"COPD ist eine furchtbare Krankheit"

2. Oktober 2013, 17:00
216 Postings

Bewegung gilt als wichtigste therapeutische Maßnahme für COPD-Patienten - Jetzt starteten eigene Trainingsprogramme

COPD klingt in den Ohren vieler Menschen immer noch nach einer geheimnisvollen Buchstabenkombination. Tatsächlich steht die Abkürzung für die Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung - eine Krankheit, die sich mittlerweile zu einer ernstzunehmenden Volkskrankheit entwickelt hat. In Österreich leiden etwa 800.000 Menschen darunter - Tendenz steigend. Meist äußert sich die Krankheit in einem chronischen Husten mit Auswurf, pfeifenden Atemgeräuschen und belastungsabhängiger Atemnot.

"Stellen Sie sich vor, Ihr Kopf wird unter Wasser gedrückt und Sie können nicht mehr auftauchen und Luft holen. Sie haben panische Angst vor dem Ertrinken", so beschreibt Sylvia Hartl, Lungenfachärztin am Wiener Otto Wagner Spital und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP), wie sich ein COPD-Kranker fühlt. Hartl nennt die Dinge beim Namen: "COPD ist eine furchtbare Krankheit und darf nicht verharmlost werden."

Mehr Lebensqualität

Heilbar ist die Erkrankung nicht. Medikamente lindern lediglich die Symptome. Forscher suchen seit Jahren nach neuen Therapien. Große Hoffnung setzt die Wissenschaft in die sportliche Aktivität der Patienten. Zahlreiche internationale Studien haben positive Effekte nachgewiesen. "Aktivität ist der allerbeste Prädiktor für verminderte Mortalität", sagt Otto Burghuber, Abteilungsvorstand der 1. Internen Lungenabteilung am Otto Wagner Spital in Wien. "Bewegung ist eine der allerwichtigsten Maßnahmen, um die Lebensqualität zu erhalten".

Während es in Deutschland nahezu flächendeckend Lungensportgruppen gibt, hinkt Österreich dieser Entwicklung noch deutlich hinterher. Die Sportunion Österreich und der ASKÖ wollen nun in Kooperation mit der SVA ein Trainingsprogrammen anbieten, das gemeinsam mit dem Wiener Otto-Wagner-Spital entwickelt worden ist und sich auch für COPD-Patienten eignet.

Bewegung als Therapie

Doch was kann körperliches Training einem chronisch Kranken Positives bringen? COPD-Patienten befinden sich in einem Teufelskreis. Wer im Alltag bei jeder noch so kleinen physischen Aktivität schwer nach Atem ringt, tendiert dazu, sich immer weniger zu bewegen. Die Folge ist: Muskulatur wird abgebaut und die Leistungsfähigkeit reduziert sich weiter.

Durch regelmäßiges und zielgerichtetes Training lässt sich die Abwärtsspirale durchbrechen. "Durch Sport kann dieses Defizit sogar gut aufgehoben werden", zeigt sich Hartl überzeugt. Die Erkrankung kann sich sogar deutlich verbessern und die zu erwartende Verschlechterung verzögert sich. In diesem Sinn wird Lungensport auch nicht als rehabilitative, sondern als therapeutische Maßnahme verstanden.

"Durch die körperliche Aktivität wird zudem eine Ökonomisierung des Kreislaufs und aller Organe erreicht", sagt Burghuber. Konkret heißt das: Der Organismus verbraucht, bedingt durch das Training für bestimmte Leistungen deutlich weniger Energie. Das hat natürlich auch auf die Lunge positive Effekte. "Der Patient muss für eine bestimmte Anstrengung weniger atmen. Gleichzeitig kommt es zur Verminderung der Atemnot", sagt der Lungenspezialist.

Ausdauer und Kraft

Das Lungensportprogramm der Sportunion sieht zweimal wöchentlich 90 Minuten Training vor. "Davon sind mindesten 45 Minuten Herz-Kreislauf-Training. Insgesamt sollen mindestens sechs Muskelgruppen trainiert werden", sagt Christian Lackinger, Leiter der Gesundheitsabteilung der Sportunion.

Vorweg ist eine ärztliche Untersuchung angesagt. Die körperliche Leistungsfähigkeit, speziell des Herz-Kreislauf-Systems, wird zunächst mit dem Fahrradergometer erhoben. Der Belastungstest verläuft im Wesentlichen nicht anders, als beim gesunden Menschen auch - beim Kranken wird lediglich eine niedrigere Leistungsschwelle erwartet.

So setzt das Ausdauertraining beim Gesunden bei 60 bis 80 Prozent der maximalen Leistungsfrequenz des Herzen an. "Beim COPD-Patienten wird diese - aufgrund der Atemnot - 60 Prozent nicht übersteigen", sagt Hartl. Wesentlich für die Erstellung eines Trainingsplans ist die Berücksichtigung von Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Osteoporose. Mit den Ergebnissen der Ergometrie wird die individuelle Trainingsintensität und -belastung festgelegt. Das weitere Training übernimmt dann der Sporttherapeut, eine ärztliche Überwachung ist in der Regel nicht erforderlich.

Sehr gute Effekte zeigte in Untersuchungen mit COPD-Patienten das Nordic Walking. Wer es richtig macht, kann dabei die Gesamtmuskulatur, inklusive der Atemmuskeln, stärken und die Leistungsfähigkeit erhalten. Darüber hinaus ist Walken eine im Vergleich günstige Form sportlicher Betätigung, die sich gut in den Alltag integrieren lässt.

Dosis selbst bestimmen

In der kalten Jahreszeit lautet die Empfehlung "Indoor" zu gehen und beispielsweise in Turnhallen der Sportvereine zu trainieren. "Leider sind diese aus der Mode gekommen, die Angebote sind aber effektiv und oft auch in der näheren Wohnumgebung realisierbar", sagt Hartl. Zirkeltraining, Übungen mit Latexbändern, Ballgymnastik, Turnen mit Bänken - die ganze Palette an konventionellen Turnübungen, die an den Schulsport der 1970er und 80er Jahre erinnern, bietet sich hier an. "Die Koordination wird gefördert und die Muskulatur gestärkt und viele Übungen lassen sich auch mit Atemnot bewältigen", sagt die Expertin. Wird die Luft knapp, kann der Patient die Bewegung selbst dosieren und steuern, indem er beispielsweise die Geschwindigkeit reduziert.

In der Behandlung der COPD hat Sport jedenfalls längst den gleichen Stellenwert wie die medikamentöse Therapie. "Ketzerisch würde ich sagen, dass Bewegung sogar wirkungsvoller ist als Medikamente", sagt  Burghuber. Die Lebensfreude und das steigende Selbstvertrauen der Patienten sind als positive Nebenwirkungen der erhöhten Leistungsfähigkeit ebenfalls nicht zu übersehen. (Margret Handler, derStandard.at, 2.10.2013)

  • Besonders unangenehm für Patienten mit COPD ist die belastungsabhängige Atemnot.

    Besonders unangenehm für Patienten mit COPD ist die belastungsabhängige Atemnot.

Share if you care.