Waldorfschule - eine andere Schulzeit

2. September 2013, 17:37
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Die Kinder von STANDARD-Mitarbeiter Roman David-Freihsl sind schon die dritte Generation in der Waldorfschule - Die Eltern sind mit Begeisterung dabei

Natürlich sagen die Kids nicht direkt, ob sie sich wohlfühlen in der Schule. Sie regen sich höchstens darüber auf, was ihnen nicht passt - und das ist schon Botschaft genug. Wenn etwa der achtjährige Sohn wutentbrannt vom Unterricht heimkommt, die Schultasche in eine Ecke pfeffert und sich empört: "Heute haben wir den ganzen Tag überhaupt nichts gerechnet! Das ist Scheiße!"

Clemens ist ein "Waldi" - ein Waldorfschüler in der Rudolf-Steiner-Schule in Wien-Mauer. Natürlich heißt das noch lange nicht, dass es so etwas in einer öffentlichen Schule nicht gibt - aber wenn ein Kollege berichtet, was für einen Stress er mit seinem Sohn in der Volksschule hat, weil er mit diesen Noten nie und nimmer ins Gymnasium kommt - da weht einem schon ein ganz anderer Geist entgegen.

Die Tochter lernt Dividieren

Geht es in Waldorfschulen zu locker zu? Lernen Waldorfschüler genug? Über die Jahre hinweg wird das zunehmend irrelevant. Manchen geht früher der Knopf auf - manchen hoffentlich später. Offensichtlich ist aber, dass die "Waldis" eine andere Schulzeit haben. Die zehnjährige Tochter in der vierten Klasse lernt natürlich auch Multiplizieren, Dividieren, mit viel Rhythmus und Bewegung, bis es regelrecht in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Aber das wirklich herausragende Ereignis dieses Schuljahres war die Aufführung des Kasperltheaters. Jedes Kind mit seiner selbstgefertigten Puppe. Alle sprechen die Texte des gemeinsam entwickelten Stückes. Vor allem aber: Genau in jenem Alter, in dem sie beginnen, sich von ihrer Umwelt zu distanzieren, sich selbst als Persönlichkeiten intensiver wahrzunehmen - genau jetzt versetzen sie einen Teil von sich in die Puppen und nach außen.

Meine Frau und ich sind - beide selbst Ehemalige dieser Schule - zugegebenermaßen ein bisschen entspannter als ein paar andere Eltern. Gelegentlich wird nachgefragt, wann dieser oder jener "Stoff" denn nun "ordentlich" gelernt werde. Und die klassische Frage von Interessenten ist: Wie geht es später beim Umstieg? Ich berichte dann gerne von jenen drei Ex-Steiner-Schülern, die dieses Frühjahr gemeinsam in einem Gymnasium die Matura "nachholten". Mit nichts als Einsern. Ein schöner Erfolg - aber sind sie wirklich fürs Leben gerüstet? Das wird sich erst weisen.

Reinstopfen und rauskotzen

Aus eigener Erfahrung erinnern wir Ex- Waldis uns übrigens auch nur allzu gut, wie wir dann später erst das "Bulimie-Lernen" kennengelernt haben: Den Lernstoff (damals noch für die Externistenmatura) reinstopfen und dann bei zwölf Vorprüfungen und vier Hauptprüfungen wieder rauskotzen. Wie das geht, hatten wir immer noch schnell genug raus.

Die prägenden Erlebnisse unserer Jugend waren aber: das viele Theaterspielen, das Industriepraktikum, die letztlich befruchtenden Reibereien mit der Deutschlehrerin, zwölf Jahre Klassengemeinschaft - und: das selbstständige Arbeiten an der Abschlussarbeit.

Jetzt hingegen durchleben wir intensiv das, was unsere Eltern während unserer Schulzeit schon begleitet hat, den freiwilligen Einsatz für eine Schule in Selbstverwaltung. Unsere Elterngeneration hat damals alles gegeben, um diese Schule zu ermöglichen. Meine Schwiegermutter war selbst bereits in Stuttgart in der Waldorfschule gewesen, ihre älteste Tochter dann in die Gründungsklasse dieser ersten Wiener Waldorfschule nach dem Zweiten Weltkrieg dazugestoßen. Das war die Pionierphase des häuslichen Unterrichts - bis zur Renovierung und zum Bezug des Maurer Schlössels.

Bei uns heißt Selbstverwaltung jetzt: Elternrat, PR-Kreis, Veranstaltungskreis, Schulzeitung, Zwergefilzen für den Adventbasar, Büffets organisieren, Klasseausmalen, Tischeabschleifen und, und, und. Und: Gemeinsam mit Lehrern den Reformprozess an der Schule vorantreiben. Die ersten Ergebnisse eines "entschleunigten" Stundenplans werden im Herbst umgesetzt. Ja, dabei geht Zeit drauf. Aber wir sind über weite Strecken mit Begeisterung dabei - vielleicht auch weil wir hier im Kleinen erleben können, wie ein Gegenmodell zur Leistung-muss-sich-lohnen-Konsumgesellschaft aussehen könnte. (Roman David-Freihsl, Family, DER STANDARD, 2.9.2013)

  • Von der Schwiegermutter zu den Kids: Drei Generationen Waldorfschüler im Schulgarten. Die Hütte haben Schülerinnen und Schüler einer dritten Volksschulklasse gebaut.
    foto: privat

    Von der Schwiegermutter zu den Kids: Drei Generationen Waldorfschüler im Schulgarten. Die Hütte haben Schülerinnen und Schüler einer dritten Volksschulklasse gebaut.

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