abstrakten Landschaftsfeld in sandfarbener Kleidung. Seher Teiresias trägt dort eine schwarze Sonnenbrille, denn die Welt, in die er hier schaut, ist selbst für einen Blinden allzu grell bzw. atomar erhellt.

Kein Licht ist die Rede der lebenden Toten, der Blick von Zombies, die um ihr plötzliches Schicksal noch nicht wissen und sich und ihre Umwelt zwangsläufig postum befragen. Jelinek macht dieses Zwischenstadium mittels Orchestermusikern kenntlich, die die Töne der anderen einfach nicht mehr hören. Die Sinne verdrehen sich in diesen kontaminierten Existenzen, die Gesichter verharren in Todes- oder Schreckstarre. In diesem Hauptteil, dem Dialog zwischen erster und zweiter Geige, verlässt sich Binder zu sehr auf die Wirkung des Textes. So bleibt er in seiner Abstraktheit zu verschlüsselt, seine Ansprüche werden nicht laut, wiewohl die chorische Passage technisch exzellent umgesetzt ist.

Mehr Dringlichkeit generiert der Epilog, die Suada einer Trauernden (Libgart Schwarz), die mit sachten Schritten die versehrte Landschaft abschreitet. Sie ist an die Unglücksstelle gekommen, um die verlassenen Hunde zu füttern. Viel mehr an konkreter Info braucht es nicht: Libgart Schwarz erweckt Ironie und Zorn dieser Trauerrede trotz überaus leiser Monologstimme. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 4.9.2013)

Bis 6. 9. in Graz, ab 24. 9. in Wien

Share if you care.