Keine Liebesheirat, ein Notfallplan

Kommentar3. September 2013, 14:31
203 Postings

Ein Ende von Nokia hätte auch Microsofts Windows Phone in den Abgrund gerissen

Als der damals erst wenige Wochen in Amt und Würden befindliche Nokia-Boss Stephen Elop und Microsoft-Boss Steve Ballmer Ende 2011 vor die Presse traten, um eine enge Partnerschaft zwischen den beiden Unternehmen zu verkünden, machte es schon ein bisschen den Anschein, als hätten sich die Redmonder gerade einen Mobiltelefonhersteller geschnappt. So vertraut präsentierte man sich, so eng wurde die Kooperation geschmiedet.

Kein Wunder also, dass Berichte über eine bevorstehende Übernahme in der Folgezeit beinahe zur Tagesordnung in der IT-Berichterstattung gehörten. Am Montagabend war es dann tatsächlich so weit: Um 5,44 Milliarden Euro übernimmt Microsoft das Kerngeschäft des Mobiltelefonherstellers samt einem auf zehn Jahre laufenden Patentabkommen.

Realitätscheck

Doch was nach außen als gezielte strategische Entscheidung kommuniziert wird, entspringt in Wirklichkeit nur sehr begrenzt dem freien Willen der agierenden Unternehmen. Fakt ist: Microsoft beginnt die Zeit davonzulaufen. Trotz aller Anstrengungen, trotz massiver Werbekampagnen, trotz der Partnerschaft mit Nokia ist das eigene Windows Phone weiterhin eine Randerscheinung im Smartphonemarkt.

Zwar konnte Nokia für seine Lumia-Linie, die den allergrößten Teil des Windows-Phone-Markts ausmacht, über die Jahre ein stetes Absatzwachstum vermelden. Dieses war aber lange nicht so stark, wie es Microsoft benötigen würde, um zu einem signifikanten Spieler im mobilen Softwarebereich zu werden. Zudem zeigen die aktuellen Zahlen des Markforschers IDC, dass Nokias Smartphone-Business gerade am wichtigen US-Markt stagniert und dort bei den Stückzahlen im Vergleich zum Vorjahr sogar ein Rückgang festzustellen ist.

Von früheren strategischen Fehlentscheidungen geplagt, ist es Microsoft und Nokia nicht gelungen, ein adäquates Mittel gegen die Marktdominatoren Apple und Google zu finden. Vor allem Android ist es, das Windows Phone wenig Luft zum Atmen lässt. Mit der rasch vorangetriebenen Entwicklung, der freien Verfügbarkeit des Codes und den Partnerschaften mit zahlreichen Hardwareherstellern hat Google quasi die alte Windows-Strategie perfektioniert. Microsofts Bestreben, diese Strategie mit Patentklagen zu unterwandern - um den Preis für die Nutzung von Android nach oben zu treiben -, hat bisher wenige Früchte getragen.

Stärken

Da nützt es wenig, dass Windows Phone zumindest im Kern ein durchaus gut gestaltetes System ist und dafür immer wieder Lob von Kritikern einfährt. Der Vorsprung von Android und vor allem dem App-Ökosystem ist nur schwer einholbar. Die Entwickler gehen dorthin, wo ein großer Markt ist, und der große Markt ist, wo die Entwickler sind. Ein Kreislauf, der jahrelang das Windows-Monopol gesichert hat und nun ironischerweise gegen Microsoft arbeitet.

Für Microsoft ist es allerdings geradezu essenziell, einen Fuß in den mobilen Sektor zu bekommen. Klar: Wer einen Blick auf die aktuellen Geschäftszahlen wirft, sieht, dass das Windows- und Office-Geschäft weiterhin sehr gut läuft, mittelfristig braucht man sich also noch keine großen Sorgen um das Unternehmen zu machen. Was aber vollkommen fehlt, ist eine Zukunftsperspektive. Das Wachstum findet längst an anderer Stelle statt, und zwar vor allem bei Smartphones und Tablets. Wie grundlegend diese Transformation mittlerweile ist, zeigt sich daran, dass mittlerweile mehr neue Geräte mit Android als mit Windows ausgeliefert werden.

Kein Plan B

Insofern ist die Übernahme von Nokia für Microsoft schlicht eine Notwendigkeit. Die Finanzreserven des traditionsreichen Mobiltelefonherstellers neigen sich durch die anhaltenden Verluste immer mehr ihrem Ende zu, ein Aus von Nokia - oder gar ein Wechsel auf Android - hätte aber unweigerlich auch Windows Phone in den Untergang gerissen. Ein Plan B mit einem anderen Hardwarehersteller würde ebenso substanzielle Verzögerungen mit sich bringen wie der immer wieder kolportierte Start einer eigenen Microsoft-Hardwareproduktion. Zeit, die Microsoft einfach nicht hat.

Bleibt die Frage: warum erst jetzt? Wäre es in der Retrospektive doch sicherlich besser gewesen, Nokia schon vor zwei Jahren zu übernehmen und so die Vorteile einer Verzahnung von Soft- und Hardwareherstellung vollständig ausnutzen zu können. Die Antwort darauf liegt in der Natur von Microsoft: Das Unternehmen ist traditionellerweise ein Software- und Serviceanbieter, aber kein Hardwarehersteller.

Konsequent hat Microsoft diese "horizontale" Aufstellung in den vergangenen Jahren zwar nicht mehr durchgezogen, nur in einem Fall ist man aber erfolgreich in das Hardwaregeschäft eingestiegen: bei der Spielkonsole Xbox. Alle anderen Vorhaben sind mehr oder weniger spektakulär gescheitert. Microsofts bis zuletzt gehegte Hoffnung war es zudem, Windows Phone ähnlich zu positionieren wie sein Desktop-Windows oder eben Android. Also als ein System, das von einer Fülle unterschiedlicher Hersteller unterstützt wird. Das darf zumindest vorerst als gründlich gescheitert angesehen werden. Für Dritthersteller gibt es nach der Übernahme von Nokia noch weniger Grund, Windows Phone zu unterstützen. Gegen Microsoft-eigene Smartphones gibt es in einem relativ kleinen Markt wenig zu gewinnen.

Ausblick

Microsofts Hoffnung ist hier wohl, den Windows-Phone-Markt so weit anzukurbeln, dass man mittelfristig auch wieder interessanter für andere Hersteller wird. Ob das gelingt, ist jedoch äußerst ungewiss. Immerhin haben sich die Rahmenbedingungen nur begrenzt geändert. Natürlich erlaubt die engere Zusammenarbeit zwischen Hard- und Softwareproduktion zumindest potenziell eine schnellere Entwicklung, auch die Markenzusammenführung hilft sicher. Gleichzeitig muss sich erst zeigen, wie gut die Integration von Nokia in Microsoft dann wirklich funktioniert - 32.000 Mitarbeiter zu übernehmen ist nicht gerade eine triviale Aufgabe. Hier besteht durchaus Konfliktpotenzial.

Für Microsoft spricht, dass man gemeinsam mit Nokia zuletzt durchaus richtige strategische Entscheidungen getroffen hat, etwa den Fokus auf einzelne Kernstärken wie Fotografie zu legen. Zudem signalisieren viele Netzbetreiber ein Interesse an einem dritten starken Mitbewerber neben Android und iOS. Ob das notwendigerweise Windows Phone sein muss, ist natürlich eine andere Frage. Wie dem auch sei: Eine Wahl hat Microsoft ohnehin nicht. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 3.9.2013)

  • Artikelbild
    foto: reuters
Share if you care.