Die endlose Safari des Herrn Stohl

Porträt1. September 2013, 17:38
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Vor drei Jahren ist Rudi Stohl, im Privatleben Weltenbummler im Rallyeauto, in Pension gegangen. Der Wiener hat nicht nur allerhand zu erzählen von seinen Taten, sondern auch allerhand vor. Schließlich hört Afrika nicht auf zu rufen

Groß-Enzersdorf - Der Rallyefahrer Rudi Stohl hat viel zu erzählen von Abenteuern in fernen Ländern, von Afrika, Indien, China, Arabien, Südamerika oder Australien, und er erzählt es in Groß-Enzersdorf, im Büro der Tuning-Firma seines Sohnes Manfred. Irgendwann schaut der 66-Jährige sinnierend auf den großen Besprechungstisch, ehe er sagt: "Das Geld, das ich privat verfahren bin, würde einen ganz schönen Haufen ergeben. Ich wär aber trotzdem ein armer Mensch, wenn ich das nicht erlebt hätte."

Seit drei Jahren ist der gelernte Kfz-Mechaniker und Karosseur in Pension, hat aber reichlich zu tun. Mit Angelegenheiten, die früher zu kurz gekommen sind, etwa mit der Instandhaltung seines Hauses in Essling unweit von Groß-Enzersdorf, aber noch in Wien gelegen. Dazu kommt, "dass ich einen Sprachfehler habe, nicht Nein sagen kann, wenn mich jemand um etwas bittet".

Stohls Weltreise hat, wenn man nur weit genug ausholt, seinen Ursprung in Südmähren, von wo seine Eltern 1946 nach Österreich flüchteten. Rudi kam 1947 zur Welt, seine Eltern arbeiteten zunächst bei einem Bauern im Marchfeld, dann auf dem Weißen Hof bei Klosterneuburg. Dort lebte Rudi, bis er fünf war.

1988 sollte er wieder auf den Weißen Hof kommen. Der war zu dieser Zeit kein landwirtschaftlicher Betrieb mehr, sondern ein Reha-Zentrum. Stohl baute sich bei der Bandama-Rallye in Côte d'Ivoire fürchterlich ein, erlitt unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma, verbrachte drei Wochen im Unfallkrankenhaus, dann drei Wochen auf dem Weißen Hof. Und heute erzählt er vom ORF-Interview, das er damals gab. "'Herr Stohl', bin ich gefragt worden, 'werden Sie weiterfahren?' Ich hab' geantwortet: 'Sicher. Wenn ein Zimmermann einen Nagel falsch reinhaut, hört er ja auch nicht auf.'"

Der Moskwitsch, die Lada

Das war das einzig richtig Grobe, das Rudi Stohl in seiner langen Rallyekarriere widerfuhr. Die begann Ende der Sechzigerjahre. Er, der Mechaniker, hatte bei der Firma ÖAF Gräf & Stift, wo er in die Lehre ging und die damals noch Austro-Fiat hieß, für eine Kundschaft ein Rallyeauto herzurichten, einen Moskwitsch. "Das waren zwei Herrenfahrer, sie sind immer ausgefallen." Den jungen Stohl überkam der Drang, dies auch auszuprobieren, und einen Moskwitsch, der einen Totalschaden erlitten hatte, konnte er sich leisten und reparieren. Die Erfolge waren mäßig. "Zehn Jahre lang haben sie gelacht über den Depperten im Moskwitsch", erzählt er. Stohl versuchte sich mit diversen Gebrauchten, startete 1972 zum ersten Mal bei der Akropolis-Rallye, die er insgesamt 20-mal bestreiten sollte. Erst im sechsten Anlauf schafft er es erstmals ins Ziel.

Stohl, der Moskwitsch-Pilot, blieb quasi russisch, besorgte sich eine Lada. Und musste erkennen, dass er mit dieser keine Chance hatte gegen die Konkurrenz bei österreichischen Rallyes. Er hörte von Rallyes in fernen Ländern, bei denen nicht so sehr Tempo gefragt war, sondern Dinge wie Durchhaltevermögen und Improvisationstalent zählten, um einem Auto über tausende Kilometer und Stock, Stein, Sand oder Gatsch die Fahrtüchtigkeit bis ins Ziel zu erhalten.

Zunächst lockte Indien. Der Veranstalter der Himalaya-Rallye kam für den Autotransport auf, Hauptsponsor Air India für die Flugtickets und auch für ein ORF-Team. "Das ist gut angekommen damals in 'Sport am Montag'." Stohl schaffte mit seiner Lada Platz fünf, und er schwärmt immer noch davon, dass ihn Indira Gandhi dafür beglückwünschte. Anzug und Krawatte für den Auftritt vor der Premierministerin hat er sich ausgeborgt.

In Indien lernte er auch den Veranstalter der Safari-Rallye kennen. Und 1981 startete er erstmals in Kenia. Am Steuer wechselte er sich mit Serienstaatsmeister Franz Wittman ab. Nach 4500 Kilometern und 1000 Kilometer vor dem Ziel schieden sie aus. Wegen Zeitüberschreitung. Im nächsten Jahr erreichte er als Zwölfter erstmals das Ziel. "Natürlich willst du gewinnen", sagt er, "aber es ist auch faszinierend, mit unterlegenem Material etwas zu erreichen." Zum Schlafen kam Stohl während seiner Abenteuer kaum. Wenn er nach einer langen Etappe, auf der immer wieder geschraubt oder was zurechtgebogen wurde, das Auto aus Schlammlöchern befreit wurde, ins Ziel kam, zur Zwangsrast, fuhren die Stars geduscht und ausgeschlafen schon wieder weg. Immerhin, bei 20 Safaris erreichte er 13-mal das Ziel.

Stohl, der Privatfahrer, hatte Talent darin, Geldgeber aufzustellen. Seine Autos wurden stärker, mit einem Audi schaffte er bei der Safari einmal als Privater unter den Werksfahrern Platz sieben, in Argentinien wurde er Vierter, und sein sportlich ganz großer Stolz ist ein zweiter WM-Platz in Griechenland. "Ich und die rot-weiß-rote Fahne vor der Akropolis, das ist so ein Moment, den man nicht vergisst."

38 Jahre lang arbeitet Stohl als Mechaniker bei ÖAF Gräf & Stift, ehe er im Jahre 2002 den Sparmaßnahmen zum Opfer fiel. Es war auch das Jahr, in dem er seinen letzten von 78 WM-Läufen bestritt, die Safari. Der Senior arbeitete danach in der Firma des Juniors, Stohl Racing, und unterstützte dessen Rallyeeinsätze. Seit drei Jahren ist er in Pension. Und hat einen Plan. Die Safari ist kein WM-Lauf mehr, aber das Rennen wird im Zweijahresrhythmus für historische Fahrzeuge ausgetragen. Das nächste Mal 2015. Die Safari, im Wortsinn die Reise, geht weiter.

Also hat sich Rudi Stohl eine Lada besorgt, Baujahr 1976. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 2.9.2013)

  • Safari-Rallye 1985: Rudi Stohl prügelt seine geliebte, aber im Vergleich zur Konkurrenz etwas untermotorisierte Lada durch Kenia. Den Weg weist ihm sein langjähriger Beifahrer Reinhard Kaufmann.
    foto: privat

    Safari-Rallye 1985: Rudi Stohl prügelt seine geliebte, aber im Vergleich zur Konkurrenz etwas untermotorisierte Lada durch Kenia. Den Weg weist ihm sein langjähriger Beifahrer Reinhard Kaufmann.

  • Rudi Stohl anno 2013 in der Werkstatt seines Sohnes Manfred. Der Senior schraubt nur noch ganz selten.
    foto: zelsacher

    Rudi Stohl anno 2013 in der Werkstatt seines Sohnes Manfred. Der Senior schraubt nur noch ganz selten.

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