"Die Parteipolitisierung der Schule verhindert Entwicklung"

Interview3. September 2013, 12:53
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Der Schweizer Bildungsexperte Stadelmann erklärt, was gute Lehrer ausmacht und wie ihre Ausbildung gestaltet sein soll

Lehrer sollten nicht nach dem Parteibuch, sondern nach ihren Fähigkeiten besetzt werden, fordert Willi Stadelmann im derStandard.at-Interview. Der Schweizer Schulexperte sitzt in der Expertenkommission des Unterrichtsministeriums für die Neugestaltung der Lehrerausbildung und hält ein gemeinsames Grundstudium für alle Lehrer für sinnvoll. Österreich mache zwar einen ersten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit, es sei aber falsch, dass Kindergartenpädagoginnen und Kindergartenpädagogen ausgeblendet werden.

derStandard.at: Was macht einen guten Lehrer aus?

Stadelmann: Es gibt eigentlich kein Rezept. Ein guter Lehrer besteht aus verschiedenen Facetten von Fähigkeiten und Kenntnissen: Lehrpersonen müssen hochkommunikativ, fachlich ausgezeichnet ausgebildet und auch fachdidaktisch gut sein. Zudem müssen sie einfühlsam sein und erkennen, was in den Kindern abläuft. Lehrer sollen auch gut zusammenarbeiten können. Schule ist nicht einfach das Produkt einer Lehrperson im Klassenzimmer. Die Zusammenarbeit der ganzen Schule unter der Führung einer Schulleitung spielt eine große Rolle. Das zeigt, wie vielfältig Lehrer sein sollen.

derStandard.at: Wie muss die Ausbildung gestaltet sein, damit ein Lehrer später den vielfältigen Ansprüchen gerecht wird?

Stadelmann: Einiges sollten Lehrpersonen schon mitbringen: Charakterliche Eigenschaften wie Einsatzwille, Begeisterungsfähigkeit et cetera und eine gute fachliche Vorbildung vom Gymnasium müsste man eigentlich voraussetzen können. Bei der Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule oder der Universität sollte man sich schon sehr stark auf das Lehrer-Handwerk konzentrieren können; auf Fachdidaktik und auf Classroom-Management. Das wird auch schon gut gemacht.

In Österreich haben wir viele Lehrpersonen, die das können. Man darf aber nicht glauben, dass alles in der Ausbildung geschehen kann. Die Lehrerausbildung ist eine lebenslange Ausbildung, die nie aufhört. Lehrpersonen müssen sich ständig weiterbilden.

derStandard.at: Was halten Sie von Eignungstests vor der Zulassung zu einem Lehramtsstudium?

Stadelmann: Es gibt gute Eignungstests. Ob ein Student geeignet ist für den Lehrerberuf, zeigt sich aber erst während des Studiums, wenn die zukünftigen Lehrpersonen mit Schülern in Kontakt kommen. Der Unterricht in den Übungsschulen und die Verbindung von Praxis mit den theoretischen Kenntnissen, das ist das A und O.

derStandard.at: Würde ein Eignungstest die Ausbildung verbessern und nur die besten Kräfte zum Lehrerberuf zulassen?

Stadelmann: Es gibt solche Eignungstests in Finnland, wo das Lehrerstudium das beliebteste Studium überhaupt ist. Die Universitäten können auswählen. Aber an manchen Orten ist man im Moment froh, wenn die Leute das studieren. Eignungstests bringen nur dann etwas, wenn man aus einer großen Anzahl an Kandidaten die besten herausholen kann.

derStandard.at: Ist die gemeinsame Ausbildung aller Lehrer der Schlüssel zum Erfolg?

Stadelmann: Gewisse Grundlagen sind die gleichen, etwa Didaktik oder wie man sich als Lehrer verhält. Das gilt für alle Lehrpersonen inklusive Hochschullehrer. Und dann gibt es fachspezifische und stufenspezifische Punkte. In einem Grundstudium, im ersten Jahr kann man gut alle Lehrerkategorien zusammennehmen und gleich ausbilden und dann erst differenzieren. Wir machen das in der Schweiz auch so.

derStandard.at: Die derzeitige Regelung in Österreich beinhaltet aber die Kindergartenpädagogen nicht.

Stadelmann: Ich habe das in der Expertengruppe "Lehrerausbildung neu in Österreich" von Anfang an eingebracht. Ich finde es falsch, wenn man diese Kategorie von Lehrpersonen ausblendet. Mit dem Wissen, das wir heute haben, wie wichtig Frühförderung ist, bin ich überzeugt, dass man die Kindergartenpädagogen gleichwertig und möglichst an gleichen Institutionen ausbilden müsste. Ich plädiere stark dafür, dass sie auch in die universitäre Lehrerausbildung kommen. Auch aus Prestigegründen. Man sollte diese Berufe aufwerten, denn die machen einen ganz wichtigen Job. Das ist das Fundament.

derStandard.at: Wie steht Österreich bei der Lehrerausbildung im Ländervergleich da?

Stadelmann: Mit der Neustrukturierung macht Österreich einen klaren Schritt vorwärts. Die Ausbildung wird wissenschaftlicher und pädagogischer, Zusammenhänge zwischen Theorie und Praxis werden besser aufgezeigt, was auch zu interdisziplinären Ansätzen führt. Wenn Sie mich fragen, wer ist vorne, wer hinten, dann müsste ich eine Messeinheit haben, das ist eine Frage des Standpunktes. Ich glaube, was wir hier in Österreich machen, ist ein Schritt hin zur Nachhaltigkeit.

derStandard.at: Scheitern schulpolitische Reformen in Österreich, weil sie zum Politikum werden?

Stadelmann: Ja. Das darf ich mir erlauben als Ausländer. Die Parteipolitisierung der Schule und Bildung, auch von Lehrern und Direktoren, ist ein Hinderungsgrund für weitere Entwicklungen. Davon bin ich überzeugt. Ich stelle fest, wie da gekämpft wird: Was die ÖVP will, will die SPÖ nicht. Je nachdem, ob es eine rote oder schwarze Schule ist, werden die Lehrpersonen gewählt. Ich bin der Meinung, unabhängig von der Parteipolitik müssen die besten und fähigsten Leute an die Stellen rankommen und nicht die, die das richtige Parteibuch haben. In Österreich wäre ich selbst nicht so weit gekommen, ich bin in keiner Partei. (Stefanie Ruep, derStandard.at, 3.9.2013)

Willi Stadelmann (68) ist Mitglied der Expertenkommission "LehrerInnenbildung NEU" des Unterrichtsministeriums. Bis 2010 war Stadelmann Rektor der Pädagogischen Hochschule der Zentralschweiz und Präsident der COHEP (Schweizer Rektoren-Konferenz der Pädagogischen Hochschulen), die die Weiterentwicklung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung in der Schweiz unterstützt und koordiniert.

  • Stadelmann: "Ich stelle fest, wie da gekämpft wird: Was die ÖVP will, will die SPÖ nicht."
    foto: uni salzburg/kolarik/leo

    Stadelmann: "Ich stelle fest, wie da gekämpft wird: Was die ÖVP will, will die SPÖ nicht."

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