"Lasst die Energie frei! Lasst es fließen!"

Interview2. September 2013, 18:07
4 Postings

Der US-Jazzsänger Gregory Porter gilt durch seine kraftvoll-soulige Stimme als die große Hoffnung seines Fachs - Der Musiker über seine neue CD, Emotionalität und Ruhm

Wien - Dank seines wunderbar warmen, souligen Baritons und kraftvoller, poetischer wie politischer Songtexte gilt Gregory Porter als der neue Star des Vokal-Jazz. Und das, obwohl der Mann aus Bakersfield, Kalifornien, erst vor drei Jahren sein Debütalbum Water vorlegte, das prompt für einen Grammy nominiert wurde. Mittlerweile wird der 41-Jährige mit der bärenhaften Statur, der ursprünglich Footballspieler werden wollte, ehe ihn eine Schulterverletzung zum Umsatteln zwang, auf Festivals in aller Welt hofiert. Mit seinem dritten Album Liquid Spirit ist er beim renommierten Blue-Note-Label gelandet.

STANDARD: Wofür steht die neue CD, wofür steht "Liquid Spirit"?

Porter: Der Titelsong Liquid Spirit entstand aus einem Gefühl heraus. Nach den Konzerten sagen mir die Leute oft: Wir brauchen mehr von diesem Feeling, mehr von diesem Sound. Ich spüre da geradezu Ungeduld seitens des Publikums! Es geht dabei nicht um mich, es geht um die Emotionalität von Musik, die das Herz berührt. Eine Art Energie. Es ist eine Message auch an die Plattenfirmen, an die Songschreiber und Musikprogrammierer, die den Menschen oft genau diese Musik vorenthalten. Ihnen sagt der Song: Lasst die Energie frei. Lasst es fließen! Ich verwende die Metapher des Wassers, wie ich das schon in der Vergangenheit getan habe. Das kommt wahrscheinlich von den vielen Predigten meiner Mutter, die Pfarrerin war.

STANDARD: Ihre Mutter ist immer wieder Thema in Ihren Songs, nun etwa in "Free". Was können Sie über sie erzählen?

Porter: Sie war eine große Predigerin. Sie starb vor 15 Jahren, aber die Gespräche mit ihr, die Dinge, die sie mir beigebracht hat, kommen immer wieder in meinen Songtexten zum Vorschein. Mit meinem Vater habe ich erst kürzlich meinen Frieden gemacht. Er hat mich nicht aufgezogen, er hat nie wirkliches Interesse an meinem Leben gezeigt. Aber ich habe seine Singstimme geerbt, also gab er mir ein Geschenk mit, und dafür bin ich ihm dankbar. Meine Mutter hingegen hat mich mit Liebe überschüttet, sie war das Rückgrat. Sie hatte fünf Buben und drei Mädchen und sagte uns immer: "Du bist um nichts weniger wert als jeder andere. Lass nicht zu, dass sie dir sagen, wer du bist! Du bist ein wunderbarer Mensch mit einer wunderbaren Hautfarbe!"

STANDARD: Sie wuchsen in Kalifornien auf und erlebten dort noch in den 1980ern rassistische Anfeindungen ...

Porter: Ja, es ist bizarr. Wir lebten in Bakersfield nahe Los Angeles, als einzige schwarze Familie in einem von Weißen bewohnten Viertel. Diese Stadt war wie eine Enklave der Südstaaten in Zentralkalifornien. Wir erlebten sehr heftige rassistische Attacken. Sie urinierten in Bierflaschen und warfen diese durch unsere Fenster. Mein Bruder wurde niedergeschossen, als er eines Nachts von der Arbeit nach Hause ging. Als sie die Typen fanden, sagten sie, sie wären einfach auf der Suche nach einem Schwarzen gewesen, den sie angreifen konnten. 99,5 Prozent meiner Zeit in Bakersfield waren jedoch erfüllt von tollen Freundschaften.

STANDARD: Politische Inhalte scheinen auf "Liquid Spirit" aber keine so große Rolle zu spielen ...

Porter: Ich denke, Liquid Spirit, Musical Genocide und When Love Was King sind sehr politische Songs. In Musical Genocide spreche ich nicht über Musik, nicht über Blues, Gospel und Soul. Es ist eine Reverenz an diese Musik im Allgemeinen, ihre Kraft in der Kultur. Es ist eine trotzige Reaktion auf die Art, wie wir uns zurücklehnen, zulassen, dass diese Musik verschwindet. Und wir uns unsere Kultur diktieren lassen.

STANDARD: Ihr Name war vor kurzer Zeit bestenfalls Insidern bekannt, heute werden Sie als neuer Star des Vokal-Jazz apostrophiert. Wie gehen Sie selbst mit ihrem Aufstieg um?

Porter: Vergangene Nacht war ich in einem Restaurant, und jemand zeigte auf mich: Das ist Gregory Porter! Das ist noch immer merkwürdig für mich. Aber auch schön - in dem Sinn, dass ich hoffe, dass die Menschen meine Musik hören und etwa den Inhalt des Songs über meine Mutter mitbekommen. Jemand erzählte mir außerdem, dass Keith Richards sich für mich interessiert. Die Vorstellung, dass er meinen Songs lauscht, ist witzig! Ich war kürzlich in England, ich fungierte dort als Präsentator der Parliamentary Jazz Awards. Ich meiner Rede zitierte ich aus meinen Song When Love Was King, und sie sagten, das wäre die beste politische Rede gewesen, die sie in letzter Zeit gehört hätten. Grab also tiefer in den Texten, die politischen Inhalte sind da drinnen! (Andreas Felber, DER STANDARD, 3.9.2013)

Gregory Porter (41) feierte 2010 mit seinem Debütalbum "Water", das auch für den Grammy nominiert wurde, seinen Durchbruch. Er lebt in Brooklyn.

  • US-Jazz-Vokalist Gregory Porter, der sich stets mit cooler Kopfbedeckung zeigt: In seinen Songs finden sich auch Anklänge an die Predigten seiner Mutter.
    foto: universal

    US-Jazz-Vokalist Gregory Porter, der sich stets mit cooler Kopfbedeckung zeigt: In seinen Songs finden sich auch Anklänge an die Predigten seiner Mutter.

Share if you care.