Auf Kirchgänger und Arbeiter ist kein Verlass mehr

2. September 2013, 18:27
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Warum sich die Meinungsforschung schwertut, die von ihr erwarteten Prognosen zu liefern

Drei Jahrzehnte lang - von den 1960er- bis zu den 1980er-Jahren - galten politische Umfragen in Österreich als relativ zuverlässige Indikatoren für den zu erwartenden Wahlausgang. Damals gab es wenige Bewerber (SPÖ und ÖVP kamen zwischen 1956 und 1986 gemeinsam stets auf Werte über 84 Prozent), eine hohe Wahlbeteiligung und einen hohen Anteil von Stammwählern. Auch nicht deklarierte Befragte konnten anhand von begleitenden Indikatoren gut eingeschätzt werden - nicht deklarierte regelmäßige Kirchgänger wurden der ÖVP, nicht deklarierte Arbeiter der SPÖ zugerechnet.

Bei sauberer Stichprobenziehung konnten die Meinungsforscher mit diesen Methoden ziemlich klar sagen, welche Partei gewinnen würde - die FPÖ blieb dabei allenfalls ein Randphänomen. Das änderte sich mit dem Antreten von Jörg Haider einerseits und den Grünen andererseits.

Zu den Populisten von rechts wollte sich jahrzehntelang kaum jemand bekennen. Dafür galt es als gesellschaftlich "erwünschte" Antwort, sich als Grün-Wähler zu deklarieren, auch wenn man dann in Wirklichkeit gar nicht wählen gegangen - oder zur alten Stammpartei zurückgekehrt - ist.

Wähler entscheiden spät

Dieses "Overreporting" der Grünen stellt Wahlforscher bis heute vor Probleme: "Die Grünen erscheinen in den meisten Stichproben überrepräsentiert zu sein, auch die Freiheitlichen sind schwer einzuschätzen. Vor der Kärnten-Wahl haben wir das Ergebnis der SPÖ und das der ÖVP sehr gut vorausberechnet - die Grünen hätten nach unseren Daten aber noch stärker sein müssen. Dass der Absturz der FPK noch größer war, als wir vermutet hatten, hat uns auch überrascht", gesteht David Pfarrhofer vom Linzer Market-Institut, das für den STANDARD seit 20 Jahren politische Marktforschung betreibt.

Gleichzeitig mit der sinkenden Wahlbeteiligung verschwanden seit den 1980er-Jahren auch traditionelle Bindungen: Es gibt immer weniger regelmäßige Kirchgänger, die man als verlässliche Schwarz-Wähler einstufen könnte. Und groß angelegte Untersuchungen (insbesondere von Peter Ulram und Fritz Plasser) zeigten, dass zeitweise mehr Arbeiter die FPÖ als die SPÖ gewählt haben.

Dazu kommt: Viele Wähler entscheiden immer später, ob und was sie wirklich wählen wollen.  

Bei kleinen Stichproben (üblich sind 400 bis 500 Befragte) wirkt sich das besonders stark aus - weshalb Wahlforscher zum "Rolling Polling", der Zusammenfassung mehrerer Umfragewellen, übergegangen sind.

Das ermöglicht es, Tendenzen zu erkennen. Verlässliche Voraussagen kann man aber eher über Wahlmotive (bei denen die Deklarationsbereitschaft höher ist) als über den eigentlichen Wahlausgang treffen. Den zu entscheiden, bleibt dann doch den Wählern vorbehalten. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 3.9.2013)

  • Prognosen kann man sich abschminken: Gerhard Dörfler (FPK) und Rolf Holub (Grüne) am 3. März.
    foto: standard/corn

    Prognosen kann man sich abschminken: Gerhard Dörfler (FPK) und Rolf Holub (Grüne) am 3. März.

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