Usedom: Dem Strand einen Korb geben

2. September 2013, 16:49
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Die Insel Usedom hat einen stillen Charme: an der Steilküste ebenso wie in den Sümpfen des Peenestroms

Früh am Morgen hat man die hellen Sandstrände fast für sich. Die Strandkörbe, die sich tagsüber mit ihren Insassen, die hier vor dem Wind und den Blicken anderer Badegäste Zuflucht finden, immer wieder der Sonne zuwenden, blicken jetzt leer und stumm aufs Meer. Möwen nähern sich vorsichtig, als seien sie neugierig, welchen der Körbe man sich nehmen wird.

Würde Effi Briest in einer Kutsche vorbeifahren oder Emil Tischbein mit seinen Freunden und den "drei Zwillingen" über den Strand turnen, würde das wunderbar ins Bild passen. Sowohl Theodor Fontane als auch Erich Kästner verbrachten Zeit hier und beschrieben die Strände und Dünen der deutsch-polnischen Insel Usedom (polnisch: Uznam), auch wenn sie beide Schriftsteller nicht beim Namen nannten. Doch Mirko holt einen in seiner modernen Sportbekleidung mit einem Schlag in die Gegenwart zurück.

Denn dort, wo sich Wasser und Land treffen und der Sand am weichsten und matschigsten ist, zieht Mirko - langsam laufend oder schnell gehend - mit ein paar Gästen vorbei, die mit ihm eine kleine "Wellnesswanderung" machen. Genau hier nämlich liegt etwas in der Luft, das die Insel in der Ostsee auch zu einem Luftkurort für alle Arten von Lungenkrankheiten macht. Mirko erklärt das so: Wenn sich Sonne, Wind und Wellen vermischen, entstünden sogenannte Brandungsaerosole. Drei bis sechs Wochen in diesem Klima können angeblich wahre Wunder wirken. Deshalb gibt es auch unzählige Kurhäuser und Rehakliniken auf der Insel.

Wander- und Atemwege

Wanderungen empfehlen sich - vor allem an der Bansiner Steilküste - auch wenn man keine Probleme mit den Atemwegen hat, wobei das "Wandern" auf die "Berge" der Insel nicht unbedingt das ist, was sich Österreicher darunter vorstellen. "Wir haben auch Sechstausender", hört man immer wieder von den stolzen "Insulanern", wie man sie am Festland im gegenüberliegenden Stettin nennt, "in Zentimetern gemessen". Der Blick von diesen Anhöhen auf die vom Meer zurückgedrängten Steilwände ist jedenfalls wie ein Bild, gemalt von Caspar David Friedrich. Auch er weilte einst auf Usedom.

Doch die wirklich mondäne Zeit der Insel, als in den drei "Kaiserbädern" , Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin einst die Reichen und Mächtigen ihre Sommerresidenzen bezogen, ist lange vorbei. Prächtige Villen, die aus dieser Gegend bekannte "Bäderarchitektur", zeugen noch von dieser Ära.

Später kamen die Nazis. Sie zogen nicht nur in "arisierte" Villen jüdischer Familien, sondern errichteten auf der Insel die "Heeresversuchsanstalt", ein über 25 Quadratkilometer umfassendes Areal in Peenemünde, wo die V2-Raketen entwickelt wurden. Dort lebten auch Ingenieure der Nazis mit ihren Familien in einer eigenen Siedlung - unweit eines KZ-Außenlagers.

Hier gibt es keinen Tourismus, die Natur hat sich Wälder und Strände zurückgeholt, und man spricht an den hübschen Stränden der Kaiserbäder, die auf einem ganz anderen Teil der Insel liegen, nicht gerne über diesen Teil der lokalen Geschichte.

Funktionell und feinfühlig

Wenn man auf Usedom ist, sollte man einen Besuch im "Historisch-Technischen Museum Peenemünde" unbedingt einplanen. Hier wird mit großem Aufwand und funktioneller wie feinfühliger Museumsarchitektur Geschichte - auch für Jugendliche - zeitgemäß präsentiert. Das Museum steht auf dem heute gespenstisch verlassenen Areal, von dem nur mehr das stillgelegte Kraftwerk der Versuchsanstalt übrig ist.

Die DDR hinterließ ihre Spuren architektonisch vor allem mit Plattenbauten, die teilweise direkt neben alte Villen gebaut wurden. Eine nicht auf den ersten Blick attraktive, jedenfalls aber interessante Mischung. Heute sind viele der alten herrschaftlichen Häuser Hotels, während die DDR-Bauten einige Kurhäuser beherbergen.

Eine ganz andere Landschaft erwartet einen, wenn man sich von der Küste weg ins Innere der Insel bewegt, was auch ohne Auto gut möglich ist. Es gibt geführte Radtouren vorbei an Bauernhöfen, Wäldern und Wiesen, man kann aber auch mit der Usedomer Bäderbahn (UBB) reisen.

Einzigartig ist auch das sogenannte Achterwasser, eine Lagune, in der der Peenestrom in die Ostsee mündet. Das ist ein 90 Kilometer langer und drei Kilometer breiter gemächlich durch Moore und Schilf fließender Strom - vorbei an der Stadt Anklam.

Dort lebt das Ehepaar Antje und Carsten Enke, das sich dem Ökotourismus verschrieben hat. Mit einem solarbetriebenen Boot, auf dem sie selbstgemachte Kuchen servieren, tuckern sie mit ihren Gästen - sechs finden bequem Platz - durch die Stille dieser Flusslandschaft. Und manchmal schalten sie den Motor aus, alle halten die Luft an und schauen einem scheuen Biber bei seiner Arbeit zu. So geht Entspannung ohne Strandkorb. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Album, 31.8.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde von Usedom-Tourismus unterstützt.

Link

www.usedom.de

  • Am Strand von Heringsdorf, wo es im Sommer bis spätnachts noch hell ist.
    foto: colette m. schmidt

    Am Strand von Heringsdorf, wo es im Sommer bis spätnachts noch hell ist.

  • Eine der berühmten Seebrücken der Kaiserbäder.
Air Berlin fliegt noch bis Mitte September jeden Samstag direkt von Wien auf den kleinen Flughafen im Badeort Heringsdorf auf Usedom. Außerdem gibt es noch bis Ende Oktober Direktflüge von Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Köln und Stuttgart, ebenfalls von Air Berlin sowie von EuroLot. Auch eine Anreise mit dem Auto ist möglich: Über die "Blaue Wunder"- Brücke in Wolgast, die an sich schon sehenswert ist, oder über die Zecheriner Brücke bei Anklam. Beide Brücken verbinden die Insel mit dem Festland. Von Berlin aus ist man in etwa eineinhalb Autostunden

    Eine der berühmten Seebrücken der Kaiserbäder.

    Air Berlin fliegt noch bis Mitte September jeden Samstag direkt von Wien auf den kleinen Flughafen im Badeort Heringsdorf auf Usedom. Außerdem gibt es noch bis Ende Oktober Direktflüge von Dortmund, Düsseldorf, Frankfurt, Köln und Stuttgart, ebenfalls von Air Berlin sowie von EuroLot. Auch eine Anreise mit dem Auto ist möglich: Über die "Blaue Wunder"- Brücke in Wolgast, die an sich schon sehenswert ist, oder über die Zecheriner Brücke bei Anklam. Beide Brücken verbinden die Insel mit dem Festland. Von Berlin aus ist man in etwa eineinhalb Autostunden

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