(Un-)Möglichkeiten befreiter Körper

2. September 2013, 07:34
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Carolee Schneemann, US-Pionierin der Performance und Body-Art, verhandelt Sexualität, Geschlechterrollen und Körperlichkeit

Wien/Zurndorf - Dass Gefangenschaft ein Lebewesen deformiert, weiß jeder, der Rainer Maria Rilkes Der Panther gelesen hat: Dessen Schritte drehen sich "im allerkleinsten Kreise", "wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht."

Wie sich Körper in Gefangenschaft verhalten, hat auch die Künstlerin Carolee Schneemann beschäftigt. Die 1939 geborene US-Amerikanerin gilt vor allem aufgrund ihrer Performances und Experimentalfilme als prägend für feministische Ästhetik und insbesondere Aktionskunst - exemplarisch steht hierfür das berühmte Foto ihrer Performance Interior Scroll (1975), auf dem sie eine Rolle beschriebenen Papiers aus ihrer Vagina zieht.

Unter den ausgewählten Arbeiten, welche die Sammlung Friedrichshof im burgenländischen Zurndorf aktuell in der Schau Precarious zeigt, befindet sich nun auch die audiovisuelle Installation gleichen Namens, die 2009 für die Liverpool-Biennale entstand. An drei Wände des Raumes werden darin sich teilweise überlagernde Videoaufnahmen projiziert; zu sehen sind unter anderem ein Kakadu, philippinische Gefangene, eine Frau mit verbundenen Augen und ein Tanzbär (Letzterer aus einem Film Eisensteins). Musik dringt in hart aneinandergeschnittenen Fragmenten an das Ohr des Betrachters, treibende Bässe, Fetzen populärer Musik.

Die Gefangenen absolvieren in roter Einheitskleidung eine Sportübung. Sie sind auf engstem Raum zusammengepfercht, ihre Bewegungen wie choreografiert. Die Frau mit der Augenbinde tanzt mit sich allein. Und der Bär an seiner Kette bewegt sich schließlich im "allerkleinsten Kreise" wie Rilkes Panther, umringt von feixenden Schaulustigen. So unterschiedlich diese Ausschnitte sind, sie alle erzeugen - verstärkt von der irritierenden, abgehackten Musik - ein Gefühl unmittelbarer Beklemmung, ja sogar Bedrohung.

Neben dieser relativ neuen Arbeit sind einige ältere Werke Schneemanns zu sehen: Im Friedrichshof ist das etwa der Experimentalfilm Snows (1967), in der Wiener Dependance der Sammlung, dem "Stadtraum", wird unter anderem der Film Fuses aus dem Jahr 1965 gezeigt. Snows verarbeitet die Gräueltaten US-amerikanischer Soldaten in Vietnam, Fuses dagegen zeigt Schneemann und ihren damaligen Freund James Tenney beim Sex - die Bilder sind überlagert von Naturaufnahmen, verfremdet durch Zeichnungen, Flecken, Farb- und Brandspuren.

Sexualmoral

Auch abseits (kunst)historischen Interesses sind diese Arbeiten wert, be(tr)achtet zu werden. Sie zeigen, dass ein Körper ohne die ihn umgebenden gesellschaftlichen wie politischen Bedingungen nicht denkbar ist. Er nimmt sie auf und agiert sie wie ein lebendiger Spiegel wieder aus. Wo Snow den von Krieg und Gewalt bedrängten Körper präsentiert, zeigt Fuses, wie wahre Freiheit aussehen könnte: zwei Körper, die ohne Ideologie, Kontext oder Begrifflichkeiten allein ihrem Begehren folgen. Schneemanns Arbeiten verhandeln die (Un-)Möglichkeit einer körperlichen Freizügigkeit; als solche haben sie immer auch politische Dimension.

Damit sind sie heute so aktuell wie damals: Ob es um Sexualmoral oder Körpernormen geht, um Residenzpflichten für Asylwerber oder um staatliche Überwachung - von freier Entfaltung ist der menschliche Körper auch im 21. Jahrhundert noch weit entfernt. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 2.9.2013)

  • Im Friedrichshof ausgestellt: Das Video "Fuses" zeigt die Künstlerin Carolee Schneemann beim Sex mit ihrem damaligen Freund. 
    foto: carolee schneemann

    Im Friedrichshof ausgestellt: Das Video "Fuses" zeigt die Künstlerin Carolee Schneemann beim Sex mit ihrem damaligen Freund. 

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