Der lothringische Geruch von Europa

3. September 2013, 05:30
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Vor 50 Jahren starb Robert Schuman, der wohl wichtigste Gründungsvater Europas. Sein Wohnhaus bei Metz ist heute ein Museum, in dem man das Projekt Europa gewissermaßen auch riechen kann

Der Tag, an dem Robert Schuman starb - vor genau einem halben Jahrhundert, am Mittwoch, den 4. September 1963 -, war ein strahlend schöner Spätsommertag. Aber davon hat der 77-Jährige wohl nichts mitbekommen. Schuman starb in einem feuchten, niedrigen Raum gleich neben der Speis, durch die man in die Garage gelangt, in der immer noch der schwarze Simca Aronde P 60 steht, Baujahr 1954; ein schönes Auto, aber keineswegs ein Bild von einer Staatskarosse.

Fast zwei Jahre schlief Robert Schuman, den sie auch gerne den Vater Europas nennen, hier im kellerartigen Parterre seines Hauses in Scy-Chazelles, einem verschlafenen Vorort von Metz. "Nach seinem Schlaganfall konnte er nur noch schwer Treppen steigen", erzählt die junge Führerin, "also stellte man ihm das Bett hierher." Und einen Fernseher - für den Weltgeist. Und eine Madonna - für den tiefgläubigen Katholiken. Die zwei kleinen Guckerl - kein Vergleich zu den hohen, nach außen weisenden Fenstern im oberen Stock - erlaubten immerhin einen Blick in den Himmel über den Vogesen. Dieser Blick galt dem Lothringer. Und dem Europäer. Aber das ist wahrscheinlich eh dasselbe. Zumindest ist der eine ohne den anderen nicht zu verstehen.

Wenn einer also, müde geworden durch all die faden, lähmenden Evidenzen des europäischen Alltags, dennoch die Ursprünge der heutigen Gestalt des Kontinents begreifen möchte, sollte er hier heraufkommen nach Scy-Chazelles, wo die alte Wehrkirche Saint Quentin über das gegenüberliegende Schuman-Haus wacht oder umgekehrt. Hier heroben, rund 15 Fahrminuten vom Metzer Zentrum, kann man Europa riechen, nicht bloß reden hören unentwegt.

Originalschauplatz

Es ist ja einer der Vorzüge von Originalschauplätzen, dass sich in ihnen alle Sinne ausfahren lassen. Der Verstand mag es hundert Mal schon begriffen haben, dass das europäische Projekt der Befriedung der brisanten deutsch-französischen Feind- und Kriegsbereitschaft dienen sollte. Im Haus des unverheiratet gebliebenen Robert Schuman - das seit dem Jahr 2000 ein Museum ist - beginnt dieses Projekt aber zu schillern, sich zu bewegen, eben zu riechen: nach Äpfeln und Erdfeuchte und alten Büchern, darunter eine feine Sammlung zur lothringischen Geschichte.

Wenn es nach sowas riecht - und nicht bloß nach Akten -, dann werden auch so manche Worte lebendiger. Der Ausdruck "solidarité de fait" zum Beispiel, mit dem Robert Schuman am 9. Mai 1950 Europa auf die Reise geschickt hat. Europa, so erläuterte er den nach ihm benannten Plan einer ersten europäischen Gemeinschaft, der 1951 dann gegründeten Montanunion, "wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen".

Schumans Flügel

Das Manuskript dieser Rede, mit der fünf Jahre nach der Nazi-Kapitulation alles begann, liegt auf dem Schreibtisch, streng bewacht von der Führerin. An der Wand dahinter das Bild seiner Geburtsstadt Luxemburg, darunter ein Radioapparat, mit dem sich Sender aus aller Welt empfangen ließen. "Manche Besucher, vor allem aus Fernost, bestaunen den Flügel, der da steht. Und fragen dann: Das ist wirklich das Klavier, auf dem Robert Schumann gespielt hat?"

"Nein", muss dann die Führerin antworten. Auf diesem Flügel spielte - "oder eigentlich: klimperte" - Robert Schuman. Der war nicht ein romantischer Komponist aus Sachsen. Sondern ein g'standener Politiker aus Lothringen. Geboren 1886 in Luxemburg. Seine Mutter war ja Luxemburgerin, Letzeburgisch tatsächlich seine Muttersprache. Französisch erlernte er erst in der Schule. Nicht sehr gut übrigens, bescheinigte ihm das hier ausgestellte Maturazeugnis.

Der junge deutsche Jurist ließ sich 1912 als Anwalt in Metz nieder, zog zwei Jahre später - als sogenannter Etappenhengst - für den Kaiser in den Krieg, nach dem er Franzose wurde, politisch hoch aktiv. Im zweiten Krieg kam er in Gestapoverwahrung, von wo aus ihm 1942 die Flucht zur Résistance gelang.

Mit dieser endlos scheinenden Aufeinanderfolge deutsch-französischer Kriegführerei müsse nun Schluss sein, forderte nicht nur Schuman. Aber Schuman forderte dies immerhin als französischer Außenminister und früherer Ministerpräsident. Dass die gemeinsame Kontrolle der Kohle- und Stahlproduktion auch eine versöhnliche Geste gegenüber dem eben erst bezwungenen Feind war, wurde ihm auch übel genommen.

Aber wahrscheinlich schaute er, als er den vom Industrieexperten Jean Monnet detailliert ausgearbeiteten Plan in die eigenen Worte fasste, aus den Fenstern des Arbeitszimmers. Draußen liegt Lothringen, wo die Deutschen und die Franzosen ja nicht nur aneinandergeraten sind. Sondern auch oder vor allem ineinander. Wie sehr, dafür war dieser Robert Schuman selbst ein sehr gutes Beispiel. Mag sein, der Vater Europas - erster Präsident des Europäischen Parlaments - wollte sich mit seinem Plan bloß ein eigenes Vaterland gründen. Zumindest riecht es, hier in Scy-Chazelles, sehr danach. (Wolfgang Weisgram aus Scy-Chazelles, DER STANDARD, 3.9.2013)

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Centre Robert Schuman

Wissen: Zwischen Zank- und Reichsapfel

Das Herzogtum Lothringen war stets Teil des sogenannten Heiligen Römischen Reiches - stets aber auch umfehdet, ein dauernder Zankapfel zwischen dem Reich und Frankreich. Ironischerweise ist Lothringen französisch geworden, damit ein Lothringer Kaiser werden konnte. Franz Stephan (1708-1765) musste im Zuge des Friedens nach dem polnischen Erbfolgekrieg sein Herzogtum an den unterlegenen Stanislaus Leszczynski abtreten, der es seinerseits seinem Schwiegersohn, König Louis XV., vermachte, wodurch Lothringen 1766 aus dem Reichsverband ausschied.

Franz Stephan wurde mit dem Großherzogtum Toskana entschädigt und - weit wichtiger - mit der habsburgischen Prinzessin Maria Theresia, deren Regentschaft in den Erblanden durch die Pragmatische Sanktion abgesichert werden sollte. Frankreich stimmte um den Preis von Lothringen zu. "Keine Abtretung, keine Erzherzogin", meinte Christoph Bartenstein, Berater von Kaiser Karl VI. Franz Stephan tauschte also den Zankapfel gegen den Reichsapfel. Maria Theresia regierte ja nur über die habsburgischen Erblande. Kaiser war - ab 1745 - Franz Stephan. Wichtiger als die Krone war des Lothringers Händchen: Er legte den Grundstein des Vermögens, von dem das Haus Habsburg-Lothringen bis 1918 zehrte.

Lothringen blieb französisch bis 1871. Als Folge des deutsch-französischen Krieges - vom Zaun gebrochen von Napoleon III., dem auch der Habsburg-Lothringer Maximilian sein letales Mexiko-Abenteuer verdankte - wurde das Land geteilt. Der deutschsprachige Nordosten und das Elsass waren bis 1918 als Elsass-Lothringen Teil des - jetzt deutschen - Reichs, das als Konsequenz des Krieges 1870/71 in Paris aus der Taufe gehoben wurde. Habsburg-Lothringen, aus Deutschland hinausgedrängt schon 1866, spielte ab da nur mehr die zweite Geige.

  • Quatrumvirat im Schatten von St. Quentin: Italiens Außenminister Alicide de Gasperi, Robert Schuman, sein Berater Jean Monnet und der deutsche Kanzler Konrad Adenauer (v. li.) besprechen Europäisches.
    grafik: vera sebauer

    Quatrumvirat im Schatten von St. Quentin: Italiens Außenminister Alicide de Gasperi, Robert Schuman, sein Berater Jean Monnet und der deutsche Kanzler Konrad Adenauer (v. li.) besprechen Europäisches.

  • An diesem Tisch wurde das moderne Europa erstmals in Worte gefasst. Der Schuman-Plan schuf eine "Solidarität der Tat".
    grafik: vera sebauer

    An diesem Tisch wurde das moderne Europa erstmals in Worte gefasst. Der Schuman-Plan schuf eine "Solidarität der Tat".

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