Medienkritik mit Hammerschlägen

2. September 2013, 17:49
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Gewalterfahrung und Sinnsuche im 70. Wettbewerb von Venedig: Christoph Waltz tüftelt an der Lösung des "Zero Theorem", Hayao Miyazaki folgt der Karriere eines Flugzeugbauers

Ein nacktes, haarloses Menschlein sitzt in einem ehemaligen Sakralbau vor dem neuen Götzen der Zivilisation. Am Computer verrichtet es seine Heimarbeit. Wenn das Telefon läutet, reagiert es alarmiert. Nur der direkte Kontakt zur Außenwelt ist mit noch mehr Stress verbunden.

Der Mann heißt Qohen Leth, und er ist der traurige Held von Terry Gilliams etwas zielloser Zukunftsvision bzw. Gegenwartskritik The Zero Theorem. Verkörpert wird er von Christoph Waltz, der hier insgesamt etwas blass bleibt. Im Lauf des Films wird Leth seine zahllosen Phobien mithilfe einer virtuellen Sexarbeiterin und eines minderjährigen Computergenies überwinden. Das ist exzentrisch, aber auch altbacken. Bei der Pressevorführung waren Buhs zu hören, bei der Pressekonferenz herrschte trotzdem Gedränge. Und eine Phalanx von mit Digi-Cams, Laptops, Tablets und Smartphones bewaffneten Medienvertretern lauschte den launigen medienkritischen Ausführungen des britischen Regisseurs.

In The Zero Theorem werden folglich vor allem Rechner, Kameras, Bildschirme mit dem Hammer attackiert. Zur Festivalmitte lässt sich Gewalterfahrung neben der (Sinn-)Suche als ein Leitthema dieses Wettbewerbsjahrgangs erkennen: sei es in politischem Kontext wie bei Kelly Reichardts Ökoaktivisten in Night Moves und in Peter Landesmans konventionellem Post-JFK-Ermordungsdrama Parkland oder im familiären Umfeld wie im ärgerlich spekulativen griechischen Missbrauchsdrama Miss Violence und im ungleich interessanteren Beitrag des deutschen Filmemachers Philipp Gröning:

Die Frau des Polizisten heißt sein formal ungewöhnliches, knapp dreistündiges Ehe- und Familiendrama. Die Erzählung ist aus fragmentarischen Beobachtungen, Situationsanrissen, Szenen gebaut. Mann, Frau und Kind leben darin in einem kleinen Backsteinhäuschen das Kleinfamilienidyll. Zwischen Aufnahmen von Osterausflug, Alltagsroutinen, Kinderliedgesang mischen sich allmählich Vorgänge und Details, die dieses heile Bild brüchig werden lassen.

Der Film folgt zwar einem zeitlich linearen Verlauf, aber das ergibt noch keine eindeutige Zuspitzung der Ereignisse. Die Entscheidung, diese per Insert - "Anfang Kapitel 1" / "Ende Kapitel 1", "Anfang Kapitel 2" usw. - zu markieren, ist allerdings so unübersehbar wie irritierend. Die Beschriftung schneidet durch manches Nachbild im Kopf des Betrachters.

Selbst in Kaze tachinu / The Wind Rises von Hayao Miyazaki geht es alles andere als friedlich zu: Der 72-jährige japanische Animationsfilmmeister, der hier verlauten hat lassen, dass er nun in Ruhestand gehe, hat vorher noch einem gewissen Jiro Horikoshi ein freies Biopic gezeichnet. Der Flugzeugingenieur arbeitete seit 1927 für Mitsubishi, und nicht zuletzt sein Entwurf des Mitsubishi A6M Zero erlangte im Kampfeinsatz während des Zweiten Weltkriegs traurige Berühmtheit. Nun ist der erklärte Pazifist Miyazaki alles andere als ein Verherrlicher dieses Teils der Historie. Trotzdem behält seine sentimentale Sicht auf den immer schon "verfluchten Traum" vom Fliegen einen schalen Beigeschmack. Lieber wird man andere Miyazaki-Schöpfungen in Erinnerung behalten. (Isabella Reicher aus Venedig, DER STANDARD, 3.9.2013)

  • Wimmelbild mit doppeltem Oscar-Preisträger: Christoph Waltz in Terry Gilliams "The Zero Theorem".
    foto: filmfestival venedig

    Wimmelbild mit doppeltem Oscar-Preisträger: Christoph Waltz in Terry Gilliams "The Zero Theorem".

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