"Steinbrück darf kein aggressiver Wadlbeißer sein"

Interview31. August 2013, 12:10
16 Postings

Politologe Thorsten Faas: Herausforderer muss bei TV-Duell deutlich machen, warum es sich lohnt, ihn zu wählen

Der SPD-Kandidat darf allerdings nicht zu aggressiv sein, sagt Faas im Gespräch mit Birgit Baumann.

derStandard.at: Wie wichtig ist das TV-Duell zwischen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und ihrem SPD-Herausforderer Peer Steinbrück am Sonntagabend?

Faas: Es ist das wichtigste Einzelereignis dieses Wahlkampfes und die Reichweite wird enorm sein. 2002, beim ersten Duell Gerhard Schröder gegen Edmund Stoiber schauten 15 Millionen Menschen zu, 2005, als Angela Merkel gegen Schröder antrat waren es 20 Millionen. Selbst 2009, als es zwischen Merkel und SPD-Kandidaten Frank-Walter Steinmeier aufgrund der großen Koalition nicht so spannend war, waren 14 Millionen Zuseher dabei.

derStandard.at: Was kann dieses Format leisten?

Faas: Unsere Studien haben gezeigt, dass sehr viele Menschen, die sich für Wahlkampf und Politik kaum interessieren, doch mit diesem TV-Duell erreicht werden können – sei es, dass sie bewusst einschalten oder beim Zappen hängen bleiben. Die Sendung läuft ja auf vier Programmen und Co-Moderator Stefan Raab könnte Jüngere ansprechen. Die Zuseher vergleichen dann Personen sowie Programme und zeigen auch nachher mehr Interesse am Wahlkampf. Das Duell endet ja nicht am Sonntag um 22 Uhr. Danach beginnt die Deutung und jeder kleine Fehler wird fünf Mal durch die mediale Mühle gedreht.

derStandard.at: Wer kann lockerer ins Duell gehen – Steinbrück oder Merkel?

Faas: Zunächst ist es für Steinbrück eine Riesenchance. Merkel ignoriert ihn ja im Wahlkampf konsequent. Nun aber muss sie sich mit ihm befassen, er steht ihr 90 Minuten lang auf Augenhöhe gegenüber. Der Druck auf ihn ist sehr hoch. Wenn es nachher heißt: „Steinbrück war ganz nett", dann ist das zu wenig. Er muss punkten.

derStandard.at: Wie kann ihm das gelingen?

Faas: Er muss darlegen, warum es sich lohnt, ihn zu wählen, muss also die Unterschiede zwischen ihm und Merkel herausarbeiten.

derStandard.at: Die Kanzlerin wird hingegen erklären, dass es Deutschland mit ihr gutgehe?

Faas: Das wird ihre Strategie sein, alles andere wäre eine unglaubwürdige Kursänderung. Es geht gar nicht so sehr um Fakten, sondern mehr darum, wer es schafft seine Beschreibung besser rüberzubringen. Merkel wird darauf hinweisen, dass die Arbeitslosigkeit niedrig ist. Steinbrück wird kontern, dass immer mehr Menschen zwei Jobs brauchen, um durchzukommen.

derStandard.at: Welchen Fehler dürfen beide nicht machen?

Faas: Steinbrück darf kein aggressiver Wadlbeißer sein und sich nicht zu sehr in Details verlieren. Das passiert ihm manchmal. Merkel sollte sich nicht provozieren lassen, aber das wird Steinbrück ohnehin nicht gelingen.

derStandard.at: Das Regel-Korsett ist sehr eng. Kann da überhaupt Spontaneität und Unvorhergesehenes entstehen?

Faas: Es wird schwierig bei all den Redezeitbegrenzungen, ausgeschlossen ist es natürlich nicht. Bisher hat bei deutschen TV-Duellen noch keiner grobe Fehler gemacht, aber in so einer Sendung zählt natürlich jede kleine Geste. George Bush senior hat 1992 während des Duells gegen Bill Clinton auf die Uhr geschaut, dann hieß es, er sei ungeduldig und uninteressiert. Die Wahl hat er verloren. (derStandard.at, 31.8.2013)

  • Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Empirische Politikforschung" an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Er beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und Wirkung von TV-Duellen.
    foto: privat

    Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Empirische Politikforschung" an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Er beschäftigt sich mit der Wahrnehmung und Wirkung von TV-Duellen.

Share if you care.