Auf Bernhards Spuren in die Nazi-Finsternis

Porträt3. September 2013, 17:20
8 Postings

Die große deutsche Charakterschauspielerin Nicole Heesters, ab Donnerstag in Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand" zu sehen, über den Ekel und seine Überwindung

Wien - Die Idee, die Figur der Vera in Thomas Bernards Vor dem Ruhestand zu spielen, wäre Nicole Heesters nie in den Sinn gekommen. Die Tochter von Johannes Heesters probte vor eineinhalb Jahren für Ibsens John Gabriel Borkman. "Regisseur Elmar Goerden nannte mir das Bernhard-Stück. Er sagte, ich müsse unbedingt darin spielen." Sie verdrängte das Vorhaben zunächst. "Ich las den Text mit einigem Abstand. Ich war entsetzt. Ich fand das Stück so abstoßend und ekelhaft, dass ich Goerden sagte: Das mache ich unter keinen Umständen."

Jetzt hat Vor dem Ruhestand am Donnerstag  im Wiener Josefstadt-Theater Premiere, und Heesters spielt die Vera. Ruhestand ist Bernhards Totentanz. Ein Gerichtspräsident und ehemaliger SS-Offizier begeht jedes Jahr am 7. Oktober feierlich Himmlers Geburtstag. Vera, die ältere Schwester, ist dem honorigen Bundesbürger inzestuös verbunden. Clara (Sona MacDonald), die jüngere, sitzt im Rollstuhl. Das Trio Höller ist dazu verurteilt, den Nazi-Schmutz hochzukochen.

Am Festabend schlüpft Höller (Fernsehstar Michael Mendl) in die schwarze Uniform. Die Hemmungen fallen ab von Rudolf und Vera. Thomas Bernhard entwarf 1979 eine Pathologie der Ewiggestrigkeit. Im Blick hatte er dabei Politiker wie Hans Filbinger (CDU), der als NS-Marinerichter Todesurteile gefällt hatte. Filbinger musste als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurücktreten und verweigerte bis zu seinem Tod jegliche Schuldeinsicht.

Heesters wurde sanft überredet. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger warb um seinen Star. "Für ihn war die Ansetzung des Stückes auch eine Standpunktfrage." Monate verstrichen. Nicole Heesters und Michael Mendl trafen sich in Hamburg zu einer Leseprobe. "Wir haben es beide nicht durchgehalten. Wir klappten die Bücher zu und meinten übereinstimmend: zu grausig, zu entsetzlich." Regisseur Goerden sagte ihr, sie solle den Eindruck sacken lassen.

Es bedurfte einer SMS, um Heesters ultimativ vor die Alternative zu stellen. Heesters liebt für gewöhnlich das Ja und das Nein. "Ich begann fieberhaft abzuwägen: Donnerwetter, ein Bernhard-Text in Wien! Kannst du das noch, geht das in deinen Kopf hinein?"

Heute versucht sie, ihren Abscheu "produktiv" zu machen. "Ich stelle mit Schrecken fest, dass man sich an den Ekel gewöhnt." Im dritten Akt lassen Rudolf und Vera die Vernichtungsjahre Revue passieren. Sie blättern im Fotoalbum. "Der jüngste Richter an der ganzen Ostfront" betrachtet seine jüdischen Opfer in Litzmannstadt. Vera "blättert um", wie Bernhard schreibt. Sie sagt: "Schrecklich / diese Gesichter / ganz verwahrlost".

Jetzt sollen die Zuschauer "diesen Ekel empfinden, den ich beim Lesen hatte", so Heesters: "Dann haben wir etwas erreicht. Man darf das Böse ja nicht 'böse' spielen." Eine Rolle wie die der Vera könne man sich nicht vom Leib halten. Goerden inszeniere das Stück als "böse Komödie". Heesters weiß über bürgerliche Charaktermasken bestens Bescheid. Sie war eine Stütze in den Ensembles von Boy Gobert. Sie arbeitete mit Zadek und mit Stein zusammen. Am heutigen Theater verdrießt sie das Geschäftsmäßige. "Wir saßen früher nach den Proben nächtelang zusammen und redeten uns die Köpfe heiß. Die Aschenbecher waren voll." Heesters liebt die Zumutungen unserer Lebenswelt nicht unbedingt. Sie könne den Computer natürlich bedienen. Aber sie liebe es, eine Marke auf ein Kuvert zu kleben.

Ihre Liebe zu Bernhard habe sie sich erarbeiten müssen. "Ich schätze vor allem seine autobiografischen Bücher." Die Ursache kommt ihr in den Sinn. "Dieses Buches wegen ertappe ich mich bei dem Wunsch, nicht mehr nach Salzburg fahren zu wollen!" Endlich lacht Nicole Heesters.   (Ronald Pohl, DER STANDARD, 4.9.2013)

  • Nicole Heesters staunt über Thomas Bernhards Theaterkunst: "Ich glaube schon, dass seine Literatur hier in Wien zu Hause ist. Er selbst war ja auch ein Großbürger vom Feinsten."
    foto: standard / andy urban

    Nicole Heesters staunt über Thomas Bernhards Theaterkunst: "Ich glaube schon, dass seine Literatur hier in Wien zu Hause ist. Er selbst war ja auch ein Großbürger vom Feinsten."

Share if you care.