Migrantinnen, die einander helfen: "Die Lösung ist die Sprache"

1. September 2013, 17:30
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Frauen mit Migrationshintergrund helfen anderen. Das Projekt "Nachbarinnen" setzt auf muttersprachliche Beratung. So sollen Probleme schneller erkannt werden

Wien - Drei Frauen sitzen auf der Parkbank, lachen und diskutieren. Sie wirken fröhlich, ihre Gesichter sind umhüllt von bunten Kopftüchern, deren kräftige Farben in der Sonne leuchten. Ihre Kinder toben sich in der Zwischenzeit auf dem Spielplatz aus. "Wir treffen uns oft im Park", sagt Asha Abdi Osman, "hier können wir ungestört reden." Osman kommt aus Somalia, seit vier Jahren lebt die Mutter von neun Kindern mit ihrer Familie in Österreich. In ihrer Heimat hat sie 15 Jahre lang bei der Uno im Bereich Frauenförderung gearbeitet, bevor sie nach Österreich flüchtete. In Wien setzt sie ihren Weg fort. Als Frau, die selbst noch nicht lange hier ist, weiß sie, mit welchen Schwierigkeiten Migrantinnen zu kämpfen haben. Sie übersetzt für andere Frauen, geht mit ihnen zum Elternabend und unterstützt sie bei Behördenwegen.

Osman ist eine von insgesamt 16 Frauen, die von Februar bis Juli im Rahmen des Projektes "Nachbarinnen" ausgebildet wurden. Die Frauen mit den verschiedensten Muttersprachen - sie kommen aus Somalia, Ägypten, der Türkei, Tschetschenien und dem Sudan - absolvierten einen auf ihre Rolle zugeschnittenen Lehrgang und arbeiten nun als soziale Assistentinnen. Seit September sind zehn der 16 Frauen beim Verein "Nachbarinnen" für 20 Stunden pro Woche angestellt. Ihre Aufgabe besteht darin, Kontakt zu anderen Migrantinnen zu pflegen, ihnen Ratschläge zu geben, sie in Sachen Deutschkurs zu beraten - oder ihnen einfach nur zuzuhören.

"Dann gelingt die Integration"

Heute sitzt Osman mit Roda Ali Elmi im Kongresspark in Wien-Ottakring zusammen. Elmi kommt ebenfalls aus Somalia und spricht noch kaum ein Wort Deutsch. Sie ist seit Dezember vergangenen Jahres hier. Nun versucht sie, nach und nach Fuß zu fassen, und ist froh über die Hilfe Osmans, die auch die Interviewfragen übersetzt. Die beiden Frauen haben sich bei einem Treffen des somalischen Frauenvereins kennengelernt. "Wenn ich Probleme habe, kann ich immer anrufen", sagt Elmi. "Asha begleitet mich zum Arzt und hat mich für den Deutschkurs angemeldet. Sie sagt, die Lösung ist die Sprache, dann gelingt die Integration."

Elmi hat vier Kinder. Warum sie mit ihnen nach Österreich gekommen ist? "Es war ein Schritt in Richtung Sicherheit. In Somalia herrscht seit 23 Jahren Krieg." In Österreich fühlt sich die Familie wohl, und Osman ist froh, helfen zu können: "Es gibt viele Frauen, die immer nur zu Hause sind und ihre Wohnung nicht verlassen. Sie sprechen kein Deutsch, haben kaum Kontakte. Es gibt jedoch viele Angebote, nur viele kennen die Möglichkeiten nicht." Warum ist es ein Vorteil, dass die Nachbarinnen ebenfalls einen Migrationshintergrund haben? "Wir können Probleme besser erkennen. Die Frauen vertrauen außerdem nicht allen, eher jemandem aus dem eigenen Land."

Nächster Jahrgang geplant

Initiiert haben das Projekt Christine Scholten, Ärztin aus Wien, und Renate Schnee, Leiterin der "Bassena" in der Siedlung "Am Schöpfwerk". Scholten: "Die Frauen sollen ein freies, unabhängiges Leben führen können. Ihre Kinder sollen nicht in der Sonderschule landen, nur weil sie Sprachprobleme haben." Finanziert wird der Verein von Privaten und mit Geldern der Stadt Wien und des Sozialministeriums. Ein Sprecher des Ministeriums sagt zum Standard: "Das Programm bildet auf innovative Art und Weise Mulitplikatorinnen aus der Zielgruppe der Migrantinnen aus, um die soziale Eingliederung dieser schwer erreichbaren Gruppe - besonders hinsichtlich Arbeitsmarkt und Ausbildung – zu fördern."

Nun ist ein weiterer Jahrgang geplant, Initiatorin Scholten lobt das Engagement der Frauen und kennt, wie sie sagt, kein wirkungsvolleres Programm. Auch die Frauen im Kongresspark wünschen sich, dass das Projekt weitergeführt wird. Rehab Kandil, ursprünglich aus Ägypten, lebt seit achteinhalb Jahren in Österreich. Sie hat Sozialarbeit studiert und ist froh, sich nun in Österreich "im gleichen Bereich weiterentwickeln" zu können. Kandil sagt: "Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe. Die Frauen brauchen Selbstständigkeit und sollen von niemandem abhängig zu sein." (Rosa Winkler-Hermaden, DER STANDARD, 2.9.2013)

  • Roda Ali Elmi (Bildmitte) ist seit Dezember in Österreich. Ihre "Nachbarinnen" (links und rechts) helfen ihr bei den ersten Schritten in Richtung Integration.
    foto: andy urban

    Roda Ali Elmi (Bildmitte) ist seit Dezember in Österreich. Ihre "Nachbarinnen" (links und rechts) helfen ihr bei den ersten Schritten in Richtung Integration.

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