Frau Lehrerin, wie wird das Schuljahr?

3. September 2013, 17:42
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36 Berufsjahre treffen auf null Berufsjahre. Zwei Lehrerinnen sprechen über ihre Erwartungen und Wünsche für dieses Schuljahr

Am Montag war ihr erster Schultag. Um 10 Uhr im Konferenzzimmer der privaten Volksschule im Ort ging es los. Fertig ausgebildet ist Miriam M. noch nicht. Um ein "Bachelor of Education" zu sein, fehlt der 26-Jährigen noch die Abschlussarbeit.

Monika T. kann ihren Karriereweg als Volksschullehrerin gar nicht mehr in Schultagen berechnen. 36 Jahre werden es demnächst, seit die heute 56-Jährige zum ersten Mal in einem Klassenzimmer gestanden ist.

Eines haben die beiden Lehrerinnen aber gemein - abgesehen von der Tatsache, dass sie für derStandard.at porträtiert werden. Es eint sie auch mehr als die Absicht, Sie als Leserinnen und Leser ein halbes Jahr später beim Bilanzieren zusehen zu lassen, wie denn die Umsetzung all dieser Pläne gelungen ist. Nein, es gibt noch eine andere Parallele: Sowohl die Junglehrerin als auch der "alte Hase" im Lehrbetrieb haben auch als Kinder jene Schule besucht, an der sie heute unterrichten.

"Ich lebe in diesem Schulhaus schon mein ganzes Leben lang", beschreibt Monika T. diesen Kreislauf, in dem sie mittlerweile die Kinder ihrer ehemaligen Schüler unterrichtet. Im Ort ist sie bekannt wie ein bunter Hund. "Wenn ich am Abend zum Heurigen gehe, weiß am nächsten Tag die ganze Klasse, wie viele Achterl ich getrunken habe."

Die Schülerin unter den Kolleginnen

Auch Junglehrerin Miriam ist dort, wo sie arbeitet, keine Unbekannte: "Fast alle Lehrer kennen mich." Was nicht nur Vorteile habe. Natürlich habe sie auch Sorge, dass sie ewig "die Schülerin" unter den Kolleginnen bleibt, sagt Miriam bei unserem Interview. Mit Blickrichtung auf die erste Schulwoche wischt sie diese Bedenken aber wieder weg. Zu lange sei die Volksschulzeit schon her, etwas anderes wäre es gewesen, ins eben erst verlassene Gymnasium zurückzukehren.

Während ihr die Gesichter der Lehrerkolleginnen also vertraut sind, fehlt es Miriam hinsichtlich ihres Arbeitsalltags noch an einigen Informationen. Die bislang bekannten Basics: 13 Stunden soll sie unterrichten, einen Teil davon als Werklehrerin einer vierten Klasse. Die restliche Zeit wird sie Turnen als unverbindliche Übung am Nachmittag anbieten. Das ist einerseits gut - für ihre Bachelorarbeit vor allem. Hat aber auch einen Nachteil: für ihre Rolle in der Klasse. Denn, ja, wenn man keine Klassenlehrerin und damit Hauptbezugsperson für die Kinder ist, läuft man - so lehrt die Erfahrung aus der eigenen Schulzeit - Gefahr, zum "Weh" der Klasse zu werden.

Die Eltern machen nervös

Diese Sorgen hat Monika T. schon lange nicht mehr. Auch wenn sie vor der ersten Stunde in einer ersten Klasse nach wie vor aufgeregt ist. Das Problem aber liegt meist andernorts: bei den Eltern. Die machen Monika T. nervös. Besonders die Eltern aus der Vorstadt, die die schulische Karriere ihrer Kinder meist schon in der Volksschule vorzeichnen würden. "Das ist immer spannend, wie man auf die Eltern wirkt, wie die Kommunikation läuft." Ein Rat an die Junglehrerin: Der erste Elternabend muss wirklich gut vorbereitet sein.

Dienstagabend ist es so weit. Aber heuer erwartet sich die erfahrene Pädagogin ein eher angenehmes Jahr: Die zweite Klasse, die sie als Klassenlehrerin aus dem Vorjahr behalten hat, scheint ihr die beste von allen vieren zu sein. Die Schüler bringen bereits Erfahrung mit, wie es denn überhaupt so ist in der Schule. Und die Eltern sind noch entspannt. Eine Art Ruhe vor dem Sturm. Denn spätestens im Jahr danach geht mit dem Halbjahreszeugnis der Druck los, weiß Monika T. "Da kommen dann die Drohanrufe." Gedroht wird mit dem Gang zu Bezirks- und Landesschulrat, mit der Zukunft, die sie als Lehrerin den kleinen Menschen verbaue.

Das mit den Eltern ist überhaupt so eine Sache. Wenn man Lehrerin T. zuhört, könnte man fast von einer Plage sprechen. Klar, es gibt sie, die lieben, netten, die in bestem Einvernehmen mit der Lehrkraft ihre Kinder durch die Anfangsjahre manövrieren wollen. Aber wenn es dann um die Noten geht (in T.s Schule ab der vierten Klasse), werden alle Eltern zu Kämpfern, sagt T. Kämpfern für die Gymnasialreife ihrer Kinder. "Ganz egal, ob das Kind dafür geeignet ist oder nicht."

Kaum Hausübung vor dem Wochenende

Eine andere Entwicklung, die der Langzeitlehrerin nicht gefällt: "Die Eltern verlangen, dass alles von der Schule erledigt wird." Also gibt es kaum Hausübungen vor dem Wochenende. Und während man früher noch Strafaufgaben oder "länger dableiben" als Druckmittel für unwillige Schüler gehabt habe, sei jetzt nur mehr "Gesprächstherapie" angebracht. Ob ihr Beruf früher leichter gewesen sei? Das will Lehrerin T. nicht bewerten. Aber eines bemerkt sie schon: "Die Schule ist eine Art Serviceeinrichtung geworden. Service für alles."

Junglehrerin Miriam hat all diese Facetten des Schulalltags noch nicht als Klassenverantwortliche erlebt. Hört man ihr zu, wird das anbrechende Schuljahr vor allem schöne Erlebnisse für sie bereithalten. Hilfsbereite Kolleginnen, motivierte Schüler. Und über die Eltern hat sie sich noch nicht viele Gedanken gemacht.

Dafür umso mehr über ihre Herangehensweise. Ihre Schüler sollen sie beim Vornamen nennen. Zwar nicht das freundschaftliche "Mimi", mit dem sie ihre Freunde gerne ansprechen, aber Miriam. Und man ist natürlich per Du. Gemeinsam mit ihren Schülern möchte Miriam planen, was alles im heutigen Werkunterricht konstruiert werden soll. "Sie sollen einen Sinn erkennen in dem, was wir im Unterricht machen, sie sollen Freude daran haben." Ein mögliches Hindernis bei der Umsetzung dieses demokratischen Lehrstils skizziert sie aber auch schon: die Zeit. Wenn die nicht ausreicht, muss mehr von der Lehrkraft vorgegeben werden. Zweites mögliches Hindernis: die Bereitschaft der Direktion, Neues zuzulassen. Im Herbst will Miriam etwa mit ihrer Klasse in den Wald gehen, um Reisig zu sammeln. "Wenn das nicht geht, muss ich mich daran halten."

"Natürliche Autorität" als Voraussetzung

Eine Sorge hat die Berufsanfängerin auch: "Ich hoffe, dass ich konsequent genug bin." Das hat sie im Umgang mit Kindern schon gelernt, dass sie daran mitunter arbeiten muss. Vom ersten Semester an hatte Miriam einen Praxistag pro Woche in einer Schule, die Klassenlehrerin war als Backup aber immer mit dabei. Erst ein einziges Mal war sie ganz alleine mit einer Vertretungslehrerin. Und wenn man sie an diesem Tag nach ihrem Berufswunsch gefragt hätte, hätte sie vermutlich nicht "Volksschullehrerin" geantwortet. "Die Kinder waren völlig durch den Wind, und ich habe sie einfach nicht zur Ruhe gebracht. Da hat einfach die Klassenlehrerin als Respektsperson gefehlt."

Damit ihr das nicht noch einmal passiert, hat sich Miriam eine Methode von einer Praxislehrerin abgeschaut: "Die hat sehr viel nonverbal gearbeitet. Wenn sie in eine bestimmte Ecke in der Klasse gegangen ist, wussten die Kinder, jetzt schimpft sie gleich." So weit soll es bei ihrer eigenen Klasse erst gar nicht kommen.

Schimpfen will auch Langzeitlehrerin Monika T. nicht. Und man ahnt, dass sie auch von sich selbst spricht, wenn sie von der "natürlichen Autorität" als wichtiger Voraussetzung für den Lehrberuf spricht. Sie will "Frau Lehrerin" oder '"Frau T." von ihren Schülern genannt werden. Wenn einer Du sagt, ändere das aber am Lehrer-Schüler-Verhältnis auch nichts.

Schwierige Notengebung

Was an T. fasziniert: Man spürt ihre Sicherheit, wenn sie erzählt, wie sie an der Handschrift eines Kindes bemerkt, ob dieses gerade Probleme hat. Man erkennt ihre Flexibilität, wenn sie berichtet, wie das war an dem Tag, als die Kinder mit Regenwürmern in die Klasse gekommen sind. Da kamen dann all die Fragen: "Was frisst der?", "Warum blutet der nicht?" Woraufhin die "Frau Lehrer" ihre Wochenplanung kübelte und mit den Kindern alles Wissenswerte über das braune Kleintier erarbeitete.

Wenn sie gefragt wird, was passieren müsste, damit sie in einem Jahr zufrieden auf dieses Schuljahr zurückblickt, fallen T. neben den Kindern vor allem die Eltern ein: "Wenn alle Eltern mit den Noten leben können und zufrieden sind." Was für sie besonders schlimm wäre: Wenn es ihr nicht gelingt, "mit den Eltern im Gespräch zu bleiben", und wieder einmal jemand in eine andere Schule aufbricht.

Berufsanfängerin Miriam hat weniger diese konkreten Ängste als die Befürchtung, einmal nicht mehr weiterzuwissen. Was mit Sicherheit auch schwierig wird, ist die Notengebung. Am liebsten wäre ihr, es gäbe sie nicht. Da es an ihrer Schule aber ein unverändertes Faktum ist, will sie folgenden Weg einschlagen: "Ich werde vorher mit den Kindern besprechen, wo sie ungefähr stehen, dann haben sie die Chance, das noch zu verändern." Wie überhaupt die Notengebung in Werken schwierig sei: "Ich will ihre Arbeitsweise beurteilen, nicht das Ergebnis."

Dienstagabend galt es für beide erst einmal, den ersten Elternabend zu bewältigen. (Karin Riss, derStandard.at, 3.9.2013)

  • "Beim Halbjahreszeugnis kommen die Drohanrufe." Monika T., Lehrerin seit 36 Jahren.
    foto: riss

    "Beim Halbjahreszeugnis kommen die Drohanrufe." Monika T., Lehrerin seit 36 Jahren.

  • "Mir wäre am liebsten, es gäbe keine Noten." Miriam M., Lehrerin seit einer Woche.
    foto: riss

    "Mir wäre am liebsten, es gäbe keine Noten." Miriam M., Lehrerin seit einer Woche.

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