Als das Wort "Bahnhof" Schaudern auslöste

3. September 2013, 19:16
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In der Wanderausstellung "Verdrängte Jahre - Bahn und Nationalsozialismus in Österreich" arbeiten die ÖBB ein Kapitel österreichischer Geschichte auf, in dem die Bahn als Karriereleiter für Nazis und Todestransport für Millionen fungierte, aber auch einige tapfere Widerstandskämpfer in ihren Reihen hatte

Graz - "Nach fünf Tagen kamen wir in Riga an (...), junge und kräftige Mädchen mussten unter Bewachung den zweitägigen Fußmarsch ins Ghetto antreten, der Rest - darunter auch meine Mutter (49) - werde per Lastauto nachkommen. Sie kamen nie an", schreibt die KZ-Überlebende Edith Zeeuw-Klaber in einem Brief, der derzeit im Graz Museum (früher Stadtmuseum) ausgestellt ist, "sie mussten in direkt am Bahnhof stehende, getarnte Autos einsteigen und wurden direkt vergast. Sie werden verstehen, dass schon allein das Wort 'Bahnhof' für mich heute noch ein Alptraum ist."

Mit der Wanderausstellung "Verdrängte Jahre" arbeiten die Österreichischen Bundesbahnen (heute ÖBB, damals BBÖ) jene Zeit auf, als sie Teil der Deutschen Reichsbahn (DRB) waren, der sie gleich nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland 1938 einverleibt wurden.

Originaldokumente erzählen von der Rolle der Bahn

Die wissenschaftliche Beratung für die Schau, die kleiner dimensioniert schon in Salzburg und Linz zu Gast war, in Graz aber erstmals größer angelegt in einem Museum zu sehen ist, übernahm der Historiker Oliver Rathkolb. Er arbeitete im Vorfeld auch mit Lehrlingen der ÖBB zusammen, die Zeitzeugen von damals trafen. Ein berührender Film darüber wird in der Ausstellung gezeigt, mit der die gesamte zweite Etage des Museums in der Sackstraße bespielt wird.

Fotos, Filme und viele Originaldokumente und persönliche Exponate wie Uniformen und Habseligkeiten von deportierten Kindern erzählen die verschiedenen Rollen, die die Bahn als Transportmittel, für Massentransporte in den Tod und die Kriegslogistik für die NS-Diktatur übernahm. Zudem wird anhand einzelner Biografien gezeigt, wie der Betrieb ab 1938 von Nazi-Parteigängern übernommen wurde, die hier steile Karrieren machen konnten und zu einem wichtigen Teil der Propagandamaschinerie der Nazis wurden.

Steirische Aspekte

Die Schau, die am Montagabend eröffnet wurde, erzählt diese Geschichte über Restitutionsfragen nach dem Krieg bis in die Gegenwart weiter. Der Grazer Historiker Heimo Halbrainer ergänzte spezielle steirische Aspekte wie den "steirischen Brotlaib", wie die Nazis den Erzberg mit den "Reichswerken Hermann Göring" nannten, und das "Ende des jüdischen Lebens in Graz".

Die Station, an der Edith Zeeuw-Klabers Deportation im Jänner 1942 begann, war der Wiener Aspangbahnhof. In einem stilisierten Holzwaggon im Graz Museum, an dessen Innenwänden Fotos der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem hängen, Bilder aus Familienalben, viele von Kindern, läuft ein Tonband in der Endlosschleife. Deportationslisten werden monoton vorgelesen, etwa: "33. Transport: 14. 7. 42, Aspangbahnhof, 1000 Stück nach Theresienstadt." Mit den Stück waren Menschen gemeint.

Widerstandskämpfer unter Eisenbahnern

Doch die Bahn bestand zwischen 1938 und 1945 nicht nur aus hitlerhörigen Mitarbeitern, die sogar das Gepäck normaler Reisender jederzeit untersuchen konnten. Unter den Eisenbahnern waren auch mutige Widerstandskämpfer, die etwa durch Sabotageakte versuchten, dem Schrecken ein Ende zu machen. Das, obwohl gerade Bahnbedienstete im ganzen Reich einer besonders strengen Überwachung durch das Regime unterzogen wurden. 154 von ihnen wurde als Widerstandskämpfer hingerichtet, 135 starben in Konzentrationslagern oder Zuchthäusern, 1.438 wurden insgesamt zu KZ- oder Zuchthausstrafen verurteilt.

Von einigen von ihnen sind auch Briefe und Gedichte ausgestellt, mit denen man sich gegenseitig Mut machen wollte. "Unser Vorschlag heißt: Schluss mit dem Hitlerkrieg! Schluss mit der ganzen verfluchten Nazi-Schweinerei! Hitler verrecke!", heißt es da etwa, gezeichnet von einem "Reichsbahn-Kumpel Schmidt". (Colette M. Schmidt, derStandard.at, 3.9.2013)


Die Ausstellung im Graz Museum, Sackstraße 18, läuft noch bis 18. November.

  • Der "Lisltransport", mit dem Grazer Jüdinnen und Juden deportiert wurden.
    foto: universalmuseum joanneum.

    Der "Lisltransport", mit dem Grazer Jüdinnen und Juden deportiert wurden.

  • Eine Skizze der Gestapo über die Stelle im obersteirischen Judenburg, wo Eisenbahner im Widerstand einen Anschlag auf die Bahn verübten.
    foto: bundesarchiv, berlin

    Eine Skizze der Gestapo über die Stelle im obersteirischen Judenburg, wo Eisenbahner im Widerstand einen Anschlag auf die Bahn verübten.

  • Ankunft eines Kindertransports mit Kindern aus Wien in Liverpool.
    foto: österreichische nationalbibliothek

    Ankunft eines Kindertransports mit Kindern aus Wien in Liverpool.

  • Lehrlinge der Reichsbahn beim Turnen.
    foto: privatsammlung reinhold kainbrecht

    Lehrlinge der Reichsbahn beim Turnen.

  • Eisenbahner-Lehrlinge.
    foto: privatsammlung reinhold kainbrecht

    Eisenbahner-Lehrlinge.

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